Detlef M. Plaisier

Autor, Journalist und Verleger mit Herz für Ehrenamt und Politik

"Café Corbusier. Eine Rekonstruktion in Berlin": ein autobiografisches Sachbuch setzt einen neuen Standard

 

Das spannende Non-Fiction-Buch des deutsch-amerikanischen Autors und Architekten Philipp Mohr ist eine autobiografische Vergangenheitsaufarbeitung und zugleich ein Sachbuch. Mit viel Empathie, eigenen Recherchen und neuen Fakten, aber auch mit viel Mut und starken Nerven, deckt Mohr die bis heute versteckte Nazivergangenheit in der deutschen Architekturgeschichte auf. Dabei stößt er auch bei seiner persönlichen Familiengeschichte auf ungeahnte Zusammenhänge. In Form eines persönlichen Essays führt Mohr den Leser durch die moderne Architektur in Deutschland. Er vermischt dabei Autobiografie mit Kulturkritik und Architekturtheorie und setzt einen neuen Standard des autobiografischen Sachbuches.

Ausgangspunkt seiner Recherche ist die stilechte Renovierung einer Wohnung in Le Corbusiers berühmten Berliner Wohnhochhaus “Unité d’Habitation `Typ Berlin`” von 1957. Mohr hat diese Wohnung nach Originalplänen so rekonstruiert, wie sie nie zuvor ausgeführt worden war, und dafür internationale Anerkennung bekommen.

Aber ausgerechnet in Berlin kam diese Rekonstruktion nicht gut an. Ebenso erging es dem berühmten Architekten Le Corbusier 60 Jahre zuvor am selben Ort — mit genau denselben Bauplänen. Als Corbusier nämlich in Berlin 1957 mit seinen Plänen auf breite Ablehnung stieß, wurde der Wohnturm am Ende so verschandelt, dass er sich gezwungen sah, das Gebäude nach einem verzweifelten und glücklosen Kampf aus seinem Werk zu streichen. Bei seiner Recherche zu diesem Wohnhaus stößt Mohr in den Archiven auf bisher unveröffentlichtes Material und beginnt weiter zu hinterfragen und zu rekonstruieren. Zeitgleich beginnt in seinem Privatleben eine ähnliche Suche nach Fakten und Dokumenten. In beiden Fällen stellt sich heraus, dass dass viele gegenwärtige Unklarheiten in der Zeit des Dritten Reiches verwurzelt sind.Und in beiden Fällen kommt er durch die neuentdeckten Unterlagen zu völlig neuen Rückschlüssen. So rekonstruiert Mohr sich aus den historischen Materialien sowohl neue Gebäude und Strukturen als auch ein verändertes Selbstverständnis.

Die zentrale Frage stellt sich ihm, warum Le Corbusier als der größte Verfechter der modernen Architektur damals mit seinen Projekten in Berlin auf so große Ablehnung stieß. Und warum sein Werk auch heute noch mißverstanden wird, wo doch der von ihm vorformulierte moderne Baustil als die globale Norm der Gegenwart allemein akzeptiert wird. Mohr geht daher der Frage nach, warum die heutige Umwelt so durchgehend modern geworden ist und warum im Gegensatz dazu die klassizistischen Bauformen weltweit Tabu geworden sind. Inwiefern hat das alles mit dem Dritten Reich zu tun? Und ist das BAUHAUS mit seinem sozialistischen Anspruch womöglich gar nicht der Ursprung für die Ideologie der Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg?

Mit einem grossen Schatz an bisher unveröffentlichten Texten, Zeichnungen und Modellen ausgerüstet, projiziert Mohr eine parallele und utopische Welt, die so niemals in Berlin ausgeführt wurde und somit bis heute in Archiven verstaubte. Zum ersten Mal werden die originalen Stadt- und Architekturpläne, sowie Texte Le Corbusiers für Berlin rekonstruiert und in ihrer Gesamtheit gezeigt. Mohr fragt sich sowohl, was an den Plänen Le Corbusiers bis heute so gefährlich ist, als auch warum es so schwierig ist, mit dem Thema öffentlich umzugehen. Dabei entdeckt er, dass durch die Stigmatisierung des Dritten Reiches und eine daraus resultierende Identitätsverdrehung auch die kulturelle Bedeutung vertauscht wurde: Was einmal radikal und avantgardistisch war, wurde bürgerlich, und was einmal bürgerlich und klassisch war, wurde zu einem Tabu.

In seiner Einleitung beschreibt der Autor Stephen Crafti bewundernd die liebevolle Renovierung der Le Corbusier-Wohnung durch Philipp Mohr. Die kleine Wohnung wurdesehr detailgetreu restauriert. Craftis Reisegruppe von internationalen Fachleuten ist beim Anblick der Wohnung geradezu sprachlos.

In seinem eigenen Vorwort beschreibt Mohr, wie der ornamentlose Designstil in der Architektur und bei industriellen Produkten scheinbar als Code benutzt wurde, um ein neues postfaschistisches Zeitalter zu propagieren. Als sei damit ein neuer Code geschrieben worden, mit dem die westlichen Republiken nach 1945 umprogrammiert wurden.

