Detlef M. Plaisier

Autor, Journalist und Verleger mit Herz für Ehrenamt und Politik

Reingelesen. Verdammt. Vergöttert: Buchrezensionen

 

Schon von 2012 bis 2017 habe ich unter https://www.detlef-plaisier.de/beruf/lesekabinett-leipzig-rezensionen Buchrezensionen veröffentlicht und dazu auch Gastrezensenten eingeladen. Das möchte ich an dieser Stelle nach der Buchmessewoche Leipzig 2022 wiederaufnehmen und gleichzeitig die alten Besprechungen wieder einstellen. Sie werden nach und nach ergänzt.

Die Rezensionen geben nicht zwingend meine eigene Meinung wieder - was bei Rezensionen allgemein selbstverständlich sein sollte. Und jeder Rezensent hat einen eigenen Stil, einen eigenen Aufbau. Ich finde das sehr reizvoll und lesenswert. Viele der besprochenen Titel nehme ich noch heute zur Hand.

Vielen Dank an die Verlage und die folgenden Rezensentinnen und Rezensenten:

Monika Albert, Jasmin Beer, Dorothee Bluhm, Sarah Czerwa, Kathrin Demuth, Jolanta Drywa, Dr. Thomas Feist, Julia groß, Ahu Gür, Petra Gugel, Susann Heinze-Wallmeyer, Eva-Maria Kasimir, Cornelia Lotter, Michaela Marx (Kairo), Holger Micklitza, Moritz Müller (Leipzig), Isabella Münzer, Manuel Niemann, Miguel Peromingo, Harry Pfliegl (Sochor), Eva Rakel, Sarah Teicher, Carina Tietz, Birge Tramontin, Steffi Wagner, Katja Weber und Harald Wurst.

Liste der Rezensionen (wird laufend ergänzt)

 

2022

Christiane Hoffmann, Alles, was wir nicht erinnern.  |  Rezensent: Nils Müller, Leipzig

2017

2016

2015

Henriette Heil, Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt.  |  Rezensentin: Sarah Teicher

Verena Boss, Blutorangen  |  Rezensent: Harry Pfliegl

Meir Shalev, Zwei Bärinnen  |  Rezensentin: Dorothee Bluhm

Marina Gartner, SPACES. Freie Kunsträume in Deutschland.   |  Rezensent: Harry Pfliegl

Terézia Mora, Nicht sterben  |  Rezensentin: Carina Tietz

Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther  |  Rezensentin: Carina Tietz

Anat Talshir, Über uns die Nacht  |  Rezensentin: Jasmin Beer

Edith Pearlman, Honeydew  |  Rezensentin: Katja Weber

Eril Lindner, Auf der Suche nach dem Nudossi-Äquator  |  Rezensentin: Cornelia Lotter

Roger Cockrell (Hrsg.), Michael Bulgakow. Ich bin zum Schweigen verdammt.  |  Rezensentin: Julia Groß

Helle Helle, Färseninsel  |  Rezensentin: Yvonne Giebels

John Burnside, Haus der Stummen  |  Rezensentin: Katja Weber

Damon Galgut, Arktischer Sommer  |  Rezensentin: Cornelia Lotter

Julia Jessen, Alles wird hell  |  Rezensentin: Yvonne Giebels

Paul Pickering, Die Frau des Leoparden  |  Rezensentin: Katja Weber

Christina Baker Kline, Der Zug der Waisen  |  Rezensentin: Julia Groß

Donna Tart, Der Distelfing  |  Rezensentin: Kathrin Demuth

r.evolver, The Nazi Island Mystery  | Rezensent: Harry Pfliegl

Ryan Bartelmay, Voran, voran, immer weiter voran  |  Rezensentin: Dorothee Bluhm

Heike Guderjahn (Hrsg.), April, Sturm und andere Turbulenzen  |  Rezensentin: Eva-Maria Kasimir

Jan Guillou, Der Brückenbauer  |  Rezensentin: Dorothee Bluhm

Steven Galloway, Der Illusionist  |  Rezensent: Harry Pfliegl

Martin Compart, Die Lucifer-Connection  |  Rezensent: Harry Pfliegl

Zoe Angel & Charly Blood, Im Prater tanzt der Sendsenmann (Morbus Bd. 2)  |  Rezensent: Harry Pfliegl

Matthias Jügler, Raubfischen  |  Rezensentin: Katja Weber

Gunnar Ardelius, Die Liebe zur Freiheit hat uns hierher geführt  |  Rezensentin: Carina Tietz

Conrad Lerchenfeldt, Die Legende der böhsen onkelz  |  Rezensent: Harry Pfliegl

Jenna Blum, Die uns lieben  |  Rezensentin: Katja Weber

Jens Steiner, Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit  |  Rezensentin: Yvonne Giebels

Patrick Modiano, Ein so junger Hund  |  Rezensent: Harald Wurst

Anne Köhler, Ich bin gleich da  |  Rezensent: Harry Pfliegl

Rupert Dance und Lilian A. Darling, Blaue Feen und Weiße Königinnen. Die Essenz der Märchen. Rezensent: Harry Pfliegl

Wolf Schmid, Pedalpilot Doppel-Zwo  |  Rezensentin: Eva Maria Kasimir

Yali Sobol, Die Hände des Pianisten  |  Rezensenti:n Jasmin Beer

Michael Cunningham, Die Schneekönigin  |  Rezensentin: Jasmin Beer

Daniel Hoch, Aufschieberitis  |  Rezensentin: Jasmin Beer

Kate Bethune, Das kleine Buch vom Heiraten  |  Rezensentin: Eva Maria Kasimir

André Herzberg, Alle Nähe fern  |  Rezensentin: Carina Tietz

Susan Jane Gilman, Die Königin der Orchard Street  |  Rezensentin Jasmin Beer

Carlos Maria Dominguez, Das Papierhaus  |  Rezensentin: Cornelia Lotter

Andreas Hock, Bin ich denn der Einzigste hier, der wo Deutsch kann?  |  Rezensent: Harry Pfliegl

Simone Lappert, Wurfschatten  |  Rezensent: Harry Pfliegl

Meir Shalev, Zwei Bärinnen  |  Rezensent Harry Pfliegl

Boris Pofalla, Low  |  Rezensent: Harry Pfliegl

Jens Steiner, Carambole  |  Rezensentin: Cornelia Lotter

Lutz Schebesta, Pappnase  |  Rezensentin: Yvonne Giebels

Crippa / Onnis, Wilhelm Brasse. Der Fotograf von Aas uschwitz  |  Rezensent: Dr. Thomas Feist

Liad Shoham, Stadt der Verlorenen  |  Rezensentin: Jasmin Beer

Hannah Kent, Das Seelenhaus  |  Rezensent: Harry Pfliegl

Karen Köhler, Wir haben Raketen geangelt  |  Rezensentin: Cornelia Lotter

Agnes Christofferson, Elsas Stern  |  Rezensent: Harald Wurst

Hanns Zischler, Das Mädchen mit den Orangenpapieren  |  Rezensent: Harry Pfliegl

Brian Conaghan, Jetzt spricht Dylan Mint und Mr. Dog hält die Klappe  |  Rezensentin: Isabella Münzer

Dorthe Nors, Handkantenschlag  |  Rezensentin: Yvonne Giebels

Kenzabura Ôe , Licht scheint auf mein Dach  |  Rezensentin: Jasmin Beer

Alexandra Friedmann, Besserland   |  Rezensent: Harry Pfliegl

Shreyas Rajagopal, Scar City  |  Rezensent: Harald Wurst

Lutz Seiler, Kruso  |  Rezensentin: Cornelia Lotter

Katja Kettu, Wildauge  |  Rezensent: Harry Pfliegl

2014 (47)

Riikka Pulkkinnen, Die Ruhelose  |  Rezensentin: Yvonne Giebels

In zehn Schritten ... Ratgeber von Madame Missou  |  Rezensent: Detlef Plaisier

Mechtild Borrmann, Die Geigerin  |  Rezensentin: Cornelia Lotter

Sherko Fatah, Der letzte Ort  |  Rezensentin: Dorothee Bluhm

Richard Surface, Das Vermächtnis  |  Rezensent: Harry Pfliegl

Ulla-Lena Lundberg, Eis  |  Rezensent: Harry Pfliegl

Teresa Toten, Der ungewöhnliche Held aus Zimmer 13 B  |  Rezensentin: Yvonne Giebels

Philip Teir, Winterkrieg  |  Rezensent: Harald Wurst

Katja Kettu, Wildauge  |  Rezensentin: Cornelia Lotter

Sophie Sumburane, Gefährlicher Frühling  |  Rezensent: Harry Sochor

Sofi Oksanen, Als die Tauben verschwanden  |  Rezensent: Harald Wurst

Ted Thompson, Land der Gewohnheit  |  Rezensentin: Dorothee Bluhm

Monika Carbe, Die Friedhofsgärtnerin  |  Rezensentin: Yvonne Giebels

Anita Augustin, Alles Amok  |  Rezensent: Harry Sochor

Siegfried Wittwer, Das Lächeln der Gerberstochter  |  Rezensentin: Sarah Czerwa

Lautent Seksik, Der Fall Eduard Einstein  |  Rezensent: Harald Wurst

Katrin Roßnick, Torjubel, Thunfisch und Tofu. Das Kochbuch zur Fußball-WM in Brasilien  |  Rezensent: Detlef Plaisier

Roope Lipasti, Ausflug mit Urne  |  Rezensent: Harald Wurst

Lucy Fricke, Takeshis Haut  |  Rezensentin: Dorothee Bluhm

Ulrike Draesner, Sieben Sprünge vom Rand der Welt  |  Rezensentin: Cornelia Lotter

Hannah Winkler, Fe-Male  |  Rezensentin: Jolanta Drywa

Mel Wolfen, Vaterliebe  |  Rezensentin: Petra Gugel

Harald Gilbers, Germania  |  Rezensent: Harald Wurst

Cornelia Lotter, Elstertränen  |  Rezensent: Harry Sochor

Robin Sloan, Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbta  |  Rezensent: Harald Wurst

Michail Oscharow, Der große Argisch  |  Rezensent: Harry Sochor

Anne-Kathrin Behl, Matze vor, tanz ein Tor!  |  Rezensentin: Kathrin Demuth

Owen Matthews, Winterkinder  |  Rezensent: Harry Sochor

Wolfgang Herles, Susanna im Bade  |  Rezensentin: Dorothee Bluhm

Bruno Jaschke, Im Arsch daheim  |  Rezensent: Harry Sochor

Merle Hilbk, Die Chaussee der Enthusiasten  |  Rezensent: Ahu Gür

Rebecca Stephan, Zwei halbe Leben  |  Rezensentin: Dorothee Bluhm

Tom Rob Smith, Kolyma  |  Rezensentin: Monika Albert

Jan-Philipp Sendker, Herzenstimmen  |  Rezensentin: Yvonne Giebels

Yasmina Khadra, Die Lämmer des Herrn  |  Rezensent: Manuel Niemann

Atle Naess, Die Riemannsche Vermutung   |  Rezensent: Harald Wurst

Michail Schischkin, Venushaar  |  Rezensent: Miguel Peromingo

Arne Dahl, Neid  |  Rezensent: Moritz Müller

Stefan Müller, 111 Gründe, Bücher zu lieben  |  Rezensent: Harald Wurst

Milena Agus, Die Gräfin der Lüfte  |  Rezensentin: Steffi Wagner

Ulrike Sosnitza, Ein Klick zu viel  |  Rezensentin: Petra Gugel

Roy Jacobsen, Die Farbe der Reue  |  Rezensentin: Sarah Czerwa

Carlos Ruiz Zafón, Der Schatten des Windes  |  Rezensentin: Petra Gugel

Christian Schwetz, mails & love  |  Rezensent: Harry Sochor

Nessa Altura und Ulrike Blatter (Hrsg.), Diagnose Mord  |  Rezensent: Harry Sochor

Akif Pirinçci , Deutschland von Sinnen  |  Rezensent: Detlef Plaisier

Kéthévane Davrichewy, Am Schwarzen Meer  |  Rezensentin: Sarah Czerwa

2012 (8)

Ursula und Katrin Busch, Zurück nach Ägypten  |  Rezensentin: Michaela Marx, Kairo

Kressmann Taylor, Adressat unbekannt  |  Rezensent: Holger Micklitza Graf von Andechs

Kressmann Taylor, Adressat unbekannt  |  Rezensentin: Susann Heinze-Wallmeyer

Kressmann Taylor, Adressat unbekannt  |  Rezensent: Birge Tramontin

Kressmann Taylor, Adressat unbekannt  |  Rezensentin: Eva Rakel

Kressmann Taylor, Adressat unbekannt  |  Rezensentin: Yvonne Giebels

Niccolò Ammaniti, Du und Ich  |  Rezensent: Detlef Plaisier

Kay Schönewerk, Das Weiße ohne das Gelbe  |  Rezensent: Detlef Plaisier

Buchrezis 2022

 

Christiane Hoffmann; Alles, was wir nicht erinnern

Rezensent: Nils Müller, Leipzig

Was wissen wir eigentlich vom Fliehen?

Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde und sind seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts täglich mit dem Thema Flucht und Vertreibung konfrontiert. Und doch scheint es uns in unserem Alltag kaum zu betreffen, da wir, die Satten, nicht fliehen müssen, nicht vertrieben werden.

Christiane Hoffmann gelingt es, so stelle ich bei der Lektüre ihres Buches Alles, was wir nicht erinnern fest, einer Not so stark nachzuspüren, dass sie für uns greifbar wird. Mit jedem Schritt verlässt sie scheinbar die materielle Welt unseres Wohlstandes und taucht dort ein, wo uns die Geschichtsbücher allein lassen – bei der Gastfreundschaft des Ostens, bei den hautnahen Erinnerungen der kleinen Leute, bei den Hausaufgaben, den aufgerissenen Hosen, den Spielen der Kinder.

Hoffmann spürt nach, wie das war, als der Krieg über die Menschen kam, das Zerreiben der Menschen zwischen den Regimen, das Klammern an eine alte Zeit. Sie erlebt mit offenen Augen auch die Gegenwart, wenn sie sagt: Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Häuser sind fest, sie bleiben, Menschen kommen und gehen, werden vertrieben.

Zählte man das Wort Krieg in diesem Buch, die Zahl müsste einem in den Schoß fallen, so schwer hängt es an dem Aufgespürten dieser Reise in die Vergangenheit. Auch das macht diese Reise zu einer Reise an unsere eigene Komfortzone. Tote ruhen lassen ist die eine Seite der Wahrheit, ihre Geschichten zu erzählen, ihnen einen Platz zu geben, ist die andere Seite.

Was Christiane Hoffmanns Buch Alles, was wir nicht erinnern zu etwas besonderem macht, ist die entwaffnende Offenheit in Verbindung mit sanftmütigster Klarheit, mit der sie ohne Frust von der Not erzählt und uns zwischen den Zeilen mahnt, den Menschen bewusst zu begegnen.

Christiane Hoffmann, Alles, was wir nicht erinnern. Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters. C.H. Beck, 2022.

Buchrezis 2017

Dies ist ein Absatz. Klicken Sie hier, um Ihren eigenen Text einzugeben. Erzählen Sie hier Ihre Geschichte und verraten Sie Ihren Besuchern etwas mehr über sich.

Buchrezis 2015

 

Zoё Angel und Charly Blood, Morbus Band 2 – Im Prater tanzt der Sensenmann

Rezensent: Harry Pfliegl

Dass die Stadt an der Donau ein wenig anders ist, besagt schon ein Werbeslogan. Wie anders das Wien im Jahre 1984 wirklich ist, lernen der Privatdetektiv Bernd Waidmann und das Gruftie-Girl Petra Jesselmaier im Zuge ihrer Erlebnisse. Da gibt es das lebende Skelett Grimm, einen Teenager namens Sebastian, der über telekinetische Kräfte verfügt, eine lebende Puppe namens Maxi und noch viele weitere Gestalten, die eigentlich nur in den Sagen und Mythen der Stadt existieren sollten und doch mehr als real sind. Und dann wäre da noch Bernds Kontaktmann Harry, der irgendwie zwielichtig erscheint, denn er weiß mehr, als er anfangs zugibt, ist aber im Falle des Falles immer zur Stelle.

… und Clowns sind böse

Als Ergebnis des ersten Teils bekommen Petra und Bernd eine seltsame Einladung zum Stock-im-Eisen-Platz, der Petra auch nachkommt, Bernd jedoch nicht. Erwartet wird sie dort von Harry, der sich als Anführer einer Gruppe namens „Basilisk“ entpuppt. Deren Mitglieder kümmern sich bereits seit Jahrhunderten mit teilweise übersinnlichen Fähigkeiten darum, dass jene anderen Wesen, die die Stadt heimsuchen, entweder friedlich bleiben oder unschädlich gemacht werden. Diese Organisation will Petra, die selbst Visionen hat, und Bernd anwerben. Als Bernd nicht auftaucht, wird Petra vereidigt und die Organisation macht sich auf die Suche nach dem verschwundenen Fast-Mitglied. Dabei entdeckt die Gruppe, dass Bernd in dem Fall eines Buben ermittelt hat, der im Wiener Prater verschwunden und nach ein paar Tagen wieder aufgetaucht ist.

Merkwürdig: Ihn ergreift plötzlich Panik beim Anblick von Clowns. Das Ermittler-Team folgt den Spuren des Privatdetektivs, kommt ihnen dieses Vorgehen doch bekannt vor. Die Clowns kämen aus einer Parallel-Dimension und ernährten sich von den Emotionen der Kinder, die sie entführen und schlussendlich meist töten. Bernd jedoch hatte Glück. Er wurde zwar vom Clown angegriffen, jedoch von zwei Frauen im Prater entdeckt und gerettet. Sie nahmen ihn auf, pflegten ihn und stellten ihm Grimm, das lebende Skelett aus der Geisterbahn, vor. Grimm seinerseits hat Kontakte zu Basilisk, und als sein Freund Sebastian verschwindet, wendet er sich an die Organisation. Die Jagd ist eröffnet und kein böses Wesen entkommt den Fängen von Basilisk.

Mein Fazit

Wer ohnehin schon Horror-Fan ist, wird begeistert in diesen Geschichten schwelgen, aber auch all jene, die einfach nur gruslige Unterhaltung mögen. Ich jedenfalls möchte jetzt auch alle anderen Hefte lesen und eintauchen in das ganz andere Wien.

Zoё Angel und Charly Blood, Morbus Band 2 – Im Prater tanzt der Sensenmann. EVOLVER BOOKS, Wien 2013.

 

Buchrezis 2015

 

Henriette Hell: Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt

Rezensentin: Sarah Teicher

Auf der Suche nach dem Höhepunkt - sind wir das nicht alle irgendwie? Doch die Autorin Henriette Hell sucht ganz konkret: In „Achtung, ich komme!“ begibt sie sich auf große Orgasmus-Weltreise. Auslöser dafür ist heimischer Sexfrust, der Henriette vor Fragen stellt: Ticken Männer in Indien anders? Ist deutscher Sex einfach öde? Und warum reagieren viele Männer gleich vorwurfsvoll, wenn die Frau mal nicht zum Höhepunkt kommt?

Die 1985 geborene Journalistin aus Hamburg arbeitet unter anderem als Reporterin für GEO und SPIEGEL online und wurde bekannt durch ihr Blog HELLROT.

Sex-Experimente rund um die Welt

„Achtung, ich komme!“ ist eine Reportage rund um die weibliche Sexualität. Die experimentierfreudige Henriette macht sich auf die Suche nach einem unvergesslichen Orgasmus und probiert dabei einiges aus: Tantra-Praktiken in Indien, Sex mit einem Fremden in den Ruinen der Inkas, Sex mit einer Frau oder mehreren Partnern. Sie recherchiert und reist über Monate hinweg durch Indien, Afrika, Thailand, Kambodscha, Vietnam, Peru, Amerika und durch Europas Metropolen – langweilig wird es ihr und dem Leser dabei jedenfalls nicht, eine verrückte Episode folgt der nächsten. 80 Orgasmen, wie es der Titel verspricht, erfährt Henriette dabei zwar nicht, allerdings entpuppt sich ihr Roadtrip auch so als turbulent genug…

Sex sells Sex als Aufhänger und schon klingelt die Kasse – das gilt natürlich ebenso für „Achtung, ich komme!“. In schreiend rotem Einband und mit fettgedrucktem Titel giert das Buch nach lüsternen Lesern. Allerdings liest es sich auch als Reisereportage mit speziellem Fokus. Natürlich geht es hauptsächlich um Sex, aber eben ausschließlich um den weiblichen. Henriette erzählt kritisch vom Frauenbild in anderen Kulturen und philosophiert über Spiritualität, Erfüllung, Selbsterfahrung. Sie verknüpft informative Fakten mit eigenen Erfahrungen und Zitaten aus Popsongs – eine unterhaltsame Mischung.

Mein Fazit

Ein lesenswertes Buch, nicht nur für Frauen! Mit dem reißerischen Cover tut sich der Verlag allerdings keinen Gefallen. Während meiner Lektüre in der Straßenbahn sah ich mehrmals neugierige Blicke oder rollende Augen, abfällige Bemerkungen – das ganze Programm.

Dabei steckt doch überraschend viel Niveau in der Klappenbroschur: Henriette Hell spricht offen über Tabus und Fragen wie: Ist es nur Sex, wenn der Mann kommt? Stimmt etwas mit der Frau nicht, wenn sie beim Liebesakt keinen Orgasmus erfährt? Offen und ehrlich geht sie unliebsamen Tatsachen auf den Grund und macht schüchternen Frauen mit ihrer Message Mut: Traut euch zu sagen, was ihr braucht! Und auch die Männer können hier noch Einiges lernen.

Vielleicht trägt die plakative Aufmachung doch Früchte. Detaillierte Schilderungen erotischer Abenteuer bietet „Achtung, ich komme!“ zuhauf und erfüllt damit alle Erwartungen. Wen Understatement und eine kleine Prise Weisheit eher anmachen: Trotzdem zugreifen. Dieses Buch fällt auf, unterhält und bietet das kleine Quäntchen Mehrwert. Bestimmt.

Henriette Hell, Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen rund um die Welt. Blanvalet, 2015.

 

Verena Boos, Blutorangen

Rezensent: Harry Pfliegl

Können Menschen, die sich gerade erst begegnet sind, schon eine gemeinsame Geschichte haben? Ja, das können sie – zumindest in der Geschichte von Verena Boos, die den Leser mitnimmt durch drei Leben, den zweiten Weltkrieg und die Franco-Diktatur in Spanien und gleichzeitig die Aufarbeitung dieser Ereignisse betreibt, die allzu oft nur aus Verdrängung besteht.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold?