In den ersten Kapiteln erzählt Mohr von seiner eigenen deutschen Herkunft und seiner Entdeckung, dass seine verstorbene Mutter ihre Vergangenheit vertuschte. Mohr, der schon als Kind vom Bauhaus-Stil und dem Modernismus der 20er Jahre begeistert gewesen war, kommt nach zwanzig Jahren Auslandsaufenthalt in den USA nach Deutschland zurück. Seine Mutter war 2014 unerwartet gestorben, und er nimmt sich vor, ihren Nachlass zu bearbeiten. Nebenbei entdeckt er in Berlin eine Wohnung des Architekten Le Corbusier, die er kaufen und renovieren will. Während der Renovierung stösst Mohr auf unzählige Dokumente und Artefakte, mit denen er für sich eine alternative Architekturgeschichte rekonstruiert. Die Miteigentümer des Hochhauses machen ihm aber eine Strich durch die Rechnung, als Mohr die Zustimmung für einen Deckendurchbruch bei der jährlichen Eigentümerversammlung ersucht. Es fällt Mohr an dieser Stelle auf, dass die physische Nähe des Corbusier-Gebäudes zu dem faschistischen Olympiastadion nicht zufällig sein kann. Er hinterfragt einerseits Le Corbusiers Beweggründe, ausgerechnet dort zu bauen, und andererseits die der Bewohner, sich so nah an dem faschistischen Olympiastadion niederzulassen.

Durch seine Entdeckung, wie heimtückisch in seiner Familie mit der Vertauschung von Identitäten vorgegangen wurde, um die Nazivergangenheit zu verstecken, beginnt Mohr Rückschlüsse zu der Architekturgeschichte in Deutschland zu ziehen. Es folgen Aufdeckungen und eine Aneinanderreihung von Zusammenhängen, die auf diese Weise ein ganz neues Bild der Vergangenheit zeichnen.

Mohr zeigt aber auch mit viel Begeisterung, welchen kulturellen Wert die Arbeit Le Corbusiers hat und heute für Berlin gehabt hätte, wären seine Ideen umgesetzt worden. Unter den vielen verlorenen Designs Le Corbusiers befinden sich ein inzwischen wieder zerstörter Dachpavillon, mehrere ungenutzte Räume für Cafés und Einzelhandel, eine umrealisierte Tiefgarage mit unterirdischem Zugang zum Wohnhaus, umrealisierte Fahrradwege, eine geplante direkte Brücke zur S-Bahnstation. Und auch ein unrealisierter Städtebauentwurf und ein ausgeklügeltes Verkehrssystem für die Innenstadt Berlins:

Eine Planung für eine verkehrsberuhigte Innenstadt, mit Tunnels, Parkgaragen, Fahrradwegen, Grünflachen und grossen lichtdurchfluteten Standardwohnungen für alle Bürger in der Innenstadt (Berlin-Mitte) sowie einer Reihe Hochhäuser. Dies sind alles sehr ausgereifte und immer noch aktuelle Visionen, die Le Corbusier schon in den 50er Jahren für Berlin aufzeichnete. Und auch diese Pläne wurden damals abgelehnt und verschwanden in den Archiven.

Mohr verdeutlicht, dass die Vision Le Corbusiers und viele Probleme der modernen Gesellschaft zu lösen vermag. Mit einfachen Mitteln wird große Kunst gemacht. Laut Mohr liegt die "Schönheit der Architektur nicht im Material oder der Form, sondern in der Nutzung, welche die Architektur ermöglicht". Wie ein Gerippe, das nur die Struktur für das tägliche Leben darstellt, sich aber niemals in den Vordergrund drängt. Und er beklagt "die kontinuierliche Vernachlässigung, Zerstörung und Schändung dieses Hauptwerks des wichtigsten Architekten unserer Zeit".

Mohr beschreibt, wie diese kulturelle Geschichte sich seiner Meinung nach traumatisch auf die moderne Gesellschaft ausgewirkt hat. Trauma ist auch in seinem persönlichen Leben ein Thema und in seiner Recherche tun sich Parallelen zwischen eigener Familienherkunft und deutscher Kultur auf. Der verbindende Faden führt in beiden Fällen durch die Zeit des Nationalsozialismus.

In einem Nachwort schliesst Mohr damit, dass nicht nur die Bedeutung der modernen Architektur verdreht wurde, sondern dass auch ein sehr wichtiges Kapitel in Le Corbusiers Lebenslauf in Deutschland ausradiert wurde. Durch wiederholte Stigmatisierung Deutschlands in zwei Weltkriegen wurde in der akademischen Geschichtsschreibung versteckt, dass Le Corbusiers moderne Architektur eigentlich in Deutschland entstanden war. Le Corbusiers moderner Architekturstil basiert laut Mohr letztendlich auf Le Corbusiers Erfahrungen in Berlin. Und ausgerechnet in Berlin endet und scheitert Le Corbusiers Lebenswerk.

Im Anhang veröffentlicht Mohr zum ersten Mal einen Text, den Le Corbusier für ein deutschsprachiges Buch über sein Berliner Wohnhaus geschrieben hatte, mit den dazugehörenden Bildern und Zeichnungen. Ein ebenfalls unveröffentlichter Pressetext wird in seiner Gesamtheit gedruckt und mit dazu passenden Zeichnungen und neuen Rekonstruktionen illustriert.

Philipp Mohr: Café Corbusier. Eine Rekonstruktion in Berlin. Buch kartoniert, Paperback, Farbe und s/w. 224 Seiten, Deutsch und Französisch. Originalausgabe Dezember 2021. edition Kronzeugen, Westrhauderfehn. ISBN 978-3-9821953 -6-0.