Das Auslandssemester in München ist für die junge Spanierin Maite, die eigentlich Maria Teresa heißt, anfangs nur eine Möglichkeit, ihrem strengen katholischen Elternhaus zu entfliehen. Doch in München verliebt sie sich in Carlos, der einen spanischen Vater hat, und lernt dessen Großvater Antonio kennen. Durch Zufall entdeckt sie, dass ihr Vater einst in der deutschen Wehrmacht war – und beginnt zu recherchieren.

In langen Gesprächen mit Antonio werden Zahlen und Fakten zu Menschen, Verfolgten und Verfolgern, Zivilisten und Soldaten, die alle im zweiten Weltkrieg, in der Ära Franco und oft noch darüber hinaus an den Traumata litten, die diese Zeit hinterlassen hatte. Doch es herrscht fast einmütig die Übereinkunft zwischen Tätern und Opfern, dass totgeschwiegen wird, was nicht gewesen sein darf. Und so verweben sich die Erinnerungen von Antonio und jene von Maites Vater zu einem Bild der damaligen Zeit, auch wenn Maite davon nur einen Bruchteil erfährt.

Höhepunkt ist die archäologische Bergung von sieben Toten in Antonios ehemaligen Dorf in Spanien, bei der dieser in Begleitung seiner Familie – Carlos und Maite, die mittlerweile verheiratet sind, sowie der Schwiegertochter Margot – zugegen ist. Hier ist Schweigen und Verdrängen plötzlich nicht mehr so einfach…

Drei Leben, eine Geschichte

Verena Boos erzählt ihre Geschichte nicht auf eine einfache, simple Art, die es leicht macht, ihr zu folgen. Ganz im Gegenteil, es wird zwischen drei verschiedenen Sichtweisen und Erlebnishorizonten der Protagonisten und drei verschiedenen Zeitebenen gewechselt, was anfangs verwirrt. Doch wer sich als Leser auf diese Art des Erzählens einlässt, für den entsteht bald ein lebendiges Bild der Charaktere. Gerade die unterschiedlichen Sichtweisen und Blickwinkel auf das Geschehen vermitteln ein Gefühl für die Figuren und lassen miterleben, wie die Welt für sie sein muss – und welche Beweggründe es für ihre Taten oder ihr Schweigen gibt.

Fakten aus dem Geschichtsunterricht erhalten so ein Gesicht, einen Namen und vielleicht auch Verständnis dafür, warum sich die Menschen damals für oder gegen ein bestimmtes System entschieden. Für jene, denen die Fakten hier zugunsten der Erzählung zu kurz kommen, gibt die Autorin am Ende des Buches Quellen zur Geschichte des spanischen Faschismus an.

Mein Fazit

„Blutorangen“ bereichert die oft schon reichlich abgenutzte Weltkriegsliteratur. Die unkonventionelle und gleichzeitig virtuose Erzählweise von Verena Boos nimmt den, der sich darauf einlässt, mit zur Geschichte hinter der Geschichte, zu den Menschen – und zu den eigenen Fragen, die man den Eltern oder Großeltern als Zeitzeugen nie stellen konnte oder durfte. Denn Schweigen ist nicht nur in Spanien Gold.

Verena Boos, Blutorangen. Aufbau Verlag, 2015.

 

Meir Shalev, Zwei Bärinnen. Mit der ganzen Wucht des Alten Testaments.

Rezensentin: Dorothee Bluhm

Abenteuerroman, Erzählung, Familiensaga, Krimi, dazu noch tiefe Einblicke in Beziehungen und Verstrickungen, Überlieferungen und Familiengeheimnisse einer alteingesessenen Familie in Israel: Mehr geht kaum. Und die karge Landschaft, die ebenso schroffen Bewohner und die Selbstverständlichkeit, mit der „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ gelebt wird, ziehen den Leser völlig in den Bann. Meir Shalev schafft es, in einer Erzählung der Gegenwart die Atmosphäre und Wucht des Alten Testaments einzufangen, in der ein Gott aber nicht präsent ist.

Liebe und Verlust, Glück und Grauen, Geheimnisse und Sühne

Ruta Tavori erzählt einer Interviewerin, die eine Forschungsarbeit schreibt, ihr gesamtes Leben. Dabei folgt sie keiner anderen Reihenfolge als der, die sie selbst wählt, setzt Schwerpunkte und Tempo mehr als eigenwillig. Im Mittelpunkt steht Großvater Seev aus Galiläa, ein knorriger Kerl mit Augenklappe, der schreckliche Geheimnisse verbirgt. Eines Tages geht er, um eine neue Siedlung zu gründen, woraufhin ihm sein Vater das Nötigste mit einem Wagen schickt: „… den ein mächtiger Ochse zog, so hieß es immer, ein mächtiger Ochse“, und der brachte „ein Gewehr, eine Kuh, einen Baum und eine Frau mit.“ Diese wichtige Reihenfolge, über die Jahre tradiert, setzt ganz klare Prioritäten.

Im Mittelpunkt stehen auch drei Selbstmorde im Jahr 1930, von denen alle Dorfbewohner wissen, dass nur zwei der Bauern tatsächlich selbst Hand an sich gelegt haben. Ruta enthüllt im Laufe der Erzählung die Hintergründe und Zusammenhänge hinter diesem Mord, sie zeigt: alle Beteiligten sind Täter und Opfer zugleich; 1930 ebenso, wie in Rutas Gegenwart.

Der Leser macht atemlos alle Sprünge mit, ist an beiden Erzählsträngen gleichermaßen interessiert und verfolgt mit Spannung und steigendem Entsetzen, dass Vergangenheit und Gegenwart, das Leben des Großvaters und das Leben der Enkelin Ruta mit starken Fäden verknüpft sind, die einem Jahrtausende alten Webmuster folgen und sich nicht durchtrennen lassen. Doch wenn das Erzählen aller Geschichten auch Therapie ist, stellt Ruta am Ende der Geschichte fest: „Wie Großvater Seev mag auch er es nicht, wenn man zu viel über bestimmte Taten und bestimmte Zeiten redet. Ich verstummte. Erinnerte mich: Ich bin auch so.“

Mein Fazit

Ein außergewöhnliches Buch mit außergewöhnlichem Erzählstil. Ich hatte sehr schnell das Gefühl, dass Ruta ihre Geschichte nur für mich allein erzählt. Ein Buch, das Bilder heraufbeschwört, Menschen erstehen lässt, eine andere Zeit und eine andere Moral nahtlos in die Gegenwart einpasst. Was für ein grandioses Buch. Ich konnte nur schwer wieder auftauchen.

Meir Shalev, Zwei Bärinnen. Diogenes Verlag, 2014.

 

Marina Gärtner, SPACES. Freie Kunsträume in Deutschland.

Rezensent:: Harry Pfliegl

Nach wie vor ist der Begriff Alternativkultur mit einem negativen Beigeschmack behaftet. Ein Grund dürfte darin liegen, dass sich die freie Kulturszene in der Vergangenheit meist an ein jüngeres Publikum richtete und oft aus dem Umfeld der Punks oder Hausbesetzer-Szene stammte. Dass sich in den vergangenen Jahren hier ein massiver Wandel vollzogen hat, beweist die Fotografin Marina Gärtner mit dem vorliegenden Buch.

Das bietet Spaces

„SPACES – Freie Kunsträume in Deutschland“ ist ein reiner Städteguide, in dem ausschließlich die freien Kunsträume der Republik dargestellt werden. Die Locations liegen mal in einem Keller, mal in einer privaten Wohnung oder haben in einem leerstehenden Gebäude ein Refugium gefunden. Marina Gärtner stellt diese freien Kunsträume kurz vor und markiert sie auf einem Stadtplan, sodass interessierte Besucher leicht den Weg finden. Eine hervorragende Idee mit einem großen Aber:

Grundsätzlich ist die Idee, freie Kunsträume zu präsentieren, hervorragend. Schließlich werden diese von offiziellen Stellen, Feuilletons und herkömmlichen Stadtführern meist nicht berücksichtigt, weil viele Locations nur Insidern bekannt sind. Allerdings ist Marina Gärtner mit ihrem Vorhaben etwas überambitioniert ans Werk gegangen. Denn obwohl dieser Städteführer nahezu 400 Seiten umfasst, kann er nur einen groben Überblick über die freie Kunstszene in Deutschland bieten.

So sind das Ruhrgebiet und Berlin aufgrund des großen Angebotes deutlich überrepräsentiert, während etwa aus ganz Bayern lediglich vier Locations in drei Städten vorgestellt werden. Alte Kulturstädte wie Regensburg, Passau oder Landsberg am Lech, wo sich eine freie Kunstszene schon seit den ausgehenden 1970ern etabliert hat, fehlen komplett.

Eine bessere Lösung?

Für eine Folgeauflage von SPACES sollte über eine Regionalisierung des Kunstführers nachgedacht werden. In der aktuellen Form kann er lediglich die grobe Vielfalt des kulturellen Lebens und des Engagements in Deutschland wiedergeben. Dabei müssen fast zwangsläufig auch hochkarätige Einrichtungen auf der Strecke bleiben, weil der Führer ansonsten zu unhandlich und wohl auch in der Herstellung zu teuer wäre. In der vorliegenden Form ist SPACES in erster Linie also nur für Reisende, die ganz Deutschland bereisen wollen oder für Kulturschaffende auf der Suche nach Locations interessant. 

Mein Fazit

Inhaltlich lässt SPACES keine Wünsche offen. Marina Gärtner beschreibt die freien Kunsträume Deutschlands kurz und informativ, sodass der Leser einen guten Überblick bekommt und manche Anregung erhält. Allerdings erscheint das Konzept verbesserungswürdig, weil hier zahlreiche nennenswerte Kunsträume nicht berücksichtigt werden. Marina Gärtner, SPACES. Freie Kunsträume in Deutschland Deutscher Kunstverlag, 2015.

Buchrezis 2015

 

Terézia Mora, Nicht sterben

Rezensentin: Carina Tietz

Schon der Titel verband mich gleich mit dem Buch, denn als freiberufliche Journalistin und Autorin geht es immer ums Überleben. „Nicht sterben“ hieß für mich nichts anderes, als im Dschungel von Verlagen, Autoren und Lektoren irgendwie zu überleben. Mit jeder Seite mehr hatte es den Anschein, als seien Terézia Mora und ich seelenverwandt.

Ist mein Manuskript gut genug? Das Buch hat mir gezeigt, dass ein Manuskript nie gut genug ist. Terézia Mora hat mich bereichert. Eine Landschaft ist nicht einfach nur weiß. Du wirst immer mehr als drei Dinge finden, die Du beschreiben kannst. Je mehr Dinge du beschreibst, desto interessanter wird es für den Leser. Du musst Dich selber hineinversetzen in dein Buch. Du musst dir alle Dinge selber vor deinen Augen vorstellen können. Dann kann es der Leser auch. Je tiefgängiger und intensiver die Gedanken des Autors sind, desto lesenswerter ist das Buch.

Spielt Dein eigenes Leben eine Rolle?

Ob Franz Kafka oder Hans Christian Andersen, viele Autoren haben persönliche Probleme in ihren Büchern verarbeitet. Auch Terézia Mora bezieht sich in ihren Beispielen oft auf andere Autoren und Werke. Ausführlich nimmt sie sich „Durst“ in „Seltsame Materie“ (Rowohlt Verlag) vor und veranschaulicht, worum es beim Schreiben geht. Letztendlich spielt alles, was der Autor erlebt hat, eine Rolle. Jemand, der in einem diktatorischen Staat aufwächst, wird ganz anders schreiben als jemand, der sein Leben in einem demokratisch regierten Land verbracht hat.

Mora erinnert sich hier an ihre Großmutter und der Frage danach, warum sie am See wohnte und keinen Fisch filetieren konnte. Die Antwort war einfach: Der See gehörte erst dem Bischof und später der LPG. Alltagsgeschehnisse wirken auf das Handeln der Autoren Terézia Mora nennt den 11. September 2001 eine Störung, die für eine Weile alles still legte. Sie stand genauso unter Schock, wie der Rest der Welt. Es war ihr unmöglich, eine Geschichte zu schreiben. Auch das konnte ich sehr gut nachvollziehen.

Immer wieder sind die Geschehnisse des Alltags dafür verantwortlich, was in unseren Manuskripten steht. Ich denke, dass ich während der Euphorie der Fußballweltmeisterschaft mit viel mehr Elan und sehr positiv geschrieben habe. Nach dem Absturz der Germanwings viel es mir schwer, Reisereportagen zu verfassen.

Mein Fazit

Das Buch von Terézia Mora ist für Autoren eine Pflichtlektüre. Ich befasse mich seitdem noch intensiver mit meinen Manuskripten. Für Leser, die nicht selber schreiben, kann der Text eine Ermunterung zum Schreiben sein.

Terezia Mora, Nicht sterben. Luchterhand, 2015.

 

Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther

Rezensentin: Carina Tietz

Das Buch beginnt schleppend. Die Autorin bricht auf zu einer Reise ins Ungewisse und ist voller Erwartungen. Ihr Ausgangspunkt ist Berlin. Nach den ersten Seiten verspüre ich noch keine richtige Leselust. Doch je mehr ich über ihre Familie erfahre, desto mehr packt mich das Lesevergnügen.

Ein Kinderlied auf den Spuren der Ahnen

Das Buch lebt von Höhen und Tiefen. Eine ganze Reihe von Seiten beginnen vielversprechend. So findet die Autorin beispielsweise ein Telefonbuch, das sie dazu anregt, nach den Geschwistern ihres Großvaters zu suchen. Doch dann geht die Phantasie mit Katja Petrowskaja durch. Hatten ihre Großeltern eine Bank oder waren ihre Nachkommen sogar die Sänger von Velvet Underground? Arbeiteten sie vielleicht in einer Schuhmanufaktur oder in einer Knopffabrik? Katja Petrowskaja kommt zu dem Schluss, dass sie schließlich auch arbeiten müssen. Als Leser erwartet man eher realistische Vorstellungen. Schließlich endet das Kapitel mit dem berühmten Kinderlied von Hannes, der hier Joe heißt, und in einer Knopffabrik arbeitet. Das regt nicht wirklich zum Weiterlesen an.

Taubstumme Kinder in Warschau

Es dauert viele quälende Seiten, bis mich das Buch zum ersten Mal berührt. Katja Petrowskaja erzählt von ihren Vorfahren, die sich rührend um Waisenkinder in Warschau kümmerten. Sie gründeten Schulen für taubstumme Kinder. Herzergreifend empfand ich die Schilderungen über die Briefe der Eltern, die so voller tiefem Dank darüber waren, dass ihre vermeintlich taubstummen Kinder plötzlich jüdische und russische Worte sprechen und sogar Briefe verfassen konnten. Der Urgroßvater der Autorin galt als Heiler, obwohl er eigentlich nur Lehrer war und mit viel Geduld und Ausdauer auch taubstummen Kindern das Reden beibrachte. Jüdische Zeitungen feierten ihn als Helden, und man spürt deutlich, wie stolz die Autorin auf Urgroßvater ist.

Mein Fazit

Katja Petrowskaja ist auf der Suche nach ihren Ahnen. Mal ergreift mich das Buch, mal siecht es so dahin. Es kommt ganz darauf an, mit welchen Themen sich die Autorin beschäftigt. Über Dinge, die sie mit Stolz erfüllen, schreibt Katja Petrowskaja fesselnd und überzeugend. Leider kenne ich den Osten nicht persönlich. Ich war noch nie in Polen und in der Ukraine. Daher fehlt mir beim Lesen ein Stück Vorstellungskraft. Insgesamt hätte ich mir eine intensivere Beschreibung der Orte gewünscht.

Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther. Suhrkamp, 2015.

 

Anat Talshir, Über uns die Nacht

Rezensentin: Jasmin Beer

Im Herbst seines Lebens erinnert sich ein Mann noch einmal an seine große Liebe. Ein klassischer Einstieg für einen romantischen Debütroman, der auf große Momente und tragische Wendungen setzt. Ein Buch versucht mit Liebe zum Detail die Kategorie „ Literatur für Frauen“ zu rehabilitieren.

Zur Autorin

Anat Talshir hat sich mit „Über uns die Nacht“ an ihren ersten Roman gewagt. Als investigative Journalistin lag ihr Schwerpunkt bisher auf faktengestützter Berichterstattung, zum Beispiel über die Verbindung zwischen Militärtraining und Krebserkrankungen von Soldaten, wofür sie 2002 mit dem renommierten Sokolov-Preis ausgezeichnet wurde. Zusätzlich moderierte sie eine TV-Sendung und unterrichtete Kreatives Schreiben. Die Autorin wurde in Jerusalem geboren und lebt heute in Tel Aviv.

Die zwei Seiten Jerusalems

Jerusalem 1947: Die schöne und stille Lila lernt auf einer Feier der gehobenen Gesellschaft den distinguierten Teehändler Elias Rani kennen. Als sie sich kurze Zeit später durch einen Zufall wieder über den Weg laufen, keimt aus der anfänglichen Neugier eine innige Liebe zueinander, die jedoch verborgen bleiben muss. Denn Elias gehört einer alteingesessenen arabischen Familie an, Lila ist Jüdin. Die beiden versuchen gemeinsam vor dem konfliktaufgeladenen Jerusalem in eine romantische Traumwelt zu fliehen, doch unter dem Donnergroll der Teilung Palästinas wird ihre Liebe immer mehr zur Gefahr. Als der Bau der Mauer im Mamila-Viertel das Paar drei Jahre später endgültig zu trennen scheint – er im Osten der Stadt, sie im Westen –, trotzen beide noch dem Hass und Druck ihrer Umgebung. Sie nutzen jede Gelegenheit, um einander ein liebevolles Wort oder einen Kuss zu schenken. Aber wieviel kann die Liebe zweier Menschen ertragen? Und wie lange wird sie bestehen können?

Der Nahostkonflikt als Kulisse

Ganz unaufdringlich bettet Anat Talshir ihr Liebespaar in die Geschichte Israels und die Entwicklung des Nahostkonfliktes ein, schildert plastisch große wie kleine Geschehnisse, in deren Strudel Elias und Lila sich zu verlieren drohen. In den letzten Tagen vor der Ausrufung des Staates Israel lernt der Leser die beiden Hauptfiguren auf die gleiche Weise kennen, wie sie einander kennenlernen: Beruf, Familie, Interessen, Marotten und kleine Eigenarten. Beide greifen harmonisch ineinander, ergänzen sich. Talshir manövriert ihre Erzählung nahe am Kitsch, greift auf typische Elemente des „Frauenromans“ zurück, die mir ein seufzendes „Ach“ entlocken. Nach der Teilung Jerusalems begleitet der Leser hauptsächlich Lila, die immer mehr ihrer Aura einbüßt. Ohne ihr männliches Ebenstück wirkt sie blass, kühl und entwickelt sich trotz der Zeitspanne nicht weiter. Sie ist einfach zu perfekt, gönnt sich keine Schwäche, erträgt stoisch Trennung und Ungewissheit. Ihre wenigen Vertrauten, die leicht verschlagene Margo und die liebenswerte Nomi, überschatten mit ihren eigenen Geschichten das Warten auf das Happy End. Was als Adaption der großen Shakespeare-Tragödie angedacht zu sein scheint, verliert auf den letzten Seiten stark an Tempo und Fokus.

Mein Fazit

Warum Anat Talshir eine Liebesgeschichte als Debüt wählen musste, bleibt mir unklar. Viel interessanter als die eigentliche Handlung sind die klaren Momentaufnahmen einer geteilten Gesellschaft. „Über uns die Nacht“ zählt dank seines stabilen Fundaments und der fesselnder Kulisse nicht zu den schlechtesten Liebesromanen, durch die blasse weibliche Hauptfigur allerdings auch nicht zu den besten.

 

Edith Pearlman, Honeydew

Rezensentin: Katja Weber

Der blaue Leineneinband vor mir enthält zwanzig Geschichten der amerikanischen Schriftstellerin Edith Pearlman, von der es auf Rückseite heißt, sie sei „die beste Erzählerin der Welt“. Dieses Urteil der „Times“ will ich überprüfen.

Honeydew – zu Deutsch „Honigtau“- ist der Titel des Erzählbandes. In der gleichnamigen Erzählung am Schluss des Buches erfahre ich von der anorektischen, aber äußerst gebildeten Emma, dass mit „Honigtau“ die Exkremente einiger Insekten bezeichnet werden. Es ist daher eine selten schöne Euphemisierung, wenn Emmas Schulleiterin am Ende der Erzählung verkündet, „dass die wichtigsten Regeln der Schule […] nach Toleranz und Diskretion verlangten. Alle anderen seien Honigtau“ – mit anderen Worten „Scheiße“.

Vor diesem Hintergrundwissen scheint es mir ein merkwürdig selbstironischer Zug der Autorin, ausgerechnet diesen Titel für ihre Geschichtensammlung gewählt zu haben. Klassisch und virtuos Pearlman versteht es, immer wieder zwar eigentümliche, aber kunstvolle Beschreibungen zu finden, ohne dabei kitschig-poetisch oder unverständlich zu werden. Die Geschichten sind im erzählerischen Präteritum gehalten und sehr dicht; es bedarf also einer gewissen Aufmerksamkeit, um alles zu erfassen, was in und zwischen den Zeilen geschrieben steht. Dann aber lassen die pointierten Momentaufnahmen das ganze Leben der Charaktere erahnen.

die Erzählungen selbstständig sind, gibt es wiederkehrende Figuren und Orte: Etwa die Antiquitätenhändlerin Rennie und die frei erfundene Stadt Godolphin. Hier und andern Orts dreht es sich häufig um Liebesbeziehungen. Zwischen Antiquitäten und Kuriositäten In der einleitenden Erzählung kommt es zu einer erotischen Begegnung im Fußpflegesalon, in Rennies Antiquitätenhandel erinnert sich die frischgebackene Witwe Ophelia ihrer Jugendliebschaft zu Füßen der Bronzestatue „Puck“, ein anderes Mal findet die unfruchtbare Gabrielle ihr sexuelles Glück ausgerechnet bei einer durch weibliche Beschneidung verstümmelten Somalierin. In „Drei Richtige“ lassen vier Mädchen das Los über ihr künftiges Eheglück entscheiden.

Mein Favorit ist die Geschichte „Erst mal sehen“, worin der pentachromatisch sehende Lyle eine Brille begrüßt, die seine Farbsicht so weit reduziert, dass er die Welt wieder „normal“ sieht. Zu viele Farben sind eher Fluch als Segen – das findet auch Lyles Mutter, für die „Rassenmischung die Antwort auf das Übel in der Welt [ist]. Alle Menschen in einer Farbe: mittelbraun“.

Fast alle Geschichten sind mit größeren oder kleineren Kuriositäten gespickt: Füße, die von ihrem Besitzer „Ebd.“ und „Sic“ genannt werden, ein Sofa namens Jack, ein Zimmer namens Nutzlos, eine Pflanze unbekannter Herkunft, die trotz zweifelhafter Bewässerung mit Kaffee, Mundspülung, Zigarettenasche und Fischfutter überlebt.

Trotz dieser komischen Elemente reizt mich keine der Erzählungen zum Lachen noch zum Weinen. Allesamt enden sie ohne große Pointe oder Moral. Kaum habe ich mich an die Figuren gewöhnt und Hunger auf mehr, ist es schon vorbei.

Mein Fazit

Edith Perlmans Erzählungen sind eher Pralinés als Honigtau. Am besten genießt man sie auch so: Stück für Stück und nicht zu viele auf einmal – sonst verfälscht man den Geschmack der einzelnen Geschichten. Wer wie ich aber lieber eine ganze Tafel Schokolade auf einmal verschlingt, ist mit einem Roman wohl besser beraten.

Edith Pearlman, Honeydew. Ullstein Buchverlage, 2015.

Buchrezis 2015

 

Erik Lindner, Auf der Suche nach dem Nudossi-Äquator

Rezensentin: Cornelia Lotter

Erik Lindner, geboren 1964, ist promovierter Historiker und beschäftigt sich besonders mit deutsch-jüdischer Geschichte. Er ist als Geschäftsführer der Axel-Springer-Stiftung tätig.

Als ehemalige DDR-Bürgerin waren mir vor Lektüre dieses Buches nicht nur einige Marken gut im Gedächtnis geblieben, sondern ich verwende sie auch bewusst weiter, sofern sie hier, im Südwesten Deutschlands, in den Regalen der Supermärkte zu finden sind. So spüle ich mein Geschirr aus Prinzip mit fit, creme meine Haut mit Florena, bestreiche alles, was sich dazu eignet, mit Bautzner Senf, trinke, wenn ich etwas zu feiern habe, nur Rotkäppchen Sekt und esse grundsätzlich keine anderen Gurken als die aus dem Spreewald.

Die Überlebenden der Wende

Das Buch, in dem die Geschichte von ca. 100 Marken und Produkten aus den Bereichen Lebensmittel, Körperpflege, Technisches und Schönes nachgezeichnet wird, hat mir nun gezeigt, dass noch viele andere Marken der ehemaligen DDR überlebt haben, wenn auch nicht immer unter dem Dach der ehemaligen Gründer der Marke und leider nicht immer am alten Standort. In dieser Menge war das für mich eine echte Überraschung. Die Nachwendezeiten sind mir noch gut in Erinnerung, als vor jedem Kaff auf der grünen Wiese ein Zelt aufgestellt wurde, in dem von der holländischen Gurke bis zum Waschmittel alles verkauft wurde – Hauptsache, es kam aus dem Westen. Und die endlich konsummündigen Bürger kauften, was das Portmonee hergab. Irgendwann jedoch, als leider viele der DDR-Betriebe ihre Produktion mangels Nachfrage eingestellt hatten, stellten sie fest, dass der selbst gezogene Salat aus dem Garten wesentlich besser schmeckte als das Grünzeug aus Holland und dass Spee genauso sauber wusch wie Persil, vom Preis ganz abgesehen.

Im Buch wird für viele Produkte dieser Weg von der einstigen DDR-Marke, die mangels Alternativen eine Monopolstellung hatte, über das zeitweise Verschwinden bis hin zur glanzvollen Wiederauferstehung nachgezeichnet. Auch ehemalige Betriebsangehörige oder mutige West-Investoren werden mit ihrer Leistung bei der Erhaltung eines Teils der DDR-Warenkultur gewürdigt. Ebenso bleibt nicht unerwähnt, dass es viele Glücksritter und Heuschrecken gab, die für einen schnellen Profit durchaus lebensfähige Betriebe herunterwirtschafteten und abwickelten. Auch das Handeln der Treuhand war dabei nicht immer von Weitsicht und Fairness geprägt.

Umso erfreulicher ist es, dass mittlerweile viele ehemalige DDR-Bürger wieder zu „ihren“ Marken als einem Teil ihrer Identität zurückgefunden haben. Viele Verbraucher in den alten Bundesländern kennen jetzt Produkte aus der ehemaligen DDR und haben sie schätzen gelernt. Das Potential ist sicher noch lange nicht ausgeschöpft. Und auch ich werde mich, sobald ich meinen Wohnsitz nach Leipzig verlegt habe, verstärkt auf die Suche nach „Ostprodukten“ begeben, um die Firmen, die immer noch ihren Sitz und ihre Produktionsstätten dort haben, zu unterstützen.

Mein Fazit

Ein informatives und interessantes Buch für all jene, die einmal hinter die Kulissen von Markenrecht und Produktentwicklung unter den besonderen Bedingungen der geschichtlich einmaligen „Eingliederung“ schauen wollen. Und ein Muss für jeden, der mit Halloren Kugeln, f6 oder Schwalbe schöne Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in der DDR verbindet.

Erik Lindner, Auf der Suche nach dem Nudossi-Äquator. Murmann Publishers GmbH, Hamburg 2015.

 

Roger Cockrell (Hrsg.), Michail Bulgakow – Ich bin zum Schweigen verdammt

Rezensentin: Julia Groß

Autor und Werk

Michail Afanassjewitsch Bulgakow wurde am 15. Mai 1891 in Kiew geboren und zählt zu den bedeutendsten Satirikern der russischen Literatur. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst erfolgreich ein Medizinstudium, bevor er im Oktober 1921 nach Moskau ging und dort zu schreiben begann.

An dieser Stelle setzt das Werk „Ich bin zum Schweigen verdammt“ an. Es umfasst die Briefe und einige Tagebucheintragungen Bulgakows aus den Jahren 1921 bis 1940 und wurde im März 2015 zu seinem 75. Todestag veröffentlicht.

Schreiben unter schwersten Bedingungen – Opfer der Zensur

Ließen sich die ersten Moskauer Jahre noch gut an (Bulgakow schrieb und publizierte in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften und veröffentlichte auch einige Prosastücke), wendete sich das Blatt im Jahr 1929 gravierend. Bei einer Hausdurchsuchung wurden Bulgakows persönliche Tagebücher sowie seine satirische Erzählung „Hundeherz“ beschlagnahmt und erste Verbote seiner Bücher und Theaterstücke auf den Weg gebracht. Ab 1930 wurden die Werke Bulgakows endgültig nicht mehr veröffentlicht und seine Stücke verschwanden von den Spielplänen des Theaters.

Eine unwürdige Existenz und ein Kampf ums Überleben begannen für den Mann, dessen Leben allein die Schriftstellerei war. In seinen Briefen beklagt er dies bei Freunden und Bekannten, sucht nach Rat und bittet um Hilfe – auch bei staatlichen Instanzen. Solle es keine Arbeit für ihn geben, dann wolle er wenigstens kurz das Land verlassen, um neue Kraft zu tanken oder Aufträge zu finden.

Gefangen im eigenen Land

Doch auch die Ausreise, und sei sie auch nur zu Urlaubszwecken, wurde Bulgakow verwehrt. Er war somit gezwungen, in Moskau zu bleiben, bei unveränderter Arbeitssituation und immer schlechterer Gesundheit. Bulgakow arbeitete als Dramaturg und schrieb, immer mit dem Wissen, nie veröffentlicht zu werden oder erneut dem Verriss und der Zensur zum Opfer zu fallen. Der Kampf gegen die Windmühlen setzte sich unerbittlich fort und sollte bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1940 nicht enden.

Politik und Schriftstellerei

Neben seinen Problemen als Schriftsteller wird in seinen Briefen und Tagebüchern auch das große Interesse am Zeitgeschehen deutlich. So beschäftigt er sich gerade in den ersten Jahren stark mit den politischen Geschehnissen in der UdSSR und der internationalen Situation außerhalb des eigenen Landes, die er mit scharfem Blick verfolgt.

Mein Fazit

Für mich sind Briefromane und Tagebuchaufzeichnungen immer ein besonderer Lesegenuss, schildern sie die Geschehnisse doch immer aus einer authentischen und persönlichen Sicht. „Ich bin zum Schweigen verdammt“ ist eine klare Buchempfehlung für jeden Leser, der biografische Lektüre zu schätzen weiß und dabei noch ein großes Interesse für den Menschen Bulgakow, Russland, das Theater und die geschichtlichen und politischen Ereignisse der Zeit hat. Ergänzt werden die Briefe und Aufzeichnungen durch einen ausführlichen biographischen und bibliographischen Anhang. 

Roger Cockrell (Hrsg.), Michail Bulgakow – Ich bin zum Schweigen verdammt L.uchterhand, 2015.

 

Helle Helle, Färseninsel

Rezensentin: Yvonne Giebels

Die Handlung

Die Ich-Erzählerin strandet in einem kleinen Kaff an der dänischen Küste. An einer Bushaltestelle trifft sie auf John und Putte, ein Ehepaar, das in der Nähe der Bushaltestelle wohnt, und wird von ihnen kurzerhand aufgenommen. Die beiden machen keinen großen Aufwand um ihren Gast und schon bald gehört Bente, wie sie von Putte spontan getauft wird, einfach dazu, als sei das schon immer so gewesen.

Poesie von Handlung und Worten

Was in der Zusammenfassung vielleicht etwas langweilig klingt, ist alles andere als monoton. Die Handlung des Buches zieht mich als Leserin sofort in ihren Bann, ohne dass ich so recht beschreiben könnte, warum das so ist. Denn nüchtern betrachtet ist die Geschichte gar nicht besonders aufregend oder spannend. Aber das ist vielleicht genau das Geheimnis. Denn die Autorin Helle Helle schildert ihre einfache Geschichte in einfachen Worten und Sätzen, die dennoch wie Poesie sind. Ich muss mich nicht durch Wortungetüme kämpfen oder durch undurchsichtige Handlungsstränge, um zum wahren Kern des Buches vorzudringen. Es ist einfach alles schon da und wird so leichtfüßig erzählt, dass ich schon zusammen mit Putte, John und Bente in ihrem Haus lebe.

Kurze Irritation durch Rückblicke

Was mich als Leserin in den ersten Kapiteln zunächst etwas irritiert, sind die Rückblicke. In diesen erzählt Bente, wie und warum sie an die dänische Küste gekommen kam, warum sie ihren Mann verließ und welche psychischen Probleme sie in der Vergangenheit plagten. Beim ersten Mal ist für mich nicht sofort erkennbar, dass es sich um ein „Rückblickkapitel“ handelt und so bin ich kurz verwirrt, weil die Handlung nicht nahtlos an das vorher Geschilderte anschließt. Sobald aber klar wird, dass es sich um einen Rückblick handelt, bin ich wieder im Lesefluss. Auch in den Rückblenden bleibt Helle Helle ihrem Stil treu. Sie erzählt auch hier leichtfüßig mit viel Poesie und ohne große Dramatik. Manches ahne ich mehr als dass es ausgesprochen wird.

Mein Fazit: Sehr lesenswert

„Färseninsel“ von Helle Helle kann ich uneingeschränkt zur Lektüre empfehlen. Es ist ein Buch in einer wunderbaren Sprache, mit echten Menschen, mancher Tragik und einigen skurrilen Aktionen, die ich selbst aus meinem Alltag kenne. Schon nach ein paar Seiten ist dieses Buch wie ein guter Freund, an dessen Seite ich mich wohlfühle.

Helle Helle, Färseninsel. Dörlemann Verlag AG, Zürich 2015.

 

John Burnside, Haus der Stummen

Rezensentin: Katja Weber

John Burnsides prosaisches Erstlingswerk ist von morbider Spannung. Die Sprache ist intelligent, der Stil durchdacht, die Gedanken philosophisch. Dennoch bin ich froh, als ich das Buch endlich zuklappen kann.

Ohnegleichen

„Niemand kann behaupten, es hätte mir freigestanden, die Zwillinge zu töten, so wenig wie es mir freistand, sie auf die Welt zu bringen.“ Ich wüsste nicht, welchem Genre ich den Roman des schottischen Lyrikers zuordnen sollte, der mit diesem Satz beginnt. Er ist schauerlich, doch kein Horror – obwohl man ihn sicherlich horrorhaft à la Shining verfilmen könnte. Er ist packend und doch kein Thriller. Der Ich-Erzähler wird zum mehrfachen Mörder, doch steht dies weder im Mittelpunkt der Geschichte, noch muss er je fürchten, dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Suche nach der Seele

Der Roman fingiert die Memoiren eines Psychopathen: Luke ist von Kindesbeinen an vom Forscherdrang gepackt und seziert Tiere bei lebendigen Leib, um zu sehen, wo ihre Seele sitzt. Als er nicht fündig wird, überlegt er, dass die Seele vornehmlich in der Sprache zu finden sein müsste und also beim Menschen. Seine Mutter, zu der er eine krankhaft enge Bindung hegt, hat ihm vom Mogulherrscher Akbar erzählt, der einst eine Gruppe Neugeborener von stummen Ammen aufziehen ließ, um zu sehen, ob Sprache angeboren oder erlernt sei. Dieses Experiment will Luke nun nach strengen wissenschaftlichen Richtlinien wiederholen. Die stumme Amme spielt er selbst, seine Probandenanzahl beschränkt sich auf zwei: Zwillinge, die ihm von der obdachlosen Lillian geboren werden. Er sperrt das Geschwisterpaar in seinen Keller – fernab jeglicher menschlicher Stimme…

Methodische Redundanz

Der Charakter Lukes ist ausgetüftelt: Statt eines seelenlosen Monsters, zeichnet Burnside hier das Bild eines Mannes, der menschliche Emotionen durchaus kennt und versteht, diese aber mit Bedauern ausblendet, sobald sie drohen, seine Forschung zu gefährden. Alles was er tut, hat Methode, folgt Ritualen – dieser Charakterzug spiegelt sich auch im Stil der Erzählung, die an vielen Stellen redundant ist: Immer wieder geht es mit der Mutter allmählich zu Ende, immer wieder ist es, als wäre sie noch immer da, immer wieder scheint das Experiment gescheitert – um dann doch wieder fortgesetzt zu werden. Obgleich anscheinend gewollt, empfand ich diese psalmartigen Wiederholungen als störend; vielleicht aber auch nur, weil sie den Fortgang der Erzählung aufhielten und mich damit umso mehr auf die Folter spannten.

Mein Fazit

Philosophische Tiefgründigkeit gepaart mit eiskalter wissenschaftlicher Methode erzeugt eine subtile Spannung, die mich zwei Tage lang in Atem hält. Dennoch kann ich mich nicht dazu durchringen, das Buch zu empfehlen. Bei aller Brillanz war die Geschichte so grausam, dass ich mich allein durch die Lektüre eines Verbrechens an meinem eigenen Kind schuldig fühlte.

John Burnside, Haus der Stummen. Albrecht Knaus Verlag, 2014.

Buchrezis 2015

 

Damon Galgut, Arktischer Sommer

Rezensentin: Cornelia Lotter

Der südafrikanische Autor Damon Galgut, Jahrgang 1963, wurde für zahlreiche internationale Literaturpreise nominiert und zählt zu den renommiertesten Autoren seines Landes.

Die Handlung

Der junge Engländer Edward Morgan Forster fühlt sich im viktorianischen England der Jahrhundertwende eingezwängt in starre Konventionen und prüde Borniertheit. Er fühlt seit frühester Jugend, dass er nur Menschen des eigenen Geschlechts sexuell anziehend findet, braucht jedoch lange Zeit, um sich dies auch einzugestehen. Nach dem frühen Tod seines Vaters lebt er bei seiner Mutter, die er verehrt und liebt, deren einengende Bevormundung ihm aber auch zunehmend stört. Da erscheint die Aussicht, ein halbes Jahr mit Freunden durch die englische Kolonie Indien zu reisen, sehr attraktiv. Auf der Überfahrt lernt er einen Engländer kennen, der in Indien als Soldat stationiert ist, und der ihm in Gesprächen, die nicht über Andeutungen hinaus das Thema Homosexualität berühren, das sinnliche Indien in den verführerischsten Farben schildert.

Schon während seines Studiums in England hatte Forster Freundschaft zu dem Inder Masood geschlossen, den er nun nach Jahren in seiner Heimat besuchen will. Von ihm erhofft er sich die Erfüllung seiner sexuellen Träume. Doch das begehrte Sehnsuchtsobjekt will nicht bis zum Äußersten gehen, und Forster erlebt etwas Innigeres als profanes Ausleben seiner Begierden. Allerdings hat sich der Freund verändert und der Aufenthalt gerät letztlich zum Desaster.

Wieder im kühlen England, wo er einige Männer kennenlernt, denen seine Präferenzen nicht fremd sind, erreicht Forster mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges der Ruf nach Ägypten, wo er sich als Mitarbeiter des Roten Kreuzes nützlich macht, indem er verletzte Soldaten im Hospital besucht und befragt. Dort in Alexandria, das so gar nichts von der erhofften orientalischen Leichtigkeit für ihn bereithält, lernt er den jungen Straßenbahnschaffner Mohammed kennen und lieben. Doch auch diese Liebe ist letztlich nicht von Erfüllung gekrönt, da Mohammed heiratet und später schwer erkrankt und stirbt.

Homosexualität und der Kampf um den perfekten Roman

Der Autor E. M. Forster (1879 – 1970) ist vielleicht manchem Leser bekannt. ich kannte ihn zuvor nicht. Und auch das beherrschende Thema – seine Homosexualität und der Umgang damit – ist nichts, was mich brennend interessiert. Ebenso fand ich die sehr ausführlich geschilderten Kämpfe des Protagonisten um die Entstehung seines Indienromans oder anderer Werke, ebenso wie die Schilderung seines Indien-Aufenthaltes, oftmals langatmig und ebenso wie seine sexuellen Beschwernisse voll mit Redundanzen und Abschweifungen.

Mein Fazit

Empfehlen kann ich den Roman nur denjenigen, die sich explizit für die englische Kolonialherrschaft in Indien und Ägypten, oder für das Thema Homosexualität in der Zeit um den Ersten Weltkrieg interessieren. Kein großer Publikumsroman.

Damon Galgut, Arktischer Sommer. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2014.

 

Julia Jessen, Alles wird hell

Rezensentin: Yvonne Giebels

Die Handlung

Ist es ein Liebesroman, ein Lebensroman, ein Familienroman? „Alles wird hell“ von Julia Jessen ist nichts von alledem und doch von allem ein bisschen. In drei großen Teilen beschreibt Jessen das Leben von Oda. Zuerst das kleine Mädchen, das zu einem Teenager wird und gegen die Familie und Lehrer rebelliert, dann die Frau, die ihren Lebenstraum verwirklich hat, aber in ihrer Beziehung und mit ihrem Leben trotzdem nicht wirklich zufrieden ist. Und schließlich die alte Frau, die ihrem Mann beim Sterben hilft und dann selber stirbt. Doch der Roman beschreibt nicht nur Odas Leben, sondern auch das ihrer eigenwilligen Familie, in der meist die Frauen den Ton angeben.

Abrupte Übergänge

Das Buch beginnt mit dem Ende. Als Leserin sehe ich Oda sterben, nehme teil an ihren Gedanken und Gefühlen. Erst dann beginnt das Buch mit einem Erlebnis Odas als kleines Mädchen. Das Buch wird also in einer Rückblende erzählt. Gleichzeitig ist diese Aufteilung auch eine gewisse Schwäche, denn beim Übergang von einem Teil zum anderen ist mir nicht immer sofort klar, wo die Handlung plötzlich wieder einsetzt. Besonders im Mittelteil fällt mir dieser Bruch auf und es ist schwer, wieder in den Lesefluss zu finden.

Schwieriger Mittelteil

Überhaupt war der Mittelteil für mich der herausforderndste Teil des Buches, insbesondere die Beschreibung der Schwierigkeiten, die Oda mit ihrem Mann hat, weil sie noch ein Kind will, er aber nicht. Odas Gefühlschaos und die Konsequenzen daraus beschreibt Julia Jessen sehr genau. Das ist einerseits spannend, führt andererseits aber auch dazu, dass mir die Hauptfigur zunehmend unsympathisch wird, auch wenn ich manche Dinge gut nachvollziehen kann. Manchmal möchte ich als Leserin einfach nur ins Buch springen und diese Oda kräftig durchschütteln, damit sie wieder zu Verstand kommt und endlich ihr Leben ohne Selbstmitleid auf die Reihe bringt.

Mein Fazit: Lesenswert

Trotz dieser Herausforderung halte ich das Buch von Julia Jessen für sehr lesenswert. Es ist ein spannend und zieht mich in seinen Bann. Und ich merke nicht einmal, dass ich mitten drin bin in der chaotischen, unberechenbaren Gefühlswelt dieser Oda, die mich so schnell nicht mehr loslässt.

Julia Jessen, Alles wird hell. Verlag Antje Kunstmann, 2015.

 

Paul Pickering, Die Frau des Leoparden

Rezensentin: Katja Weber

Der britische Bestseller-Autor Paul Pickering liefert in seinem fünften Roman alles, was man sich von einem unterhaltsamen Buch wünschen kann: Spannung, Liebe, Verrat, Gewalt, traumhafte Bilder und Absurdität, die zur Komik gereicht – und zur Verwirrung.

Ein Mann, eine Frau, ein Klavier und der Kongo

Im Kongo herrscht Bürgerkrieg. Nicht ganz unschuldig daran ist Lola, die „kongolesische Helena von Troja“, Frau des Generalmajors Xavier – auch genannt Chui, „der Leopard“ – und Geliebte von dessem Bruder. Mit ihren gerade mal 17 Jahren hat sie jedoch beide Beziehungen bereits hinter sich gelassen und verliebt sich nun in den Hauptcharakter des Buches: einen britischen Pianisten namens Smiles, welcher ihr freilich auch vom ersten Moment an verfällt.

Dabei war Smiles eigentlich nur in den Kongo gekommen, um dort seinem alten Freund und Lehrer Lyman Andrew zu begegnen und gemeinsam mit ihm ein Friedenskonzert zu geben. Dies wird dadurch erschwert, dass beide Pianisten für tot erklärt werden – sie seien einem Bombenanschlag im Konzertsaal zum Opfer gefallen – und sich Lyman Andrew im Dschungel versteckt. Kurzerhand wird der Plan gefasst, das Konzert dann eben im Urwald zu geben und im Radio zu übertragen. Man muss ja nur Smiles flussaufwärts kuttern – ihn und das Klavier: einen Konzertflügel aus dem 18. Jahrhundert.

Mit an Bord ist natürlich auch Lola. Während sie und Smiles auf den diversen Zwischenstopps der Reise turteln, heiraten und immer wieder flüchten (vor wem genau, ist nie ganz klar), liest Lolas kleiner Bruder Smiles‘ Briefe über seine Internatszeit in England und seine damalige Freundschaft mit Lyman Andrew…

Zwei Geschichten, eine Moral

Obwohl ich bis zum Schluss des Buches nicht wirklich schlau daraus werde, wer hier eigentlich gegen wen kämpft, genieße ich diese abenteuerliche und wundervoll bildhafte Reise durch den Kongo – man merkt, dass Pickering hier als Augenzeuge berichtet. Ich fiebere mit den beiden Protagonisten Lola und Smiles, die sich ganz offensichtlich in höchster Gefahr befinden, wenngleich auch hier nicht ganz klar ist, warum und wovon diese Gefahr ausgeht. Vieles in Pickerings Roman schert sich nicht um ein „Warum“ und ist dennoch nicht weniger real. Ich begegne menschlichen Abgründen und unfassbaren Gewaltakten, sowohl im Reich der Mosquitos und Krokodile, als auch an Smiles‘ noblem Freimaurer-Internat in England. Was sich dort abspielt bildet eine eigene Geschichte, die den Ereignissen im Kongo an Heftigkeit in nichts nachsteht. Die Moralität der Romanfiguren lässt sich nicht so einfach bestimmen wie deren Hautfarbe. Nicht einmal beim Hauptakteur Smiles, der neben Lola vor allem zwei Dinge liebt: Das Klavier und die Quitte seiner Mutter.

Mein Fazit

Pickering hat mir mit dieser turbulenten und abstrusen Erzählung mehr als ein Stirnrunzeln entlockt. Auch den Prolog verstand ich erst, als ich ihn als Epilog las. Kurzum: Das Buch war für mich ein Abenteuer – in jeder Hinsicht.

Paul Pickering, Die Frau des Leoparden. Bertelsmann, 2014.

 

Christina Baker Kline, Der Zug der Waisen

Rezensentin: Julia Groß

Christina Baker Kline wuchs in England und in den USA auf. Sie unterrichtete Literatur und Kreatives Schreiben und wurde als Buchautorin und Herausgeberin von Anthologien bekannt. Ihr Roman „Der Zug der Waisen“ war in den USA ein großer Erfolg und führte viele Monate die Charts der New York Times an.

Eine ganz besondere Freundschaft

Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Frauen, die auf den ersten Blick nicht gegensätzlicher sein könnten: Die 17jährige Halbwaise Molly hat schon ein turbulentes Leben in verschiedenen Pflegefamilien hinter sich und ist so auf die Gothik-Schiene geraten. Auch in ihrer neuen Pflegefamilie läuft es nicht gut. Eines Tages gerät sie in Schwierigkeiten und wird zu Sozialstunden verurteilt, die sie dank ihres Freundes bei der 91jährigen Vivian ableisten kann. Sie soll der alten Dame helfen, ihren Dachboden zu entrümpeln. Sind beide zunächst nicht sehr angetan von der Aufgabe, wird eines doch schnell klar: Entrümpelt werden soll gar nichts. Vielmehr scheint es so, als ob Vivian all ihr Habe noch einmal – ein letztes Mal? – genau sehen möchte.

Beim Betrachten der „Schätze“ erinnert sich Vivian an die nicht immer leichten Stationen ihres Lebens: Langsam und vorsichtig wird aus dem Erinnern ein Erzählen und ein Austausch. Begegnen sich Molly und Vivian zunächst voller Vorsicht, entwickelt sich doch langsam aber sicher eine wundervolle Freundschaft zwischen ihnen, bei der sie sich einander öffnen und zu vertrauen lernen. Denn eines ist klar: So verschieden, wie es auf den ersten Blick scheint, sind die beiden Frauen dann doch nicht. Sie sind einander eher viel ähnlicher, als man je zu vermuten gewagt hätte.

Ein vergessenes Kapitel amerikanischer Geschichte wird neu geschrieben

Denn beide Frauen teilen eine Gemeinsamkeit: Eine sehr harte Vergangenheit, die sie nachhaltig prägen sollte. Molly verlor den Vater und die Mutter war nicht mehr in der Lage, sie zu versorgen. Auch Vivian wurde nach einem verheerenden Brand zur Waise. Gemeinsam mit vielen anderen Kindern wurde sie 1929 in einen so genannten „Orphan Train“ verfrachtet und in den Mittleren Westen geschickt, wo sie auf einer Farm ein neues Zuhause finden sollte. Ein liebevolles Heim erwartete dabei aber nur die wenigsten Kinder, und auch Vivian hatte schwere Bewährungsproben zu erdulden, bevor ihr Leben in geordneten Bahnen verlief.

Mein Fazit

Christina Baker Kline greift mit dieser Thematik ein bisher kaum bekanntes Kapitel der US-amerikanischen Geschichte auf und vermischt es mit der Geschichte einer ganz besonderen Freundschaft. Präzise recherchiert bringt sie die Fakten über die „Orphan Trains“, die zwischen 1854 und 1929 über 200.000 Waisen in den Mittleren Westen brachten, in ihr Buch ein und überzeugt dabei mit einer eingängigen Sprache und einem gefühlvollen Stil. Präzise Beschreibungen, die neben der Recherche auch auf Zeitzeugenberichten basieren, geben der ernsten Thematik die nötige Tiefe. Die tiefgründige Erzählung lebt von viel Gefühl, einer großzügigen Prise Humor und großem schriftstellerischem Talent.

Christina Baker Kline, Der Zug der Waisen. Goldmann, 2014.

Buchrezis 2015

 

Donna Tartt, Der Distelfink

Rezensentin: Kathrin Demuth

Theo Decker erlebt als Kind den Supergau: Bei einem Bombenangriff auf ein New Yorker Museum kommt seine Mutter ums Leben. Er begleitet den tödlich verletzten Antiquitätenhändler Welton Blackwell bei dessen Sterbeprozess, anschließend gelingt es dem Jungen, aus dem zerstörten Gebäude zu gelangen. Dabei lässt er das Gemälde „Der Distelfink“, ein Werk des niederländischen Malers Carel Fabritius, mitgehen – eine Tat, die schicksalsträchtiger nicht sein könnte. Mit diesem umfangreichen Werk, das Theo Deckers bewegten Weg hin zum Erwachsenen erzählt, sorgt die US-amerikanische Autorin Donna Tartt dafür, dass ihre Leser regelrecht an den Seiten festkleben.

Ein Drama, ein Thriller… Theos Eltern sind seit kurzer Zeit getrennt, der alkoholkranke Vater lebt mit seiner neuen Freundin in Las Vegas. Nach dem Tod der Mutter kommt Theo zunächst zu den reichen Barbours, der Familie seines Freundes Andy. Doch bald holt sein Vater ihn zu sich nach Arizona, wo Theo den gewitzten Ukrainer Boris kennenlernt, der zu seinem besten Freund und Gefährten bei diversen Drogenabenteuern wird. Nach dem Tod des Vaters zieht es Theo zurück nach New York. Hier lebt er bei Hobie, dem ehemaligen Geschäftspartner des verstorbenen Welton Blackwell.

Theo lernt nicht nur die Kunst der Restauration, er sieht bei Hobie auch Pippa wieder, die Nichte von Blackwell. Sie war am Tag des Anschlags ebenfalls im Museum und wurde schwer verletzt. Pippa wird die Liebe seines Lebens – doch bleibt sie für Theo unerreichbar. Andys Tod, die glücklose Verlobung mit dessen Schwester, das immer tiefere Abdriften Theos in die Illegalität und der ewige Nervenkrieg um das gestohlene Gemäldes schaffen mehr und mehr Dramen. Als Leser bin ich zerrissen: Bemitleide ich den jungen Mann, der sich immer mehr in Lügen verstrickt, oder hoffe ich darauf, dass Theos Geheimnisse auffliegen und er eine gerechte Strafe erhält?

… und eine moderne Quest

Die einzelnen Stationen werden nicht nur durch Theo selbst, sondern auch durch das Gemälde zusammengehalten. In jeder Phase seines jungen Lebens liegt Theos gedanklicher Fokus auf dem Bild: War es Unrecht, es zu entwenden? Wie verwahrt er es am besten? Ist es an einem sicheren Ort? Und vor allen Dingen: Welche Möglichkeiten hat er, es zurückzugeben und straffrei auszugehen? Oder ist er bereit, für seine naive Tat ins Gefängnis zu gehen?

Die philosophische Komponente hinter all diesen Fragen wird auf den finalen Seiten eingehend aufgegriffen. Wo man vielleicht einen klassischen Showdown erwarten würde, trifft der Leser auf einen gänzlich unerwarteten Schluss, der viele Fragen offen lässt und zumindest mir noch eine ganze Weile nachhing.

Mein Fazit

Ich habe schon lange nicht mehr ein derart mitreißendes Buch in meinen Händen gehabt: Donna Tartt schickt ihr Publikum auf eine Reise mit Tiefgang. Das durch ein Attentat aus seinen eigentlich sicher erscheinenden Fugen geratene Leben eines jungen Amerikaners wird in all seinen Facetten beleuchtet. Der mitreissende, dramatische und bisweilen auch verwirrende Anfang der Geschichte bringt Theo für den Rest des Buches in arge Schwierigkeiten – und das geich auf mehreren Ebenen. Donna Tartt schreibt eindringlich und bildhaft, man fühlt sich ihrem Protagonisten wirklich nah. Nach einem packenden Einstieg erwarten den Leser ab und an auch mal kleinere und quälende Durststrecken nach dem nächsten Wendepunkt. Doch sind diese auf ihre Art auch wieder faszinierend, da sie sich so real anfühlen.

„Der Distelfink“ ist ein Buch, das so schnell nicht mehr loslässt, ein Buch mit „Wow!“-Effekt.

Donna Tartt, Der Distelfink. Goldmann Verlag, 2014.

 

r.evolver, The Nazi Island Mystery

Rezensent: Harry Pfliegl

Der Autor r.evolver entführt den Leser in „The Nazi Island Mystery“ in ein Paralleluniversum, welches gegenüber der Gegenwart des Lesers 20 Minuten in der Zukunft liegt. In diesem Paralleluniversum wurde das Dritte Reich nicht von den Alliierten besiegt. Die Heldin Kay Blanchard, Agentin des britischen Geheimdienstes, muss ins Herz des Vierten Reiches eindringen, um das Verschwinden eines Wissenschaftlers aufzuklären. Garniert wird diese Pulp-Geschichte von plötzlich auftauchenden Ufos, die für intergalaktische Reisen werben, sowie von außerirdischen Kommunisten und Imperialisten, die ihren Kampf der Ideologien auf der Erde austragen.

Abgefahren

Kate Blanchard gelingt es in Wien, eine Spur aufzunehmen, die sie auf eine geheimnisvolle Insel im Mittelmeer führt. Dort betreiben die Nazis ein geheimes Forschungslabor, in dem genetische Experimente durchgeführt werden. Für ihre Ermittlungen tarnt sich Kate Blanchard als Wissenschaftlerin. Wenige Tage nach ihrem Eintreffen geraten die Experimente außer Kontrolle und menschenfressender, grüner Schleim übernimmt die Anlage. Schließlich gelingt es der Agentin, das Rätsel um den verschwundenen Wissenschaftler zu lösen. Jener hat nämlich seinen Tod lediglich inszeniert, weil er dem kindlichen Klon von Pol Pot das Schicksal ersparen wollte, als Anschauungsobjekt in einer nationalsozialistischen Freakshow zu enden.

Tempo, Tempo, Tempo

So durchgeknallt wie sich der Handlungsstrang liest, peitscht r.evolver den Leser durch die Handlung in „The Nazi Island Mystery“. Dieser Pulp-Roman war bereits in den 1990er Jahren als Fortsetzungsroman im Netzmagazin evolver erschienen, lange bevor literarische Größen wie Stephen King das Internet als neues Medium entdeckt hatten. In Buchform erschien der Roman zum zehnjährigen Jubiläum, nachdem sich die Verantwortlichen des Netzmagazins dazu entschlossen hatten, künftig auch einen „richtigen Verlag“ mit „richtigen Büchern“ zu betreiben. Im Zuge der Neuauflage wurden einzelne Passagen ausgeweitet und das Gesamtwerk insgesamt geschliffen.

Sex, Drugs & Rock´n´Roll sind die Elemente, auf denen r.evolver seine Geschichte aufbaut. Er bringt damit den Leser, zusammen mit den zahllosen wirren Details und irren Wendungen, an die Grenzen seiner Vorstellungskraft. Trotzdem gelingt es ihm, eine runde und in sich schlüssige Story zu präsentieren, zumindest wenn der Leser bereit ist, den abgesteckten Handlungsrahmen für die Dauer der Geschichte als solchen zu akzeptieren.

Mein Fazit

Pulp-Literatur wird vom literarischen Establishment gern als Schund abgetan. Wer sie dennoch mag, wird „The Nazi Island Mystery“ lieben. Dass ausgerechnet eine Fortsetzung des Nationalsozialismus den Hintergrund für eine unterhaltsam aufgebaute Geschichte bildet, ist sicher Geschmackssache, doch insgesamt hat der Autor seine wichtigste Aufgabe hervorragend gelöst: den Leser ein paar Stunden lang richtig gut zu unterhalten.

r.evolver, The Nazi Island Mystery. EVOLVER BOOKS, 2010.

 

Ryan Bartelmay, Voran, voran, immer weiter voran

Rezensentin: Dorothee Bluhm

Amerikanischer Mittelwesten, 1950-1998: Über fast ein halbes Jahrhundert begleitet der Leser die Brüder Chic und Buddy Waldbeeser. Ihr Vater hat sich früh umgebracht, die Mutter ist mit einem neuen Mann nach Florida gegangen, aber sie beeinflussen immer noch das Leben der Brüder. Der Älteste, Buddy, geht fast am Selbstmord seines Vaters zugrunde. Ihm fehlt jemand, der seinem Leben eine Richtung gibt. Chic sehnt sich nach einem großen Bruder, zu dem er aufschauen kann, doch das kann Buddy nicht leisten. Die Sehnsucht nach Emotionen, nach Verbindung und Verlässlichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben der Brüder. Ihnen bei der Suche nach einem Ziel, einer Bestimmung und der Erfüllung des kindlichen Wunsches nach bedingungsloser Liebe zuzusehen, ist manchmal fast schmerzhaft.

Verzweifelte Suche nach Halt

„Sein Wunsch nach einer Verbindung zu einem Menschen oder einer Sache war so stark, dass er sich fühlte, als würde in seinem Inneren ein Mixer rotieren und ständig seine Sehnsucht umrühren“, so Chic im Jahre 1971. Während der knapp 50 Jahre passiert nicht wirklich viel, das Leben der vier Protagonisten plätschert so dahin, durchbrochen von einer Tragödie und aneinander gekettet durch ein Geheimnis.

Resigniert fasst Chic mit gerade mal 40 Jahren seine bisherige Lebenserfahrung in einem Monolog zusammen: „Wenn Sie Glück haben, wird jemand Sie lieben. Diesen Menschen werden Sie enttäuschen. Der Mensch, der Sie liebt, wird Sie eines Tags vielleicht hassen, und Sie können nichts dagegen machen. Auch wenn Sie es versuchen. Und Sie werden es versuchen. (…) Das Schlimmste ist, dass Sie es nicht aufhalten können. Nichts davon. Das Leben hat seine eigene Dynamik. Voran, voran, immer weiter voran.“ Und das ist die Tragik: Nicht das Leben der Waldbeesers geht voran, sondern das Leben um sie herum, unerbittlich und rücksichtslos.

Voran. Zum neuen Anfang oder zum Ende.

In ständigen Sprüngen zwischen den Jahrzehnten verfolgt der Leser, wie Chic gnadenlos altert und wie er sich sein Leben im Jahr 1998 eingerichtet hat. So weiß der Leser bereits, wie es Chick im Alter ergehen wird, während er als Neunzehnjähriger frisch verheiratet sein Leben beginnt. An vielen Stellen des Buches möchte ich Chic an den Schultern nehmen und schütteln, ihm zurufen: „Siehst du nicht, was passiert?“. Ich werde zum ohnmächtigen Augenzeugen und weiß schon lange vor den Protagonisten, welche Auswirkungen ihre Handlungen (oder Handlungsunfähigkeiten) haben. Chic, Buddy und ihre Frauen sind wie Planeten, die – gefangen auf ihrer eigenen Umlaufbahn – unermüdlich umeinander kreisen. Manchmal kommen sie sich auf ihrer Reise sehr nahe, dann wieder sind sie Lichtjahre voneinander entfernt. Und jeder Versuch, aus ihrer Umlaufbahn auszubrechen, scheitert.

Mein Fazit

"Voran, voran, immer weiter voran" ist das Romandebüt des 39jährigen Ryan Bartelmay, der mit seiner Familie in Chicago lebt. Seine klare und schnörkellose Sprache kommentiert und seziert schonungslos und lakonisch. Der leise Humor bewahrt das Buch davor, depressiv oder frustrierend zu werden. Es bleibt stets ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass sich alles zum Besseren wenden könnte. Ryan Bartelmay schafft es durch seine Schreibweise allerdings immer wieder, dass diese Hoffnung schal schmeckt und dass der Humor zum Galgenhumor wird. Ich hatte gehofft, dass die Geschichte um Liebe und Verlust, Schuld und Versöhnung, Sprachlosigkeit und Resignation für alle Beteiligten ein gutes Ende haben wird – und wusste doch schon früh, dass ich nur ohnmächtiger Zuschauer sein würde.

Ryan Bartelmay, Voran, voran, immer weiter voran. Blessing Verlag, 2015.

 

Heike Guderjahn (Hrsg.), April, Sturm und andere Turbulenzen. Geschichten von der Liebe.

Rezensentin: Eva Maria Kasimir

Weg mit den Pseudo-Sado-Maso-Schinken

„Fifty Shades of Grey“ ist eine Lachnummer im Vergleich zu diesen Geschichten. Sie stammen aus Zeiten, als Frau noch etwas zu befürchten hatte, wenn sie sich erdreistete, über Herzschmerz zu schreiben.

So zum Beispiel Kate Chopin: Die Amerikanerin legte im Jahr 1899 mit „The Awakening“ einen wahrlich skandalöses Buch vor, in welchem sie ihrer Protagonistin ein Recht auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit zustand. In der Folge des Aufruhrs, welchen sie damit in der gutbürgerlichen Gesellschaft auslöste, wurde zu ihren Lebzeiten nie wieder ein Buch von ihr verlegt. Ihre Erzählung „Der Sturm“ ist eine kondensierte Version ihres Erstlings und wurde erst posthum veröffentlicht. Sie findet sich im wunderbaren Sammelband „April, Sturm und andere Turbulenzen“, jüngst erschienen in der Edition Büchergilde.

Herausgeberin Heike Guderjahn hat hier Geschichten von der Liebe zusammen getragen, allesamt geschrieben von intellektuellen und einfühlsamen Frauen. Natalia Ginzburg ist ebenso darunter wie Sylvia Plath und Ingeborg Bachmann. Die Erzählstränge reichen von Erotik bis hin zum wahren Gräuel jeder Romanze: verblassender und erloschener Liebe.

Der Herausgeberin gelingt es, Geschichten zu versammeln, die von echten Beziehungen inspiriert sind. Sie sind nicht glatt gebügelt von irgendwelchen Märchenprinz-Fantasien. Und damit entsteht ein Lesebuch für Frauen, die es gelernt haben, Herzweh auszuhalten. Die Illustrationen der Leipziger Zeichnerin Susanne Wurlitzer spiegeln auf Herrlichste die Leere wider, die entsteht, wenn eine brennende Leidenschaft abgekühlt ist.

Ein besonderes Lob gilt der Gestaltung: Das Buch wird in einer Wickelbroschur hergestellt. Als besondere Herausforderung an die Druckerei kann der Leser den Umschlag zu einem Tafelbild aufklappen und aufstellen. Ein bezaubernder Band nur für wahrhaft Erwachsene.

Heike Guderjahn (Hrsg.), April, Sturm und andere Turbulenzen. Geschichten von der Liebe. Edition Büchergilde, 2015.

Buchrezis 2015

 

Jan Guillou, Die Brückenbauer

Rezensentin: Dorothee Bluhm

Knapp 800 Seiten entführen den Leser nach Norwegen, Deutschland und Afrika zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Drei Brüder, Fischersöhne einer westnorwegischen Insel, erleiden das gleiche Schicksal wie so viele von ihnen: Ihr Vater kommt beim Fischfang ums Leben. Da sie überdurchschnittlich intelligent und handwerklich begabt sind, nimmt sich eine Stiftung ihrer an. Sie kommen über Umwege an das renommierte Polytechnikum in Dresden, um zu den besten Ingenieuren des Landes ausgebildet zu werden. Die Brüder verpflichten sich, die Ausbildungssumme durch ihre Arbeit und Expertise zurückzuzahlen und nach Beendigung des Studiums nach Norwegen zurückzukehren. Dort sollen sie die „unmögliche Brücke“ über die Herdangervidda, die höchste und unwirtlichste Hochebene Europas, bauen.

Anders als geplant

Natürlich sind auch Ingenieurstudenten nicht gegen Liebe gefeit. Einer der Brüder flieht nach einem Liebesdebakel nach Deutsch-Ostafrika, der andere folgt seiner verbotenen Liebe nach England. So bleibt die Last der Rückzahlung auf dem ältesten Sohn hängen, der sich in die Pflicht fügt. Auch er kämpft um seine Liebe und will durch seine Arbeit dem voreingenommenen reichen Vater seiner deutschen Freundin beweisen, dass er für sie sorgen kann. Von hier an teilt sich der Roman in zwei Handlungsstränge – dem Bruder in England ist der zweite Teil der Trilogie gewidmet – und nimmt den Leser mit in die eisigen Höhen Norwegens und die heiße Wildnis Deutsch-Ostafrikas.

Reizvoller Wechsel

Diese Gegensätze in Natur und Menschen, die Parallele des Eisenbahnbaus – denn der mittlere Bruder ist am Bau der Tanganjikabahn beteiligt – und der Hintergrund des vibrierenden neuen Jahrhunderts mit all seinen technischen Möglichkeiten zieht den Leser in den Lesefluss hinein. Der Einfluss, den der technische Wandel auf die Gesellschaft und die Stellung der Frauen hat, die scheinbar unbekümmerte Zeit, in der alles möglich ist, wenn man es nur will, werden von Guillou in beeindruckenden Bildern beschrieben.

Kleiner Clou: Sein Großvater und dessen Brüder haben 1901 das Technikum in Dresden abgeschlossen. Guillou hat die Rede des damaligen Dekans fast 1:1 in seinem Roman übernommen. Diese Verknüpfung von familiärem Hintergrund und Fantasie in historischem Rahmen hat einen großen Reiz. Doch was der Leser im Gegensatz zu den jungen und ungestümen Protagonisten weiß: Europa befindet sich am Rande des ersten Weltkrieges und Freunde werden bald zu Feinden…

Längen und Klischees

Ab diesem Zeitpunkt schwächelt das Buch dann auch. Generell beschreibt Guillou vieles sehr detailliert, aber gerade im letzten Drittel wird es extrem. Anfangs ist es noch interessant zu sehen, wie sich der beginnende Krieg auf die beiden Brüder auswirkt. Doch gerade der in Afrika spielende Teil greift arg tief in die Klischeekiste der Kolonialzeit. Das vorläufige Ende, als sich beide Brüder nach langer Zeit wieder begegnen, ist merkwürdig ungerührt und steif.

Mein Fazit

Die Brückenbauer ist der erste Teil einer Trilogie und lässt sich gefällig lesen. Er bietet interessante und auch mitreißende Einblicke in Brückenbau unter extremen Bedingungen vor dem Hintergrund des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die Themen Familie, Verpflichtungen, Liebe, Historie und großartige Landschaften sind Garanten für ein unterhaltsames Buch. Die Charaktere sind ansprechend gestaltet, die Protagonisten bleiben allerdings oft merkwürdig flach und neutral. Im letzten Drittel habe ich häufiger quergelesen, da die detaillierten Beschreibungen strategischer Kriegskünste in diesem Rahmen einfach zu langweilig wurden. So wirkt auch das gesamte Ende etwas hastig zusammengestrickt. Alles in allem aber ein empfehlenswertes Buch für ein verregnetes Wochenende.

Jan Gulliou, Die Brückenbauer. Heyne Verlag, 2012.

 

Steven Galloway, Der Illusionist

Rezensent: Harry Pfliegl

Was in unserer Erinnerung Fakt oder Fiktion ist, kann niemand so genau sagen. Allzu schnell werden unangenehme Erlebnisse verdrängt und nur die schönen Momente mit einer Person hervorgehoben. Schon wenn man drei Augenzeugen eines Vorgangs befragt, erhält man vier verschiedene Versionen der Ereignisse, einfach weil jedes Gedächtnis anders funktioniert. Dennoch verlässt sich der Mensch auf seine Erinnerungen mehr als auf Erzählungen anderer – was aber, wenn das Gehirn nicht mehr zwischen Erinnerung und erfundenen Geschichten unterscheiden kann?

Am Anfang ist die Krankheit

Martin Strauss erfährt von seinem Arzt, dass er an einer seltenen neurologischen Krankheit leidet, dem sogenannten Konfabulismus. Davon Betroffene erzählen objektiv falsche Dinge, bilden sich aber fest ein, diese wären wahr und sie hätten sie genau so erlebt. Martin Strauss wird also seine Erinnerungen verlieren und schon bald nicht mehr unterscheiden können, was wahr ist und was sich sein Gehirn nur ausgedacht hat.

Dabei blickt Martin auf ein langes und wie er meint auch sehr ereignisreiches Leben zurück, hat er doch den weltberühmten Magier und Entfesselungskünstler Harry Houdini getötet – gleich zweimal. Zumindest glaubt er das und möchte seine Geschichte unbedingt aufschreiben, bevor er sie für immer vergisst. Sein Grund: Er möchte Alice, von der er glaubt, dass sie Houdinis Tochter ist, unbedingt die Wahrheit über ihren Vater und über sich selbst sagen.

Drei Handlungsstränge, zwei Leben, eine Geschichte?

Steven Galloway verwebt in seinem Roman drei Handlungsstränge miteinander. Zum einen die gut recherchierte und realistisch dargestellte Biographie des weltberühmten und bekannten Zauberers und Entfesselungskünstlers Harry Houdini. Zum zweiten das Leben des jungen Martin Strauss als Student in Montreal, wo er auf Houdini trifft und in dessen Verwirrspiele verstrickt wird. Das wiederum führt dazu, dass Martin den Zauberer gleich zweimal töten kann. Der dritte Erzählstrang behandelt die Gegenwart, als Martin auf einer Parkbank vor dem Krankenhaus sitzt und über seine Erinnerungen und sein Leben sinniert, bevor er diese beiden aus seinem Gedächtnis verliert. Oder hat er das vielleicht schon?

Mein Fazit

Unsicherheit ist faszinierend, zumindest im Fall dieses Buches. Die Houdini-Biographie ist gespickt mit korrekten Fakten, wie zum Beispiel der Bekanntschaft mit Sir Arthur Conan Doyle. Auch Martins Biographie und seine Version der Ereignisse beim Zusammentreffen mit Houdini in der Vergangenheit scheinen mehr als realistisch. Wenn, ja wenn da nicht die Gegenwart wäre und seine Krankheit. Denn in der Gegenwart tauchen bei Martin immer wieder Erinnerungsfetzen auf, die so nicht stattgefunden haben können, wenn er Houdini wirklich getötet hat. Bis zum Schluss bleibt offen, welche der Erinnerungen real sind und welche aufgrund des Konfabulismus erfunden wurden, um die Erinnerungslücken zu schließen.

So bleibt es jedem selbst überlassen, zu entscheiden, was real in Martins Leben passiert ist. Genau das macht den Reiz des Buches aus. Denn seien wir ehrlich: Haben wir uns nicht selbst schon manchmal gefragt, ob ein Ereignis wirklich genauso stattgefunden hat, wie wir uns daran erinnern?

Steven Galloway, Der Illusionist. Luchterhand, 2015.

 

Martin Compart, Die Lucifer-Connection

Rezensent: Harry Pfliegl

Mit einer scheinbaren Bagatelle beginnt für den Privatdetektiv Gill eine kriminalistische Reise in die Abgründe der menschlichen Seele: Ein Junge, Michael Heimkann, sitzt weinend in seinem Büro und möchte den privaten Ermittler engagieren, weil sein kleiner, schwarzer Kater plötzlich verschwunden ist. Eigentlich möchte der ehemalige Geheimagent und Söldner ablehnen, doch er hat ein weiches Herz und liebt Katzen, weshalb er den Fall doch annimmt.

Wer hat die Kinder ermordet? Gill gelingt es schließlich, die Katze zu finden. Diese wurde von professionellen Fängern aufgegriffen. Die Katze befindet sich in einem hervorragend geschützten Lagerhaus zusammen mit Hunderten von Artgenossen. Gill erfährt, dass die Tiere bei satanischen Ritualen geopfert werden sollen, was der Detektiv aber zu verhindern weiß. Zwischenzeitlich hat ein Schatzjäger mit seiner Wünschelrute einen grausigen Fund gemacht: Er ist auf ein Massengrab mit Dutzenden von Kinderleichen gestoßen. In diesem Fall ermittelt Polizeidirektorin Alexa Bloch, Gills beste und wohl einzige Freundin. Sie hat ihm einmal das Leben gerettet, weshalb Gill für sie durch die Hölle und wieder zurück gehen würde.

Eine Nummer zu groß?

Bei einem Treffen sprechen die Polizistin und der Detektiv über ihre aktuellen Fälle und beschließen, den Stand der Ermittlungen abzustimmen. Denn sie sind unabhängig voneinander offensichtlich einem international agierenden Netzwerk von Satanisten auf die Spur gekommen. Diese Abstimmung soll schließlich Alexas Leben retten. Denn sie verspricht sich beim Satanisten-Beauftragten der katholischen Kirche, mit dem sie sich zu einem privaten Abendessen verabredet hat, weitere Erkenntnisse. Bei diesem Treffen stellt sich jedoch heraus, dass ausgerechnet der Mann der Kirche der Kopf der Satanisten ist. Er entführt Alexa und verschleppt sie auf eine Sklavenfarm, auf welcher ein liberianischer Warlord Frauen als Gebärmaschinen hält, um die Kinder an die Satanisten zu verkaufen. Doch es gelingt Gill, sich an die Spur zu heften, eine kleine Privatarmee aufzustellen, die Farm dem Erdboden gleichzumachen und die Freundin zu befreien. Auch der Kopf der Satanisten entkommt ihm nicht. Weil dem Detektiv der Tod für dieses Monster in Menschengestalt als zu human erscheint, verdammt er ihn zu einem Schicksal, das schlimmer scheint als die Hölle…

Einfach fesselnd

Stellenweise badet der Autor regelrecht in Klischees, die der Leser aus Groschenromanen der 1960er Jahre kennt. Etwa, wenn er den Bordellbetreiber Klaus beschreibt, genannt „Karibik-Klaus“, der Gill den Rücken mit Geld und logistischer Unterstützung freihält. Geht es um die Schilderungen der grauenhaften Taten, zieht er sich jedoch auf die Rolle eines objektiven und neutralen Berichterstatters zurück, sodass ekel- und grauenhafte Details erst im Kopf des Lesers entstehen.

Mein Fazit

Martin Compart gelingt es meisterhaft, die Bilder der einzelnen Szenen nicht nur zu beschreiben, sondern im Kopf des Lesers zu erzeugen. Die Lucifer-Connection macht neugierig auf mehr, ist aber kein Lesestoff für schwache Nerven.

Martin Compart, Die Lucifer-Connection. EVOLVER BOOKS, Wien 2011.

Buchrezis 2015

 

Matthias Jügler, Raubfischen

Rezensentin: Katja Weber

Matthias Jügler, 1984 in Halle geboren mit Masterstudium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, legt mit „Raubfischen“ seinen Debütroman vor. Der Einband sieht vielversprechend aus – ein pastellfarbenes Blaugrau mit der schönen Graphik eines Fischerbootes. Um Daniel und seinen Großvater soll es gehen, um ihren gemeinsamen Angelurlaub in Schweden und darum, dass der Großvater an ALS erkrankt – woraufhin Daniel einen „waghalsigen“ Entschluss fasst, wie es auf der Rückseite des Buches heißt. Gespannt schlage ich den Roman auf – und bin enttäuscht.

Konstruiert

Die ersten Kapitel des Buches habe ich das Gefühl, des Autors Anliegen sei es, möglichst keinen Satz mit mehr als fünf Wörtern zu schreiben. Das ändert sich zum Glück nach dem ersten Drittel. Besser wird es dennoch nicht. Denn allen Kapiteln gemeinsam bleibt die ausufernde Anhäufung von Detailschilderungen, welche mich regelmäßig den Faden verlieren lassen. Solcherlei literarische Konstruktionswut dürfen sich meines Erachtens nur Autoren wie Musil erlauben, deren Wälzer genügend Raum dafür bieten. In einer Erzählung jedoch, die vorgibt, ein Roman zu sein, scheint sie mir unangebracht.

Distanziert

Der Inhalt kommt nur mit Mühe bei mir an und verliert auf seinem Weg die Kraft, mich zu berühren: Neben den Kaffee-und-Kuchen-Schilderungen erhasche ich ein paar Sätze, aus denen hervorgeht, wie mitgenommen alle von der Erkrankung des „Großvaters“ sind. Mich lässt das ziemlich kalt. Weder wurde mir Grundlegendes zu der Krankheit ALS erzählt, noch hatte ich die Möglichkeit, eine Beziehung zu den Handlungsfiguren aufzubauen, von denen der Ich-Erzähler Daniel so verstörend förmlich („Mutter“, „Vater“, „Großmutter“, „Großvater“) berichtet.

Gleich gestelltes Vielerlei

Neben der Erkrankung geht es auch ums Hechtefangen (daher „Raubfischen“), um Daniels Ferien in Schweden und heimliches Rauchen, um eine Fehde zwischen dem Großvater und dem Verkäufer des Ferienhauses namens Åge. Aus einer Rückblende wird klar, dass die Großmutter mit diesem vor Jahren mal geliebäugelt hatte. Daher also. Drei hübsch von Tim Jockel illustrierte Kapitel handeln vom Leben unter Wasser aus Fischperspektive und fallen damit etwas aus der Reihe, sind aber durchaus angenehm zu lesen. Ansonsten stehen alle Handlungsstränge gleichberechtigt nebeneinander, alle Sätze sind gleich gewichtet. Um der Erzählung zu folgen und ihre Bedeutung zu erfassen, muss ich mich entsprechend konzentrieren und nachdenken. Dennoch erschließt sich mir nicht, was nun eigentlich so „waghalsig“ an Daniels Entschluss sein soll, mit seinem Großvater und dessen Beatmungsgerät noch eine letzte Reise nach Schweden zu unternehmen.

Mein Fazit

Auf der Rückseite bemerkt Matthias Nawrat: „Wie [Jügler] vom Ende eines Lebens erzählt, lässt uns lange nicht mehr los.“ Mich hat es gar nicht erst gepackt.

Matthias Jügler, Raubfischen. Blumenbar, 2015.

 

Gunnar Ardelius, Die Liebe zur Freiheit hat uns hierher geführt

Rezensentin: Carina Tietz

Titel und Klappentext klangen mehr als interessant. Ich rechnete mit Parallelen zu meinem eigenen Leben, denn ich hatte selbst vor ein paar Jahren den großen Schritt gewagt und wanderte vorübergehend aus. Doch letztendlich gab es nur ganz wenige Gemeinsamkeiten.

Ich konnte mich in Margrets Lage versetzen. Während der Mann seiner neuen Tätigkeit mit großer Begeisterung nachging, saß sie in einem tollen Haus und langweilte sich. Mir ging es ganz genau so, doch ging ich auf andere Art mit der Situation um und suchte mir schnell einen Job. Das lag sicherlich auch daran, dass ich aus voller Überzeugung diesen Weg gegangen war. Margret dagegen verspürt keine große Lust auf Afrika, sehnt sich nach dem kalten Wetter von Stockholm, vermisst ihren Liebhaber und lässt ihre ganze Wut an einem wehrlosen Dienstboten aus. Ihre Wutausbrüche hat sie immer weniger unter Kontrolle und am Ende bohrt sie dem ahnungslosen Schlangenjungen eine Stricknadel in den Oberschenkel.

Verloren in der Unabhängigkeitsbewegung Liberias

Schon bei der Ankunft in Liberia ist die Familie zerrüttet. Margret nimmt ein Geheimnis mit auf die Reise. Hektor weiß nicht nichts von ihrem Liebhaber und schon gar nichts von Margrets heimlicher Reise nach Polen. Hier ließ sie das Kind ihres Liebhabers abtreiben. Der Sohn Marten ist auf der Suche nach seinem Platz im Leben. Er vermisst seine Freundin Laura und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Dieser wird ihm am Ende fast zum Verhängnis, denn er solidarisiert sich mit den Minenarbeitern, streikt und wird schließlich von den Soldaten verhaftet. Die fehlende Mutterliebe sucht er woanders und freundet sich mit dem Schlangenjungen an. Die Freundschaft festigt sich. Margret kann den Schlangenjungen nicht leiden. Sie will ihn vertreiben, denunziert ihn und attackiert ihn verbal und körperlich.

Auch Hektor hat Probleme. Er kommt mit seinem Vorgesetzten nicht klar und auch die Hitze macht ihm zu schaffen. Er wagt einen Spagat zwischen Job und Familie, denn die Solidarität seines Sohnes mit den Minenarbeitern bringt ihn immer wieder in Misskredit.

Ein fragwürdiger Titel

Der Titel animiert zum Lesen. Allerdings hält er nicht wirklich, was er verspricht. Am Anfang des Buches ist die Familie noch auf der Suche nach Freiheit und Abenteuer. „…ein Schnattern und Ticken, das sie an nichts erinnerte, was sie jemals gehört hatte.“ Die erste Nacht in Liberia ist voller Spannung. Doch mit jedem Tag mehr zerbrechen die Erwartungen. Mit jeder Seite mehr werden die Familienprobleme offen gelegt. Schon bald merkt der Leser, dass Margrets Familienproblem der Grund waren, nach Afrika zu gehen und keineswegs die Liebe zur Freiheit. Margret erinnert sich schon nach wenigen Tagen daran, wie gleichgültig sie Schweden verlassen hatte: „Mit Gleichgültigkeit betrachtet Margret den Schneematsch und die Brücke über die Åstra-Inseln.“ Doch nun sehnt sie sich zurück nach dem kalten Stockholm, nach den dunklen Tagen im Winter und nach den Schneemassen, die Schweden oft schon im Oktober überziehen. Irgendwann wird allen in der Familie klar, dass sie im fernen Liberia nicht vor ihren Problemen weglaufen können.

Mein Fazit

Ich erwartete eine Familie, die nach Afrika auswandert und sich dort mit den neuen Begebenheiten vertraut machen muss. Eine Familie, die voller Erwartung und Vorfreude ist und mit Überzeugung an einem anderen Ort ganz von vorne anfängt. Zwar setzen die Agierenden sich auch mit den Ereignissen in Liberia auseinander, aber das gesamte Buch wird von Familienproblemen dominiert. Trotzdem fesselt die Spannung, und besonders Margrets Charakterzüge haben mich mitunter erstarren lassen.

Gunnar Ardelius, Die Liebe zur Freiheit hat uns hierher geführt. Karl Blessing Verlag, 2015.

 

Conrad Lerchenfeldt, Die Legende der böhsen onkelz

Rezensent: Harry Pfliegl

Man muss die Musik der Böhsen Onkelz nicht kennen, um die Band trotzdem hassen zu können, oder? So lautet meist das einhellige Urteil politisch (über)korrekter Rockfans. Schließlich waren die „Onkelz“, wie sie von ihrer treuen Fangemeinde genannt werden, einst in der Skinhead-Szene zuhause und standen zumindest phasenweise als Synonym für den aufkeimenden Rechtsrock aus deutscher Produktion. In seinem Buch „Die Legende der böhsen onkelz“ räumt der Musikjournalist Conrad Lerchenfeldt mit Vorurteilen auf und zeichnet die seit mehr als drei Jahrzehnten währende Geschichte einer der umstrittendsten deutschen Bands nach.

Der Abschied als Einstieg

Um begreifen zu können, was die besondere Faszination der Band für die Fans ausmacht, beschreibt Lerchenfeldt in seinem einleitenden Vorwort das 2005er Abschiedskonzert auf dem Lausitzring, wo die Böhsen Onkelz von internationalen Top-Acts wie Motörhead oder Rose Tattoo begleitet wurden. Hier gingen 120.000 Fans vor der Band in die Knie, um sich für 25 gemeinsame Jahre in einer verschworenen Gemeinschaft zu bedanken. 

Ein Zufall führt zur Musik

Die Böhsen Onkelz, das sind Stephan Weidner, Kevin Russell, Matthias Röhr und Peter Schorowsky. Sie alle stammen aus eher bildungsfernen oder zerrütteten Elternhäusern und entdeckten gemeinsam, beeinflusst von der Punk-, später von der Oi-Bewegung, Musik als Mittel, um ihren Frust auf die Gesellschaft und ihr eigenes Leben auszudrücken. In den ersten Jahren stand in den Songs neben Saufen und Gewalt auch Nationalstolz im Vordergrund, der eben auch von der rechten Szene vereinnahmt wird. Das und die Tatsache, dass in den ersten Jahren Auftritte in stramm rechten Locations vor entsprechendem Publikum stattfanden, verfolgen die Böhsen Onkelz bis in die Gegenwart hinein.

Nach den Schilderungen Lerchenfeldts gewinnt der Leser den Eindruck, dass die vier Musiker der Böhsen Onkelz in den Anfangsjahren ihre musikalische Karriere wohl eher etwas naiv gestartet hatten, indem sie populäre Parolen aus ihrem Umfeld vertonten und Auftrittsmöglichkeiten nutzten.

Den Gesinnungswandel von einer eher krawalllastigen hin zu einer kritischen und national angehauchten, aber nicht unbedingt nationalistischen Band schildert Lerchenfeld ebenso ausführlich, wobei er auch so manche absurde Situation darstellt: Beispielsweise, wenn die Böhsen Onkelz auf öffentlichen Diskussionen dazu aufgefordert werden, ihren Gesinnungswandel unter Beweis zu stellen, sich auf den gleichen Veranstaltungen aber Konzertveranstalter weigern, mit den Onkelz zusammenzuarbeiten, eben weil sie angeblich rechts sind.

Mein Fazit

Das Buch von Conrad Lerchenfeldt überzeugt vor allem durch die weitgehend neutrale und wertungsfrei geschilderte Geschichte der Band. Der interessierte Leser findet im Anhang ein Quellenverzeichnis, mit dessen Hilfe er tiefer in das Thema einsteigen kann. Man mag die Onkelz und ihre Musik mögen oder nicht – faszinierend ist ihre Geschichte allemal.

Conrad Lerchenfeldt, Die Legende der böhsen onkelz. riva Verlag, 2015.

 

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Buchrezis 2015

 

Jenna Blum, Die uns lieben

Rezensentin: Katja Weber

Weimar 1939. Bevor sie selbst zu Schachfiguren des Grauens werden, können Anna, Tochter eines inbrünstig heil-hitlernden Vaters, und Max, ein jüdischer Doktor, noch eine Zeit lang spielen. Sie verlieben sich ineinander und zeugen ein Kind: Trudy. Doch Max wird entdeckt und nach Buchenwald deportiert. Um sich selbst und ihre Tochter zu schützen, wird Anna schließlich die Geliebte des Obersturmführers Horst von Steuern, der über Jahre hinweg ihre einzige Bezugsperson darstellt…

50 Jahre später hüllt sich Anna in Schweigen und überlässt Trudy verworrenen Erinnerungsfetzen an ihre früheste Kindheit, aus denen sie nur einen Schluss ziehen kann: Sie ist das Kind eines Nazis.

Authentisch und anschaulich

Wie hätte eine durchschnittliche deutsche Frau den Holocaust erlebt? Wie hätte sie sich verhalten? Was hätte sie empfunden?

Diese Fragen stellte sich Jenna Blum, als sie bei einem Besuch Weimars feststellte, wie nah die Stadt am KZ Buchenwald gelegen ist. "Die uns lieben" ist das Ergebnis dieser Fragen, jahrelanger Recherchen und Interviews mit Zeitzeugen, die die Autorin für Steven Spielbergs „Survivors of the Shoah Foundation“ führen durfte. All das gepaart mit dem exzellenten Schreibstil Blums, der mit genügend bildhaften Detailbeschreibungen arbeitet, um das Buch zum Film, aber nicht zum Hollywoodbuster werden zu lassen, verleiht der Geschichte der Anna ihre Überzeugungskraft.

Those who save us

Annas Drama entspringt auch der Titel des Buches, was jedoch nur im Original deutlich wird (ein kleiner Kritikpunkt – freilich nur an der Übersetzung): Gefragt, ob sie den Nazi, dessen jahrelange Mätresse sie war, geliebt hat, sucht Anna nach Worten und will sagen: We come to love, those who save us. Doch sie schweigt, weil sie nicht weiß, ob sie save (beschützen) oder shame (beschämen) sagen soll.

Die Schuld- und Schamgefühle, welche die Zwangsliaison in ihr ausgelöst hatte, überschatten Annas gesamtes weiteres Leben – und indirekt auch das ihrer Tochter Trudy. Diese versucht 50 Jahre später die Vergangenheit zu ergründen, was dadurch erleichtert wird, dass Trudy mittlerweile Professorin für deutsche Geschichte ist. Ein simpler, gleichwohl genialer Trick der Autorin, welcher ihr gestattet, das Thema des Holocaust sowohl in seiner persönlichen Bedeutung für ihre Protagonisten als auch in seinem generellen Ausmaß dramaturgisch dicht zu beleuchten. Der Perspektivenwechsel – zwischen Anna im braunen Weimar der 1940er und Trudy im kalten Minneapolis der 1990er Jahre – trägt sein Übriges zum Spannungsbogen des Romans bei.

Mein Fazit

Prosa, die die Zeit des Dritten Reichs behandelt, hat mich zu Schulzeiten so sehr verfolgt, dass ich sie irgendwann kategorisch ablehnte. Zu bedrückend. Hätte ich das Buch nicht zum Rezensieren bekommen, hätte ich es daher vermutlich nie gelesen und nie gewusst, was mir dabei entgangen wäre: Eine einfühlsame Charakterstudie, aber vor allem eine überaus spannend und meisterhaft erzählte Geschichte.

Jenna Blum, Die uns lieben. Aufbau Verlag, 2015.

 

Jens Steiner, Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit

Rezensentin: Yvonne Giebels

Hauptpersonen des neuen Buches von Jens Steiner sind die beiden Philosophiestudenten Paul und Magnus. Und die beiden sind genauso, wie man sich Philosophiestudenten so vorstellt. Magnus betrachtet die Welt theoretisch und tut nicht viel. Paul wiederum betrachtet das Leben und sein Studium mit zynischer Distanz, tut ansonsten auch nicht viel, trauert seiner alten Flamme hinterher und interessiert sich für die neue Mieterin im Stockwerk über ihm. So gut, so langweilig.

Der Anschlag, der keiner ist

Eines Tages beschließen Paul und Magnus, beim Vortrag des Medienzars Kudelka in der Uni eine Störaktion zu starten – der Klappentext nennt es überzogen einen Anschlag. Darunter stelle ich mir als Leserin mindestens eine Bombe vor, aber bestimmt keine eingespielte Tonbandaufnahme. Danach schmeißen die beiden ihr Studium und entwickeln wirre Philosophien, denen ich als Leserin nicht mal ansatzweise folgen kann. Okay, wenige gute Ansätze gibt es, etwa wenn der Autor seinen Helden darüber philosophieren lässt, ob wir Menschen wirklich so frei sind, wie wir immer glauben. Diese Ansätze sind leider nur ein kurzes Aufleuchten, das schnell wieder verglüht. Genauso wie Magnus, der irgendwann ohne Erklärung aus der Erzählung verschwindet.

Schwache Handlung

Im Verlauf der Handlung wird Kudelka schließlich entführt und Paul wird als Entführer gesucht. Was sich nun zu einem spannenden Kriminalstück entwickeln könnte, endet leider so, wie die Philosophien von Paul und Magnus – ziemlich wirr. Plötzlich taucht ein Homunkulus auf. Nach einer Philosophie von Magnus ist dies eine kleine Gestalt, die bei jedem von uns hinter der Stirn sitzt und darüber entscheidet, was wir sehen. Eigentlich eine witzige Idee. Als Leserin vergeht mir allerdings schnell die Lust, diese Idee weiterzuspinnen, denn der Homunkulus ist eine absolut lächerliche Figur mit Zwergenbart und Rotznase, der mindestens so wirr ist wie die Geschichte, in der er auftaucht. Genauso wenig kann ich den Mann auf dem Dach ernst nehmen, der sich bei der Flucht von Paul als Sphinx geriert und wirre Geschichten über seinen Sohn erzählt, die mit der Handlung so gar nichts zu tun haben.

Fazit: Nicht empfehlenswert

Eine Leseempfehlung für dieses Buch kann ich als Leserin nicht aussprechen. Ganz offen: Es ist so ziemlich das Fürchterlichste, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Spätestens nach Seite zehn habe ich mich gequält. Der Geschichte fehlt ein roter Faden, der Inhalt ist ein absolutes Durcheinander und das Ende ist noch weniger sinnvoll als die Handlung an sich. Wer unterhaltsam über philosophische Fragen nachdenken will, der sollte definitiv ein andres Buch wählen. Vielleicht fehlt mir einfach nur Schweizer Humor.

Jens Steiner, Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit. Dörlemann Verlag AG, Zürich, 2015.

 

Patrick Modiano, Ein so junger Hund. Kurze Belichtung. Große Blende.

Rezensent: Harald Wurst

Normalerweise gelten bei der Wahl des Lesestoffs für mich zwei ziemlich rigorose Ausschlusskriterien: kein Buch aus den Top Ten der Bestsellerlisten – und, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, auch kein Autor (oder Autorin) mit Nobelpreis in seiner Biografie. Hier kommt also ein Sonderfall zur Besprechung, zumindest nach den Maßstäben meines zweiten Grundsatzes: ein über 20 Jahre alter Roman des aktuellen Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano.

Nun wird Modiano spätestens seit seinem eher plötzlichen Ruhm hierzulande gern unterstellt, er schreibe eigentlich immer das gleiche Buch bzw. behandele nur ein einziges Sujet in seinen Geschichten: Das Erinnern an eine Vergangenheit, die womöglich ganz andere oder weitere Untiefen beinhaltet, als bislang gedacht oder eingestanden. Ob das wirklich für sein ganzes Werk zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Bei „Ein so junger Hund“ trifft diese Diagnose im Großen und Ganzen zu.

Die rund 100 Seiten starke Erzählung erschien 1993 und blickt aus der Perspektive dieses Jahres ins Paris von 1964 zurück. Der Erzähler saß damals mit seiner Freundin in einem Café und wurde von einem Fotografen mit der Bitte angesprochen, sich als Motiv für seine Reportage „Jugend von Paris“ ablichten zu lassen. Aus der Begegnung entwickelt sich rasch eine Bekanntschaft, die in ihrer Intensität allerdings recht einseitig verläuft. Über den Hintergrund des erzählenden Helden erfährt man sehr wenig – dafür wird der Fotograf Francis Jansen mit einer (komplett erfundenen) beeindruckenden Biografie versehen. Und zwar so detailliert und schillernd, dass ich den Namen sogar bei Google gesucht habe. Vergeblich natürlich. Jansen ist im Roman u.a. ein Weggefährte von Robert Capa, hat bedeutende Bildbände und Reportagen veröffentlicht… und der Leser erhält detaillierte Bildbeschreibungen von Fotos, die niemals gemacht wurden. Dazu erfährt man exakte Adressen und Telefonnummern von Personen, die nie gelebt haben. Auch der Erzähler wäre sicher froh gewesen, seinerzeit über eine Suchmaschine verfügt zu haben, begibt er sich doch im Lauf der Jahre immer wieder auf die Recherche nach Kontaktaktpersonen aus dem Umfeld des Fotografen. Denn der Held des Romans dient sich Jansen nicht nur als unbezahlter Archivar der großen Fotosammlung an – eines Tages verschwindet der Fotograf auch spurlos. Wobei mögliche Gründe dafür und ein geheimnisvoller Namensdoppelgänger eher eine Art von „Hintergrundstrahlung“ der Handlung abgeben.

In der Hauptsache behandelt der Roman nämlich die Befindlichkeiten des Erzählers. Seine Rückblicke auf die Jugend als „junger Hund“. Seine von Jansen wesentlich beeinflusste Entscheidung, Schriftsteller zu werden. Seine sentimentalen Erinnerungen an eine vergangene Zeit, die Fotos zwar evozieren, aber niemals ersetzen können. Das Ganze getragen vom melancholischen Ton des Ich-Erzählers, der aber durch die schriftstellerische Souveränität Modianos nie ins Peinliche abgleitet. Und ein in der Literaturkritik zu Modiano oft erwähntes Phänomen ist schon richtig: Er erschafft bereits mit dem ersten Satz eine zwar leichte, aber auch konsequente Atmosphäre, die den Leser in einen sehr speziellen Flow versetzt. Charaktere und Szenen erscheinen hier trotz sparsamer Beschreibung fast schon holografisch präsent. Womit das zentrale Thema „Foto“ auch um mindestens eine Dimension bereichert wäre.

Ob’s mir gefallen hat? Der Plot der Geschichte ist eher unbedeutend. Die Kunst des Schreibens an sich zeigt sich hier allerdings auf sehr hohem Niveau. Insofern: Ja.

Patrick Modiano, Ein so junger Hund. Aufbau Verlag, 2014.

 

Anne Köhler, Ich bin gleich da

Rezensent: Harry Pfliegl

Anne Köhler erzählt die Geschichte der Köchin Elsa, die in ihrem Beruf weit mehr sieht als nur ein Mittel zum Broterwerb oder eine Berufung. Nur beim Kochen kann sie ihre Sorgen, ihre Vergangenheit und die Probleme des Alltags vergessen. Zugleich bietet ihr die Arbeit in der Küche die Chance, ihrem Ziel – dem Meer – näherzukommen.

Die Sehnsucht nach der See hat Elsa von ihrem Vater übernommen, der verstarb, als er nachts während der Maifeiern in ihrem Heimatort in den Wäldern rund um die Maifeuer herumgestreift war. Elsa macht sich auch Jahre später noch Vorwürfe: Sie hätte rechtzeitig Hilfe holen können, so meint sie, wäre sie bei ihrem Vater und nicht so lange beim Maivergnügen geblieben.

Die Welt wird zu eng

Mit dem Tod des Vaters wird Elsa das Zuhause zu eng. Sie bricht die Schule ab und absolviert in einem anderen Ort eine Ausbildung zur Köchin. Anschließend wechselt sie mehrmals die Arbeitsstelle und arbeitet sich Stück für Stück weiter nach Norden, um eines Tages am Meer zu leben, das ihr Vater so sehr liebte.

Gefangen im XXL-Tempel

Als Anne Köhler in die Geschichte einsteigt, arbeitet Elsa in einem XXL-Restaurant irgendwo in der Mitte Deutschlands. Dort gilt nur eine Maxime: Groß und günstig muss es sein für den Gast. Scheinbar hat sich Elsa mit der Situation hier arrangiert, zumal sie eine Beziehung mit einem Kollegen eingeht. Der möchte mit Elsa zusammen eine Zukunft aufbauen, denkt aber nicht über die Arbeit im XXL-Lokal oder die Stadtgrenzen hinaus. Als Elsa gekündigt wird, wagt sie den großen Sprung, reist nach Hamburg und findet eine Anstellung in einem Sterne-Restaurant. Sie lernt einen neuen Mann kennen, mit dem sich ihr Leben zu ändern scheint und stellt sich zu guter Letzt sogar den Schatten der Vergangenheit.

Kopfkino vom Feinsten

Die große Stärke des Romans besteht in der detaillierten Charakteristik der Personen. Anne Köhler zeichnet die Figuren liebevoll mit all ihren Marotten und Stärken, sodass im Kopf des Lesers unweigerlich ein Bild der Person entsteht. Die Autorin erzeugt ein sensibles Kopfkino. 

Mein Fazit

Wer eine actionreiche Handlung oder gar die Diskussion grundlegender moralischer Werte liebt, dürfte von „Ich bin gleich da“ enttäuscht sein. Denn Anne Köhler schildert „nur“ den Alltag und das seelische Innenleben einer ganz einfachen Frau. Das macht sie jedoch mit einer fesselnden Brillanz, wie es nur wenigen Autoren gelingt. Die erzählerische Stärke bei scheinbaren Nichtigkeiten macht das Buch zu einer der faszinierendsten Neuerscheinungen der jüngsten Vergangenheit.

Anne Köhler, Ich bin gleich da. Dumont, 2015

Buchrezis 2015

 

Rupert Dance und Lillian A. Darling, Blaue Feen & Weiße Königinnen. Die Essenz der Märchen.

Rezensent: Harry Pfliegl

Eine deutsch-britische und eine deutsche Autorin, die sich bereits die ersten Sporen in der literarischen Welt verdient haben, wollen gemeinsam ein Märchenbuch verfassen. Weil ihre ersten Publikationen in anderen literarischen Genres liegen, erscheint es nur logisch, dass sie das Gemeinschaftsprojekt unter Pseudonym veröffentlichen. Das Duo Rupert Dance und Lillian A. Darling beweist, dass selbst Geschichten von Völkern, die längst das Antlitz der Erde verlassen haben, bis heute nichts von ihrer Magie und Faszination verloren haben. Erhältlich ist die Sammlung in der Kindle Edition als E-Book.

Bekannte Motive und unbekannte Geschichten In einem einleitenden Kapitel gibt das Autorenduo einen persönlich angehauchten Einblick in die Welt der Märchen und schildert einige Hintergründe zu diesem literarischen Sujet. Die bekannten Märchensammler wie die Brüder Grimm haben die Märchen nicht frei ersonnen, sondern Geschichten gesammelt, die seit Generationen im Volksmund erzählt wurden, oft um der einfachen Bevölkerung moralische Werte und Tugenden zu vermitteln. Und nicht selten reichen die Geschichten der Märchen zurück bis in die römische, griechische oder keltische Mythologie.

Anschließend erzählen Rupert Dance und Lillian A. Darling abwechselnd 17 Geschichten. Als Vorlage dienen größtenteils Märchenmotive, die der Leser aus den Werken von Hans Christian Andersen oder den Brüdern Grimm kennt. Aber auch moderne Märchen, etwa ein Drehbuch, werden märchenhaft interpretiert. Dance und Darling konzentrieren sich dabei größtenteils auf die eher unbekannteren Geschichten der großen Märchenerzähler. Märchen-Evergreens wie „Dornröschen“ oder „Schneewittchen“ dürfen natürlich nicht fehlen, diese werden jedoch in Gedichtform verarbeitet.

Alte Geschichten im modernen Gewand

Die Sprache der beiden Autorinnen ist märchenhaft und zugleich modern. Dieser nicht einfache Spagat gelingt ihnen durch alle Geschichten hindurch bestens. Da vor jedem Märchen die ursprüngliche Quelle oder das jeweilige Märchenmotiv genannt wird, kann der interessierte Leser nachvollziehen, welche Details einer vielleicht schon bekannten Geschichte abgewandelt wurden und inwieweit die Handlung vom scheinbaren Original abweicht. Für den Kenner ergibt sich dabei so manch überraschende Wendung.

Mein Fazit

Mit „Blaue Feen & Weiße Königinnen“ ist eine rundum gelungene Märchensammlung entstanden. Diese richtet sich eher an ein erwachsenes Publikum, welches die Vorlagen kennt und gewiss Spaß daran hat, die Unterschiede aufzuspüren. Man mag sich fragen, ob ein neues Märchenbuch nun wirklich noch sein muss. Im Fall von „Blaue Feen & Weiße Königinnen“: Eindeutig Ja! Hier wird nicht nacherzählt, sondern neu interpretiert. Und das ist verdammt spannend.

Rupert Dance und Lillian A. Darling, Blaue Feen & Weiße Königinnen. Die Essenz der Märchen. Kindle Edition, 2015.

 

Wolf Schmid, Pedalpilot Doppel-Zwo

Rezensentin: Eva Maria Kasimir

Pedalpilot Doppel-Zwo ist der Ritter der Straße. Als Radkurier in Hamburg bringt Johannes jeden Tag Sendungen auf die Asphaltbahn. Bis ein Bruch ihn aus derselben wirft. Also muss Walter ran, sein Vater. Der tut sich anfangs schwer, ist er doch – als einer der letzten verbeamteten Postzusteller – gerade in Pension gegangen. Und er ist ein schüchterner Kauz. Aber Walter fällt ausnahmsweise mal das Glück zu.

Wolf Schmid legt mit Pedalpilot Doppel-Zwo einen wunderbaren Erstlingsroman vor. Schmids Sprache ist klar und spiegelt seinen Ideenreichtum wider. Und damit erzählt er eine Geschichte, die subtil politisch ist: Es ist die vom Sonderling Walter, der im heutigen Raubtierkapitalismus verloren wäre. Walter gehört noch zu einer Generation, in der Postboten und Paketzusteller verbeamtet waren und es zu bescheidenem Wohlstand bringen konnten: ein Haus, eine Eigentumswohnung, ein kleiner Weinberg. Das zählt Walter, der den Mund nicht aufbrächte, selbst wenn es um sein Leben ginge, zu seinem Besitz. Plus Pension.

Johannes wird das wohl nie erreichen. Ungleich gewandter und mit höherem Bildungsabschluss ausgestattet, schlägt er sich in einem ähnlichen Job als Kurierfahrer durch. „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“, rät sein Vater. „Spar du dir lieber deine Sprichworte. Mir bleibt am Ende des Monats nichts zum Sparen. Das ist heute nicht mehr wie zu deiner Zeit, als jeder popelige Briefträger sich Mitte zwanzig den Traum vom Eigenheim erfüllen konnte“, entgegnet Johannes und bringt den Generationsunterschied auf den Punkt. Johannes muss sein Leben ganz anders auf die Reihe bekommen als sein Vater. Und das bald.

Wolf Schmid erzählt von der Prekarisierung einer Bevölkerungsschicht, verpackt in eine liebevolle Geschichte, die den Leser hoffnungsfroh zurücklässt. Bravo!

Wolf Schmid, Pedalpilot Doppel-Zwo. Liesmich-Verlag, 2015.

 

Yali Sobol, Die Hände des Pianisten

Rezensentin: Jasmin Beer

Der Beginn einer Militärdiktatur wirft Schatten auf Tel Aviv. Am Beispiel eines jungen Paares entsteht eine Parabel von Machtmissbrauch und Menschlichkeit.

Zum Autor

Mit seiner Band „Monica Sex“ feierte Yali Sobol, geboren 1972 in Haifa als Sohn des Dramatikers Jehoschua Sobol, in Israel und später in New York große Erfolge. Nach einem Soloalbum sowie einer Kolumne in der Wochenzeitung Tel Aviv wandte er sich dann dem Schreiben von Romanen zu. Mit „Die Hände des Pianisten“ erscheint erstmals einer seiner Romane in deutscher Übersetzung.

Leben unter dem ÜOK

Der Krieg in Israel ist vorbei, ein großer Teil von Tel Aviv zerstört. Anstelle der alten Regierung hat das Übergangsoberkommando (ÜOK) unter der Leitung von General Meni Shamai den Notstand ausgerufen. In dieser Zeit der Ungewissheit versuchen die Bewohner Tel Avivs zu ihrem Alltag zurückzukehren. Unter ihnen sind der Pianist Joav Kirsch und seine Frau Chagit, die als Cutterin in einem lokalen Nachrichtensender arbeitet. Vor allem für Joav bedeuten die neuen Gesetze und die verstärkte Kontrolle ein Hindernis in seiner beruflichen wie künstlerischen Entfaltung. Für seine Tournee wird keine Ausreiseerlaubnis erteilt, er wird verhört und die wenigen Auftritte werden kaum bezahlt. Dann trifft er zufällig auf einen reichen Förderer, der ihm sogar anbietet, ihn außer Landes zu schmuggeln – aber ohne seine Frau.

Auch Chagit bekommt die strengen Auflagen des Regimes in ihrer Arbeit zu spüren. Im Nachrichtensender spiegelt sich die immer dichter werdende Atmosphäre von Überwachung und Verrat wider und auch die Beziehung zu Joav beginnt zu bröckeln. Als ein Kollege ihr einen USB-Stick mit brisantem Material anvertraut, kann sie die Konsequenzen ihrer Hilfe noch nicht erahnen.

Eine Frage der Prinzipien

Der Roman liest sich wie ein Prequel einer politischen Dystopie und nimmt sich viel Zeit, um die Figuren und Umstände zu beschreiben. Zu Beginn steht Joavs Kampf um seine Kunst, die durch die Beschränkungen des Militärregimes und später auch den Geschmack seines Mäzens immer stärker beeinflusst wird, bis er sich beinahe in zwei Persönlichkeiten splittet. Gleichzeitig zieht sich Chagit immer mehr in ihre kühle Berechnung zurück, versucht ihren Mann aus allem raus und ihre Prinzipen für sich zu erhalten. Sobol richtet den Blick auch auf die Seite der Machthaber und beschreibt, wie eine kleine Abteilung langsam zu einer straff organisierten Behörde gegen „politische Umtriebe“ ausgebaut wird, Polizisten langsam abstumpfen, korrumpieren.

Mein Fazit

Mit einer klaren Sprache malt Sobol ein dunkles Szenario, wie sich Menschen unter politischen Druck verhalten und verändern. Trotz eines recht ruhigen Einstiegs bleibt das Buch bis zur letzten Seite packend. Ich hoffe darauf, dass auch die anderen Bücher des Autors bald ins Deutsche übersetzt werden.

Yali Sobol, Die Hände des Pianisten. Verlag Antje Kunstmann, 2014.

 

Michael Cunningham, Die Schneekönigin

Rezensentin: Jasmin Beer

Inspiriert durch die Märchen von Hans Christian Andersen, verwebt Cunningham in seinem Roman magische Elemente mit der Lebens- und Gefühlswelt zweier Brüder.

Zum Autor

„The Hours“ wurde für Michael Cunningham, geboren 1952, der Durchbruch. Auf den Pulitzerpreis und PEN/Faulkner Award folgte die umjubelte Verfilmung mit Nicole Kidman in der Hauptrolle. Sein Roman „Fünf Meilen bis Woodstock“ bot ebenfalls Stoff für die Kinoleinwand. Cunningham lebt in New York City und unterrichtet Kreatives Schreiben an der Columbia.

Ein himmlisches Licht scheint auf die Tragik des Alltags

An einem kühlen Novemberabend des Jahres 2004 befindet sich der 38jährige Barrett Meeks auf dem Heimweg durch den Central Park. Seine Gedanken kreisen um seine letzte Beziehung, die vor wenigen Tagen mit einer schlichten SMS beendet wurde. Langsam macht die leidenschaftliche Wut der Verbitterung über sein gescheitertes Liebesleben Platz. Als er in den Himmel blickt, wird dieser plötzlich von einem hellen, fast göttlichen Licht erhellt, das nur er zu sehen scheint. Liegt darin ein Omen für kommende Ereignisse?

Barrett kehrt nach diesem Erlebnis in die abgelebte Wohnung in Bushwick zurück. Mit ihm leben dort sein älterer Bruder Tyler und dessen schwer krebskranke Verlobte Beth. Während Barrett sich nach seinem Studium an einer Eliteuniversität mit einem Job als Verkäufer in der kleinen Szeneboutique begnügt, wo er sich ganz seinen Gedanken zur Welt hingeben kann, müht sich der talentierte, aber gescheiterte Musiker Tyler, den perfekten Song zu schreiben. Als Beth, geschwächt von Krankheit und Medikamenten, schläft, versucht er zwischen Kaffee und den heimlichen Kokaindröhnungen ein Lied aufs Papier zu bringen, um seiner Geliebten ein besonderes Hochzeitsgeschenk zu machen. Einige Monate später scheint Beth beinahe genesen, was Barrett in seinem Glauben an eine höhere Macht bestärkt. Tyler hingegen kämpft nun mit Schuldgefühlen und dem Ehealltag.

Zwischen der Handlung

Der Roman beleuchtet episodenhaft das (Zusammen-)Leben einer kleinen Personengruppe um die Meeks-Brüder und legt den Fokus nicht auf die großen Ereignisse wie die bevorstehende Hochzeit oder die spätere plötzliche Genesung Beths, sondern konzentriert sich auf deren emotionalen Effekt bei den Protagonisten. Die Erzählung beschränkt sich auf das Vorher und Nachher, die wichtigen Informationen zu den einschneidenden Erlebnissen werden dem Leser nur häppchenweise durch die Überlegungen der Figuren zugespielt. Durch den Wechsel der Erzählperspektiven schafft Cunningham genügend Raum, um die Motivation jeder Figur offenzulegen.

Doch dieses Konzept weist in der Ausführung einige Mängel auf, denn die Gedanken der Figuren kreisen meist um die Figur selbst, die eigenen Probleme, das eigene Leid – ohne von der Stelle zu kommen. Ein Bezug zu Andersens Märchen wird nur in kleinen Momenten geschlagen, in denen Cunningham die Geschichte des zersplitterten Zauberspiegels aufgreift; die „echte“ Schneekönigin ist eher Inspiration als Leitmotiv.

Mein Fazit

Die Mischung aus minimaler Handlung und egozentrischen Figuren hat mich nicht überzeugt. Nach einem starken Einstieg flacht das Buch zusehends ab, verliert sich in den Gedankenschaukeleien der Protagonisten, bis der Roman schließlich ohne jegliche Auflösungen endet. Was ist passiert, Mr. Cunningham?

Michael Cunningham, Die Schneekönigin. Luchterhand Literaturverlag, 2015.

Buchrezis 2015

 

Daniel Hoch, Aufschieberitis® – Die Volkskrankheit Nr. 1

Rezensentin: Jasmin Beer

Verschieben Sie unangenehme Aufgaben auch immer wieder? Haben Sie sich trotz Unzufriedenheit in ihrer Komfortzone eingeigelt? Dieses Buch versucht zu helfen… Zum Autor Daniel Hoch hat sich als Unternehmensberater und im Coaching zu Körpersprache, Zeit- und Stressmanagement einen Namen gemacht. Er wird in dieser Funktion regelmäßig von Firmen, Radio- und TV-Sendern zu Rate gezogen. Seit 2009 setzt sich der Leipziger mit der Thematik der Prokrastination und möglichen Lösungswegen auseinander.

Von Motivation und Ausrede

Nach „TUN – Erfolgsrezepte gegen die Epidemie Aufschieberitis“ widmet sich Hoch zum zweiten Mal der Bummelei im Berufs- und Alltagsleben und erklärt den Sachverhalt kurzerhand zur Volkskrankheit. Unterstützung für das Vorwort liefert ihm die Handballspielerin Katja Schülke, die als Leistungssportlerin im Umgang mit Sieg und Niederlage vertraut ist – und vor allem damit, wie man Motivation aufbaut.

Bevor Lösungsstrategien gegen das krankhafte Vertagen wichtiger Aufgaben besprochen werden, beleuchtet Hoch zunächst die Problematik von Gewohnheit und notwendiger Veränderung: Am Anfang steht die Selbsterkenntnis. Denn oftmals ist die Aufschieberitis ein Symptom innerer Unzufriedenheit und kann langfristig schwere Folgen haben – von sinnlosen Überstunden bis hin zu ernsten gesundheitlichen Beschwerden. Hoch regt dazu an, eigene Handlungsmuster zu analysieren. Die Aufschieberitis, so Hoch, würde vor allem durch Erziehung und Peer-Groups geprägt, indem sie die individuelle Moralvorstellung formen, die wiederum vorgefasste Meinungen, die „Glaubenssätze“, bedingen. Gerade diese stünden als Vorurteile der Verwirklichung unserer Ziele im Weg, hinderten uns am Handeln. Um Raum für die notwendige Besserung zu schaffen, empfiehlt der Autor, sich der eigenen Träume und Kapazitäten bewusst zu werden und die eigenen Motive zu hinterfragen. Dann endlich gibt Hoch seine Strategien gegen die „Volkskrankheit Nr. 1“ preis, gibt Tipps für mehr Motivation und weniger Ausreden.

„Ordnung ist das halbe Leben …“

Durch den recht eingängigen Titel und den Teaser hat sich Daniel Hoch ein großes Ziel gesteckt: Das Buch soll sowohl erzählendes Sachbuch, als auch Ratgeber sein. Indem die Sprache aber eher der Niederschrift eines Vortrages gleicht, stürzt dieses Konzept in sich zusammen. Obwohl der Leser selbst direkt angesprochen wird, bleibt die Interaktion an vielen Stellen durch plakative Beispiele, deren fehlende Stringenz und allgemeine Phrasen auf der Strecke. Studien werden zwar angesprochen, aber nicht ausreichend belegt. Der Autor umreißt das Thema auf den wenigen Seiten nur oberflächlich. Der Prokrastination werden aber am Ende solide Lösungsstrategien entgegengesetzt, die sich bereits im Projektmanagement bewährt haben.

Mein Fazit

Mir hat an vielen Punkten eine tiefere Auseinandersetzung bzw. genauere Erklärung gefehlt. (Wo liegt denn nun der Unterschied zwischen „dringend“ und „wichtig“?) Auch wenn das Buch keine Heilung liefert, so stellt es immerhin eine erste Diagnose.

Daniel Hoch, Aufschieberitis® – Die Volkskrankheit Nr. 1. tredition.

 

Kate Bethune, Das kleine Buch vom Heiraten

Rezensentin: Eva Maria Kasimir

Rosaroter Zitatenschatz für nervöse Bräute

Heiraten ist eine Wissenschaft für sich. Das wird jedem klar, der „Das kleine Buch vom Heiraten“ von Kate Bethune in Händen hält. Auf 144 Seiten, liebevoll in rosa Leinen gebunden, versammelt die Engländerin viel Wissenswertes über das Ausrichten der Feierlichkeiten zum Bund fürs Leben. Alphabetisch. Anders ist dem Wirrwarr an Dingen, die gekauft werden wollen, anscheinend nicht beizukommen.

Bethune hat sich viel Arbeit gemacht, indem sie die historischen Zusammenhänge hinter unseren heutigen Sitten und Gebräuchen erforschte und zusammen trug. Nicht viele wissen wohl, dass Brautkleider erst seit dem 19. Jahrhundert traditionell weiß sind. Genauer gesagt, seitdem die englische Königin Victoria 1840 ihren Prinzen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha ehelichte. Sie ist die Trendsetterin, der wir noch heute folgen, wenn Bräute in jungfräulichem Weiß vor den Altar treten.

Kate Bethune bietet einen kurzweiligen Abriss darüber, wie eine Hochzeit nach eigenen Vorstellungen zu gestalten ist. Doch leider auch nicht mehr. Wer Ratschläge oder Anekdoten zum Eheleben erwartet hatte, wird enttäuscht. Und leider vergibt Bethunes Verlag hier eine große Chance. Denn so hübsch das hochwertig verarbeitete Buch auch anzusehen und in die Hand zu nehmen ist, so bietet es doch nur dünnen Inhalt. Selbst auf ihr Kernthema Mode – Bethune ist Modekuratorin – geht die Autorin zu wenig ein. Zwar bespricht sie die einzelnen Kleidungsstücke, doch worauf man bei der Auswahl achten muss, das kommt zu kurz. Und so bleibt das Buch selbst für Heiratswillige nur ein Lektüre-Anfang.

Auch wenn es tiefer in die Kulturhistorie eintaucht als Zeitschriften zum Thema, so bleibt es doch an der Oberfläche, wenn es um das Ausrichten einer Hochzeit geht. Es eignet sich trotzdem. Als Geschenk für Frischverlobte zum Beispiel. Oder als augenzwinkernder Denkanstoß für Langverlobte. Für alle gibt Kate Bethune wenigstens einen essentiellen Ratschlag, entnommen aus dem so betitelten kleinen Buch der Ehesünden von 1913: „So viele Frauen verwenden ihre ganze künstlerische Energie aufs Heiraten, was alles in allem eine relativ unkomplizierte Angelegenheit ist. Verheiratet zu bleiben, ist das wahre Kunststück…“.

Kate Bethune, Das kleine Buch vom Heiraten. Eden Books, 2015.

 

André Herzberg, Alle Nähe fern

Rezensentin: Carina Tietz

André Herzberg (Jahrgang 1955) ist Musiker, Sänger, Schauspieler, Moderator und Autor. Er stammt aus einer „streng kommunistischen“ (Vita) jüdischen Familie. 2000 erschien sein erster Erzählband "Geschichten aus dem Bett". 2004 wurde sein autobiografischer Roman "Mosaik" veröffentlicht.

Startschwierigkeiten

Das Buch ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Die ersten Seiten lassen noch keine wirkliche Lesefreude aufkommen. Ich kämpfe damit, dass das Buch im Präsens geschrieben ist. Es fällt mir dadurch deutlich schwerer, mich in die Vergangenheit zu versetzen. Allerdings bekommt das Buch dadurch auch eine gewisse Schnelligkeit. Dazu tragen auch die kurzen und knappen Kapitel bei, die von einer ungeheuerlichen Intensität sind. André Herzberg baut mit nur wenigen, aber intensiven Worten eine Dramatik auf, die mich dann doch fesselt.

Blankes Entsetzen

„Man wird ihnen sagen, sie sollten duschen. Nachher wird man verwerten, was von toten Körpern nützlich ist. Haare, Goldzähne, eben alles was noch zu gebrauchen ist.“ Mir laufen eiskalte Schauer über den Rücken, als André Herzberg trocken, unterkühlt und doch so erschreckend real die Konzentrationslager beschreibt. Jeder Satz klingt, als spräche man nicht über Menschen, sondern über unbrauchbare Dinge, die man einfach entsorgt. An dieser Stelle fesselt mich das Buch, es nimmt mich geradezu ein. Ich muss an das Konzentrationslager von Dachau denken, dass ich vor einigen Jahren besucht habe.

Im Eiltempo durch das Jahrhundert

André Herzberg führt seine Leser mit einer deutsch-jüdischen Familiengeschichte temporeich durch mehr als ein Jahrhundert deutscher Geschichte – drei Generationen, zwei Weltkriege, zwei Diktaturen. Der Bogen wird gespannt von den Schiffen der Cunard Reederei auf ihrem Weg nach New York, etwa um 1910 bis 1912, bis zum Fall der Mauer. Wie schwergewichtig die Ereignisse auch sein mögen, André Herzberg erzählt sie unterkühlt, fast schon nebenbei, als sei er nur ein neutraler Beobachter.

Dabei haben die Geschehnisse während der NS-Zeit wesentlich stärker auf mich gewirkt als die neuere deutsche Geschichte. Die Erzählkunst von André Herzberg kann darauf verzichten, Jahreszahlen oder Daten aufzulisten. Mit nur wenigen Andeutungen weiß der Leser, welche politischen Ereignisse bevorstehen und an welchen Orten er sich befindet. Ich habe beim Lesen von meinen vielen Reisen profitiert. Ich kenne Israel, Kapstadt und das jüdische Viertel von New York. So bekam der Text für mich noch einen besonderen Reiz.

Mein Fazit

Ein temporeiches Buch, das nach den ersten Kapiteln an Fahrt aufnimmt. Ich empfehle es weiter. Einziges Manko: Ich hätte mir etwas mehr „Auseinandersetzung“ zwischen Juden und Deutschen gewünscht. Manche Ereignisse werden zu schnell erzählt und enden zu abrupt.

André Herzberg, Alle Nähe fern. Ullstein Hardcover, 2015.

 

Susan Jane Gilman, Die Königin der Orchard Street

Rezensentin: Jasmin Beer

Zur Autorin

Nach ihrem Abschluss im kreativen Schreiben an der University of Michigan schrieb Susan Jane Gilman unter anderem für die Los Angeles Times und veröffentlichte drei unterhaltsame Sachbücher. Nun hat sie sich an ihren Debütroman gewagt, in dem geschickt die unschuldige Welt der Eiscreme mit der Realität des amerikanischen Traums verwoben wird. Heute lebt Gilman in ihrer Heimatstadt New York und in Genf.

Die Tragik der Eiscreme

Lilian Dunkle, hochbetagte und gefallene Eiscreme-Königin Amerikas, blickt kurz vor einer wichtigen Gerichtsverhandlung auf die letzten 70 Jahre ihres Lebens zurück: Als ihre Familie 1913 aus Russland in die USA emigrierte, trug sie noch den Namen Malka. Doch das Leben in den ärmlichen Verhältnissen im Lower East End an der Orchard Street wirft bald Schatten auf ihren Traum von Amerika: Ihr Vater verschwindet, nach einem schweren Unfall, der das kleine Mädchen für immer an Krücken bannt, wird sie auch von ihrer Mutter und ihren Schwestern im Stich gelassen.

An diesem Tiefpunkt nimmt sich der Eisverkäufer Dinello ihres Schicksals an und führt sie langsam in die Welt der Eiscremeherstellung ein. Mit Erfindungsgeist, List und einer großen Portion Überlebenswillen baut sich Lilian in den nächsten Jahren ein eigenes Imperium aus Bananensplit und Schlagsahne auf. Doch die Welt hinter der kühlen Süßigkeit ist alles andere als unschuldig. Rücksichtslos geht sie gegen ihre Konkurrenten vor, spinnt Intrigen, um ihre Macht erhalten zu können und schreckt dabei auch nicht vor den Mitgliedern ihrer Ziehfamilie zurück. Auf den rasanten Aufstieg folgt der langsame Niedergang ihres Reiches.

Gilmans geniale Antiheldin Gilman erschafft mit der Protagonistin eine Antiheldin par excellence: Sie ist keine perfekte Schönheit mit Sinn für Nächstenliebe und Kinderglück, sondern eine vom Leben hart gezeichnete Zynikerin. Die Begeisterung des Lesers mäandert stetig zwischen höchster Sympathie und Schauder, bleibt aber letztlich doch immer Begeisterung. Gekrönt wird das Konstrukt durch die ganz eigene Sprache der Ich-Erzählerin, die mit jiddischen und italienischen Begriffen gespickt kein Blatt vor den Mund nimmt.

Tragik und Komik gehen in diesem Roman Hand in Hand, ob Lilian nun unfreiwillig das Softeis erfindet oder mit Clown Sparkels vor einer landesweiten Sendung noch schnell einen kräftigen Schluck nimmt. Ihre Schwächen und Abgründe verleihen der Protagonistin eine besondere Menschlichkeit, neben der die anderen Akteure zum Teil etwas blass erscheinen. Dies wird allerdings durch die unaufdringliche Verknüpfung mit der jüngeren amerikanischen Geschichte wettgemacht.

S. J. Gilman verbindet eine starke Handlung mit einem ausgezeichnet recherchierten Hintergrund. Wer hätte gedacht, dass die Prohibition die Einrichtung von Eisdielen angekurbelt hat oder man in den Fünfzigern Speiseeis für Polio verantwortlich machte?

Mein Fazit

Eine wilde Reise durch die Welt der Eiscreme im 20. Jahrhundert und ein gelungenes Debut! Eine authentische Atmosphäre à la Frank McCourt verschmilzt mit einer erfrischenden Neuinterpretation des Motivs „Vom Tellerwäscher zum Millionär“, gewürzt mit einem Hauch Gatsby. Dabei wird nicht auf Pathos, sondern umso mehr auf die taffe Hauptfigur gesetzt.

Susan Jane Gilman, Die Königin der Orchard Street. Insel Verlag, 2015.

Buchrezis 2015

 

Carlos Maria Dominguez, Das Papierhaus

Rezensentin: Cornelia Lotter, https://www.autorin-cornelia-lotter.de

 

Der Autor wurde 1955 in Buenos Aires geboren und gilt als einer der schillerndsten Autoren Lateinamerikas. Dominguez lebt in Montevideo, wo er als Journalist, Kritiker und Schriftsteller arbeitet.

Inhalt

Beim Überqueren einer Straße ist die junge Literaturdozentin Bluma Lennon in einen Gedichtband von Emily Dickinson vertieft. Sie wird von einem Auto erfasst und ist sofort tot. Ein junger Kollege, der Ich-Erzähler der Geschichte, mit dem die Tote eine kurze Liaison hatte, erhält ein zementverschmiertes Buch, das eigentlich an Bluma adressiert war. Es ist „Schattenlinie “ von Joseph Conrad. Der Ich-Erzähler, ebenso ein bibliophiler Sammler wie andere Personen in der Geschichte, versucht nun, dem Geheimnis dieses Buches auf den Grund zu gehen.

Sprache und Stil

Wie man bei einer Erzählung dieses Themas erwartet, beherrscht der Autor eine artifizielle, mit Anspielungen und Zitaten durchsetzte Sprache. Teilweise hat die Erwähnung der verschiedenen Dichter und deren Werken etwas von Namedropping. Hieraus wird wohl nur der fachspezifisch studierte und in der Literatur aller Länder beheimatete Leser einen Lustgewinn ziehen.

Mein Eindruck

Es war teilweise lehrreich und stellenweise auch amüsant, vom unterschiedlichen Umgang der Buchliebhaber-Typen mit Büchern zu lesen. So lässt der Autor zum Beispiel Brauer, die Hauptfigur der Erzählung, als Begründung für seine Angewohnheit, Notizen im Buch anzubringen, sagen: „Ich vögele mit jedem Buch, keine Markierung bedeutet für mich kein Orgasmus“ (S. 41). An anderer Stelle macht Dominguez klar, wozu Bücher für ihn dienen: „Denn Papier war und blieb… ein organischer Abfall, der am Ende mit einem leisen, vernichtenden Krachen wie die Kiefern an der Straße vom Schlund des großen Meeres verschluckt wurde.“

Fazit

Ein Buch, bei dessen Lektüre sich mir der Verdacht aufdrängte, dass es in erster Linie dazu dienen soll, dem Leser die Gelehrtheit des Autors vor Augen zu führen. Denn außer der – zugegeben originellen – Tatsache, dass ein verrückt gewordener Büchernarr ein Haus statt aus Ziegeln aus Büchern bauen lässt und einiger Anekdoten über den verheerenden Einfluss von Büchern vermochte mir die Erzählung keinen Zugewinn zu verschaffen. Das Büchlein liest sich schnell und flüssig, doch am Ende bleibt eine unterschwellige Unzufriedenheit. Deshalb von mir nur eine bedingte Leseempfehlung. Die gilt insbesondere für Menschen, die sich sehr gut mit der Weltliteratur auskennen.

Carlos Maria Dominguez, Das Papierhaus. Insel Verlag, 2014.

 

Andreas Hock, Bin ich denn der Einzigste hier wo Deutsch kann?

Rezensent: Harry Pfliegl

Ist es eine kurze Geschichte der deutschen Sprache? Ist es eine Abhandlung, warum die Sprache im Wandel ist oder zwangsläufig sein muss, um den Anschluss an die Moderne nicht zu verlieren? Oder ist es eine Generalabrechnung mit dem Deutschunterricht, der Schülern mit Tonnen von Arbeitsblättern die Lust und Leidenschaft für ihre Muttersprache nimmt, bevor sie diese überhaupt entwickeln können? Bei „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann“ handelt es sich wohl um eine Art Experiment, eine gelungene Mischung aus allem.

Der Autor erteilt allen Kulturpessimisten, die den Niedergang der Sprache und den damit einher gehenden Untergang des Abendlandes vermutlich schon seit den Zeiten der Weimarer Klassik beklagen, eine klare Absage. Er schildert in 40 anschaulichen Kapiteln die Entwicklung der Sprache von der fruchtbringenden Gesellschaft bis in die jüngste Vergangenheit. Dabei konzentriert er sich im Wesentlichen auf zwei Aspekte, nämlich die Versuche, die deutsche Sprache in ein Regelwerk zu bringen und die Einflüsse aus anderen Sprachen. Handelte es sich dabei bis ins ausgehende 19. Jahrhundert hinein um das Französische, beeinflussten im 20. Jahrhundert Englisch, in späteren Jahrzehnten auch Russisch und Türkisch die deutsche Sprache.

Dem Leser wird schnell klar: Der gelernte Journalist, Autor und Ghostwriter Andreas Hock beschäftigt sich tiefgreifend mit Sprache und schöpft aus fundiertem Hintergrundwissen. Selbiges präsentiert er in einem locker-flockigen, mit einem humoristischen Unterton versehenen Plauderton, gespickt mit bitterbösen Pointen. Dabei braucht der einstige Parteisprecher und Chefredakteur in seinen besten Passagen den Vergleich mit den Größen des bitterbösen Humors gewiss nicht zu scheuen. Nicht umsonst steuerte der Literaturpapst Hellmuth Karasek ein begeistertes Vorwort bei. Abgerundet wird „Bin ich denn der Einzigste hier, der wo Deutsch kann“ von einer Liste an nicht mehr verwendeten Worten und schlägt vor, wie sie sich in die aktuelle Jugendsprache einfügen ließen.

Was schade ist

Andreas Hock gelingt es, eine kurze und knackige Geschichte der deutschen Sprache witzig zu erzählen. Er streut reichlich Kritik an linguistischen Lachnummern wie dem Bahn-Sprech, dem Kevinismus, dem Abkürzungswahnsinn oder der Rechtschreibreform, die nach seiner Meinung eher für eine babylonische Verwirrung als für mehr Klarheit gesorgt hat. Auch der herkömmliche Deutschunterricht, der für viele Schüler mit zu den langweiligsten Fächern überhaupt gehört, kommt nicht ungeschoren davon. Was mir fehlt: Ein ausführliches Gedankenspiel des Autors, wie er denn den Unterricht aufbauen würde, um die Schüler mit seiner offensichtlichen Leidenschaft für die Sprache anzustecken, würde das Buch gelungen abrunden. Zumindest lässt Hock entsprechende Ideen ansatzweise durchblicken. Statt Klassikern wie „Iphigenie auf Tauris“ würde er beispielsweise lieber Karl May oder Disney-Comics in den Übersetzungen von Erika Fuchs in den Lehrplan integrieren. Gute Idee!

Mein Fazit

„Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann“ ist ein rundum gelungener Streifzug durch die deutsche Sprache und regt zum Nachdenken über den eigenen – oft allzu flapsigen – Umgang mit Sprache an. Wer bissigen Humor mit Niveau mag, wird an dem Buch seinen Spaß haben.

Andreas Hock, Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?. Riva Verlag, 2014.

 

Simone Lappert, Wurfschatten

Rezensent: Harry Pfliegl

„Wurfschatten“ ist der Erstlingsroman der Schweizerin Simone Lappert, in dem die Heldin Adamine, die verständlicherweise lieber Ada genannt werden will, mit ihren Ängsten kämpft. Dabei beobachtet sie die Wurfschatten der Passanten, die unter dem Fenster ihrer Wohnung vorbei ziehen.

Die Angst vor der Angst

Wovor die 25-jährige Ada wirklich Angst hat, findet der Leser nicht heraus. Zwar gibt es in ihrer Wohnung eine Angst-Tapete im von ihr so genannten Therapiezimmer, auf der alle Dinge von A wie Attentat bis Z wie Zyste abgebildet sind, und doch, die eigentlichen Angstauslöser sind nicht dabei. Vielmehr bekommt man als Leser den Eindruck, es ist Adas Angst vor der Angst, die sie lähmt. Vielleicht ist es aber auch nur eine bequeme Ausrede, die Ada benutzt, um von ihren eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Ada hat sich dafür nur leider die falsche Generalentschuldigung ausgesucht, in die sie sich hineinsteigert – diese macht sich nämlich selbstständig, und überfällt Ada immer dann, wenn sie es am wenigsten gebrauchen kann. Mit feiner Sprache zeichnet Simone Lappert Adas Angstanfälle, die selten echte Panikattacken sind, und sie doch am Leben hindern. Dabei gibt die Autorin den Situationen meist noch einen komischen Anstrich, der verhindert, dass ihre Hauptfigur mitleidheischend und überdreht wirkt.

Meistens kommt es anders

Frischer Wind kommt in Adas Leben, als ihr Vermieter, dem sie mehrere Monatsmieten schuldet, sie aus Mitgefühl nicht auf die Straße setzt, sondern stattdessen seinen Enkel Juri bei ihr einquartiert. Obwohl Ada dies nie zugeben würde, tut ihr der andere Mensch in der Wohnung gut. Sie stellt ihre Ängste zurück und konzentriert sich nun darauf, den Mitbewohner hinauszuekeln. Daraus entwickelt sich eine Freundschaft, und es droht sich sogar eine zaghafte Liebesgeschichte anzubahnen. Droht, weil Ada das um jeden Preis verhindern will, denn sie findet, Liebe ist nur dazu da, um in Schmerz zu enden und damit ein Grund, Angst zu haben. Dennoch, durch Juri kommt Ada zu einer veränderten Sicht der Welt, die Ängste werden immer häufiger zurückgedrängt und es zeigt sich ein Ausweg aus ihrer lähmenden Situation.

Mein Fazit

Ein bisschen Ada steckt irgendwo in jedem von uns. Jeder steckt einmal in einer vermeintlichen Sackgasse. Die Beschreibung der Angstanfälle lässt Spielraum für Phantasie und wirkt bisweilen komisch, ist allerdings nicht so gestaltet, dass sich Menschen mit Panikattacken ins Lächerliche gezogen fühlen. Beim Lesen fällt Mitgefühl mit Ada leicht und gleichzeitig möchte ich ihr gerne einen Schubs geben: Na los, Mädchen, ändere doch endlich etwas! Teilweise beschleicht mich der Eindruck, dass sich Ada sogar gefällt in ihrem Leben, dass sie gar nichts ändern will, und dass sie nur der Druck von außen dazu zwingt – noch etwas, das sie mit fast allen Menschen gemein hat. Mit „Wurfschatten“ ist es Simone Lappert gelungen, ein tragikomisches Bild zu zeichnen, dessen Lektüre für all jene zu empfehlen ist, die sich selbst nicht immer ganz ernst nehmen und mit Humor auf jene Schwellen im Leben zurückblicken, an denen sie nicht mehr Kind, aber auch noch nicht erwachsen waren.

Simone Lappert, Wurfschatten. Metrolit Verlag, 2014.

 

Meir Shalev, Zwei Bärinnen

Rezensent: Harry Pfleigl

Eigentlich möchte die Historikerin Warda nur ein Buch über die erste jüdische Besiedlungswelle vor der Gründung des Staates Israel schreiben. Dafür interviewt sie Menschen wie die Lehrerin Ruth, welche diese Zeit zumindest noch vom Hörensagen her kennen. Ruth Familie lebt seit drei Generationen in einem Dorf im Norden Israels. Ihre Geschichte ist aber komplett anders, als es die Historikerin erwartet hatte. Die Familiengeschichte mutet eher als eine parabelhafte Tragödie biblischen Ausmaßes an, geprägt von Leidenschaft, Untreue, Verlust, animalischer Rache und Sühne.

Alles, was ein Mann braucht

Als Ruths Großvater Seev Ende der 1920er aus Galiläa aufbricht, um in Palästina sein Glück zu finden, geben ihm die Eltern alles mit, was ein Mann zur Ansiedlung braucht: ein Gewehr, eine Kuh, einen Baum und eine Frau. Gemeinsam mit seinem Freund Nachum gründet er einen Moschaw, einen genossenschaftlich geführten Hof. Obwohl sich Seev redlich müht, bleibt er zunächst als Gärtner erfolglos. Um das Unglück perfekt zu machen, ist er in den ersten Jahren seiner Ehe auch noch impotent. Seevs Frau betrügt ihn mit Nachum und wird schwanger. Daraufhin bringt Seev Nachum um, lässt die Tat jedoch als Selbstmord erscheinen, weil sich im Dorf zuvor schon zwei Bauern umgebracht hatten. Das Neugeborene lässt er in der Wildnis verhungern. Nun beginnt eine Spirale der Gewalt, die wie ein Fluch über Ruths Familie zu liegen scheint. Der Fluch ist erst gebannt, als Seev selbst durch die Hand von Banditen in der Wüste stirbt.

Meisterhaft erzählt

Meir Shalev beweist mit „Zwei Bärinnen“, dass er zu Recht als einer der großen Erzähler Israels gilt. Er erzählt nicht chronologisch, sondern der Leser muss den Handlungsfaden selbst aus verschiedenen Facetten zusammensetzen. Shalev bedient sich hierfür der Erzählweise älterer Menschen, die ihren Enkeln das Vermächtnis ihres Lebens mitgeben. Die leichte, phasenweise amüsante Entwicklung der Geschichte ließ mich oft schmunzeln.

Mein Fazit

Zwei Bärinnen ist eine rundum gelungene Familiensaga, in der zwischenmenschliche Tragödien statt politischer Ereignisse im Vordergrund stehen. Zum besseren Verständnis sollte sich der Leser zumindest für die jüngere Geschichte des Nahen Ostens interessieren. Auch der Stil, wie Meir Shalev seine Geschichte entwickelt, ist auf den ersten Seiten gewöhnungsbedürftig, hebt sich aber wohltuend vom Mainstream ab. Lesen!

Meir Shalev, Zwei Bärinnen. Diogenes, 2014.

Buchrezis 2015

 

Boris Pofalla, Low

Rezensent: Harry Pfliegl

Meine Buchhändlerin beklagt, dass mindestens die Hälfte der Käufer nach „Loof“ fragt. Richtig ist die englische Aussprache; low wie niedrig, unterer Level. Boris Pofalla wählt drei Buchstaben für das Lebensgefühl und die Ausstrahlung einer ganzen Generation. Leider strahlt diese Einschätzung auch auf den Stil des Buches aus.

Vordergründig beschreibt der Autor die Suche seines Protagonisten nach seinem spurlos verschwundenen Freund und Mitbewohner Moritz, auf einer eher unterschwelligen Erzählebene die eigene Suche nach dem Sinn seines Lebens. Diese Geschichte erzählt Pofalla lakonisch unaufgeregt, sodass sie auf manchen Leser langweilig wirken mag, zumal er seine Charaktere ohne besonderen Tiefgang zeichnet. Dass die Story eher vor sich hin plätschert als dass sie gezielt vorangetrieben wird, dürfte der Kunstkritiker und journalistische Autor aber durchaus bewusst als Stilelement eingesetzt haben.

Auf der Suche

Der Ich-Erzähler, dessen Namen der Leser nicht erfährt, verspürt ein Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit, als sein bester – und in Berlin wohl einziger – Freund Moritz plötzlich spurlos verschwunden ist. Er macht sich an den bekannten Plätzen und auf Partys auf die Suche. Dort trifft der Erzähler zahlreiche gemeinsame Bekannte, die zwar Mutmaßungen über Moritz' Verbleib anstellen, aber nichts konkretes wissen.

Eines Tages entdeckt sieht der Suchende plötzlich einen alten BMW am Straßenrand. Es ist das Auto von Moritz, für das er einen Zweitschlüssel besitzt. Er fährt ziellos durch die Stadt und erinnert sich dabei an einen gemeinsamen Ausflug an die Ostsee. Schließlich hält der Erzähler irgendwo im brandenburgischen Niemandsland, zündet das Auto an und trampt in die Stadt. Anschließend beginnt er damit, sein Leben zu ändern, schickt seine Exmatrikulation ab und schließt sich dem Freundeskreis eines aufstrebenden Künstlers an.

Die Leere der Stadt

Boris Pofalla beschreibt in Low das Gefühl, das vielen jungen Neu-Berlinern nicht unbekannt ist: Das vielfältige Angebot der Metropole macht es für sie unmöglich, mehr als nur flüchtige Bekanntschaften zu schließen, die sich genauso schnell wieder aus dem Leben verabschieden, wie sie gekommen sind. Die Akteure wollen sich den Normen des Alltags entziehen, feiern Partys und konsumieren Drogen. Das Marihuana der Eltern und Großeltern wird ersetzt durch Koks, Speed und andere unbekannte Substanzen. Die Partypeople sind nicht auf der Suche nach Frieden, Erlösung oder Erleuchtung, sondern nur nach der besten Location für das nächste Abfeiern. Ein höheres Ziel, sei es die Vision für eine bessere Welt oder ein persönlicher Zukunftstraum, fehlt den Akteuren jedoch komplett. Der Titel Low kann also als Anspielung auf die niedrige Erwartungshaltung der jungen Generation verstanden werden.

Mein Fazit

Boris Pofalla beobachtet und schildert präzise und kaschiert damit, dass in Low nicht wirklich etwas passiert. Handwerklich zählt Boris Pofalla zu den besseren jungen Autoren. Auch wenn Low kein herausragendes Werk ist, so hat Boris Pofalla doch eine gelungene Milieustudie einer Lost Generation im Großstadtdschungel vorgelegt; einer Generation, die nichts zu sagen hat.

Boris Pofalla, Low. Metrolit Verlag, 2015.

 

Jens Steiner, Carambole – ein Roman in zwölf Runden

Rezensentin: Cornelia Lotter, https://www.autorin-cornelia-lotter.de

Der Autor wurde 1975 in Zürich geboren und studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft. Der vorliegende Roman stand 2013 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und erhielt ebenfalls 2013 den Schweizer Buchpreis.

Langeweile und Resignation

Jens Steiner schildert in Momentaufnahmen das Geschehen weniger Tage aus der Sicht mehrerer Personen einer Dorfgemeinschaft. Das erste Drittel des Buches atmet diese Ereignislosigkeit, die sich auch beim Lesen als Anflug von Langeweile bemerkbar macht, am deutlichsten. Minutiöse Schilderungen von ereignislosen Tagesabläufen, jeder beobachtet jeden, niemand findet einen Ausweg aus der Lethargie und seinem selbstverschuldeten Gefängnis – diese Monotonie überträgt sich auf den Leser, findet den Weg von den Buchseiten in das Hirn des Rezipienten und wird zu lähmender Langeweile. Die Unfähigkeit der Figuren, miteinander zu kommunizieren, könnte als ein durchgehender Topos bezeichnet werden. Manche Dialoge sind aberwitzig und völlig sinnfrei.

Die Figuren

Da sind drei pubertierende Jungen, die apathisch der bevorstehenden Sommerferien harren. In denen wieder nichts geschehen wird. Igor, der sich um seine, durch einen Schlaganfall der Sprache beraubten Mutter kümmern muss, Manu, der die Leidenschaft seiner Mutter für die Züchtung von Orchideenmantiden, einer Heuschreckenart, teilt und Fred, der für die unerreichbare Renate schwärmt.

Da sind Ehepaare, die einander nichts mehr zu sagen haben. Männer, die sich einmal wöchentlich zum Heulen in ihren Schuppen zurückziehen oder Gruben im Garten ausheben, deren Sinn sich weder ihnen selbst noch dem Leser erschließt. Ein Vater, der nicht verhindern kann, dass seine Frau mit dem siebenjährigen Sohn einfach wegzieht.

Da ist eine Mutter, die nicht mehr an ihre pubertierende Tochter herankommt. Die wiederum spukt in den heimlichen Träume von drei Schulbuben. Einer von ihnen wird bei einer Flucht Ohrenzeuge der Vergewaltigung der Angebeteten, kann das Geschehen aber nicht einordnen, weil er schlicht unerfahren ist.

Da sind zwei Brüder, die nicht mehr miteinander reden, die ihre Eltern durch einen Verkehrsunfall verloren haben und deren Onkel mit ihrer Schwester und dem Erbe auf und davon ist.

Und da ist der Geschichtenerzähler Schorsch, von dem niemand so recht weiß, woher er gekommen ist und den niemand aus dem Dorf ernst nimmt. Schorsch, der von sich selbst sagt: „Ich war schon damals längst der Normalität abhandengekommen.“ Über das Dorf sagt Schorsch, und das klingt wie eine Zusammenfassung der erzählten Geschichten: „Dies ist kein Dorf. Sondern eine Prärie….Wir sind alle längst schon weg. Uns gibt es gar nicht mehr.“

Eigentlich alles ganz besondere und tragische Schicksale, die Jens Steiner jedoch quasi nebenbei erwähnt und denen er mit seiner Art, sie zu behandeln, nicht gestattet, Spannung aufkommen zu lassen. Auch das ist eine Kunst. Eine, die ich nicht mag.

Am besten gelungen waren für mich die Szenen, die aus der Sicht einer der drei Jungen erzählt wurden. Da hat der Autor mit viel Einfühlungsvermögen und poetischer Sprache die Unsicherheit und Zerrissenheit in der Pubertät wunderbar nahebringen können. Aus dieser Perspektive hätte ich gern einen ganzen Roman gelesen.

Form und Sprache

Manche Kapitel erinnern eher an Miniaturen als an Teile eines Romans. Einige Geschichten sind dabei durch die handelnden Personen untereinander verbunden. Die Perspektive der zwölf „Runden“ wechselt zwischen dem Ich-Erzähler und der dritten Person. Die einzelnen Abschnitte fügen sich für mich nicht zu einem Ganzen zusammen. Es sind lediglich Augenblicksbeschreibungen erstarrter oder gescheiterter Lebensentwürfe ohne Ausweg, ohne Rettung. Als ich bereit war, einer der Figuren zu folgen, stand dort bereits die nächste Schachfigur. So bleibt durch den abrupten Wechsel nur kühle Distanz.

Die Sprache von Jens Steiner ist bildhaft, poetisch und direkt. Manchmal schießt er mit seinen Bildern übers Ziel hinaus und wird unfreiwillig komisch. „Wütend warf die Sonne ihr Licht von sich, und das Dorf ließ einzelne Geräusche hören, spitz wie ein Fingerknacken…“ (S. 78)

Mein Fazit

So war für mich das Leseerlebnis ambivalent. Teilweise langatmige detailreiche Zustandsbeschreibungen behinderten oft die Lust am Weiterlesen. Den großen Bogen, in dem alle Personen zu einem Ganzen zusammengefügt werden, konnte ich nicht erkennen. Zu einer eindeutigen Empfehlung des Buches von Jens Steiner kann ich mich deshalb nicht durchringen. Wer gern literarische Experimente begleitet, dem wird dieser Roman sicher gefallen.

Jens Steiner, Carambole. Dörlemann Verlag AG Zürich, 2013.

 

Lutz Schebesta, Pappnase

Rezensentin: Yvonne Giebels

Für mich als jecke Rheinländerin gibt es nichts Schöneres als die „fünfte Jahreszeit“, den Karneval am Rhein. Max, der Protagonist des Buches „Pappnase“ von Lutz Schebesta, sieht das leider ganz anders. Max hasst Karneval. Verkleiden findet er ja noch okay, aber ansonsten fallen ihm zu den jecken Tagen nur Begriffe ein wie „saufen, kotzen, anbaggern, schlechte Luft, schlechte Witze und schlechte Musik“. Seine Kölner Freunde können das allerdings, genau wie ich, so gar nicht verstehen und versuchen, Max mit allen Mitteln vom Karneval zu überzeugen. Das finde ich als Leserin ganz lustig, denn solche Diskussionen habe ich auch schon oft mit „Nicht-Jecken“ geführt – wortwörtlich.

Einmal Prinz zu sein…

Dieser Traum steht also definitiv nicht ganz oben auf der Wunschliste von Max. Und doch muss er sich auf einmal ganz schnell damit befassen. Der Grund: Sein Onkel ist gestorben und hat ihm eine Millionen Euro hinterlassen – allerdings nur, wenn Max es schafft, Karnevalsprinz in Köln zu werden. Wer weiß, dass die Kölner ihren Karneval und damit auch ihren Prinzen sehr ernst nehmen, der weiß auch, dass dies geradezu ein hoffnungsloses Unterfangen ist – eigentlich. Max hat allerdings nicht mit seinen Freunden gerechnet, die, nicht ganz uneigennützig, alles daran setzen, dass Max die Million bekommt. Als Max auf einer Karnevalsveranstaltung das Funkenmariechen Anne kennenlernt, findet er die Vorstellung auf einmal auch gar nicht mehr so schrecklich. Schließlich gibt sich Anne nur jemandem hin, der dem Karneval ebenfalls verfallen ist.

Zu sehr konstruiert

Es könnte also eine ganz witzige Geschichte sein, genau passend als Lektüre auf dem Weg zur nächsten Karnevalsparty – wenn, ja wenn Lutz Schebesta am Schluss nicht allzu sehr in die Trickkiste griffe, um die Geschichte zum Ende zu bringen. Schließlich soll es ja eine happy ending story sein. Gut, dagegen habe ich grundsätzlich nichts. Dass sich der Vater des Funkenmariechens Anne dann als Vorsitzender des Karnevalsvereins entpuppt und im Vorstand den Weg frei macht für einen „Prinz Max“, das ist mir doch ein bisschen zu dick aufgetragen. So wirkt der Schluss des Buches sehr konstruiert und der Text endet mit einer leisen Enttäuschung bei mir als Leserin. Ich hatte mir mehr von diesem Thema versprochen.

Eingeschränkt empfehlenswert

Für Karnevalsjecken ist das Buch, trotz seines kostruierten Schlusses, eine gute Lektüre zur Einstimmung auf die kommende Session. Mit rund 200 Seiten ist es zudem nicht zu dick und lässt sich leicht lesen. So manche Situation im Buch hat mich zum Schmunzeln und zu heftigem Kopfnicken gereizt. Für Karnevalsignoranten ist das Buch nicht zu empfehlen. Die sollten – gerade in den tollen Tagen – zu einer anderen Lektüre greifen.

Lutz Schebesta, Pappnase. CreateSpace Independent Publishing Platform, 2015.

Buchrezis 2015

 

Crippa/Onnis, Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz

Rezensent: Dr. Thomas Feist

Die Ausleuchtung des Ateliers ist von besonderer Bedeutung, der Blick durchs Objektiv von Kennerschaft geprägt. Er ist ein Meister im Retuschieren, ein Fotograf mit Leib und Seele. Er ist der Fotograf von Auschwitz.

Wilhelm Brasse, der Häftling mit der Nummer 3444, der die auf Zelluloid gebannte Erinnerung an die Opfer und Peiniger, den demoralisierenden Lageralltag und die grauenvollen Experimente der Lagerärzte vor der Vernichtung bewahrte und somit ihr Vermächtnis bewahrte. Das vorliegende Buch aus der Feder der italienischen Journalisten und Historiker Luca Crippa und Maurizio Onnis erzählt seine Geschichte.

Und nicht nur dies. Über die biographische Dokumentation des Lebens von Wilhelm Brasse, der als deutsch-polnischer politischer Gefangener den Beginn und das Ende des Vernichtungslagers Auschwitz miterlebte, werden die Geschichten der über 50 000 von ihm porträtierten Mitgefangenen sichtbar. Teils hochemotional verdichtet in bedrückenden Einzelschicksalen, teils in der funktional-nüchternen Beschreibung des Funktionierens der Todesmaschine.

Nein, kalt lässt den Leser keine Seite dieses Buches. Und dies, obwohl die Verfasser die Hauptperson Wilhelm Brasse und die um ihn herum platzierten Akteure aus der Distanz der dritten Person zu Wort kommen lassen, mithin einen durch die Beobachtung des Geschehens und der Personen inszenierten Abstand wahren, der das Lesen erträglich macht. Dennoch – und dies ist das Verdienst der beiden Autoren – bleibt dieses Buch nicht unpersönlich. Im Gegenteil: Hier entwickelt die Erzählebene durch das Einbeziehen des lesenden Beobachters die notwendige persönliche Hinwendung zum Geschehen, ohne mit diesem zu überfordern. Das Verstehen des Unverständlichen stellt sich so nicht ein – wohl aber die wahrhaftige Anteilnahme an den vielen Genannten und Ungenannten und ihren Schicksalen.

Die Geschichte des Lagerfotografen Wilhelm Brasse ist ein in höchstem Maße angemessener Blickwinkel, um von Auschwitz zu erzählen. Ein Buch, das selbst im allzu Hoffnungslosen immer wieder Hoffnung aufscheinen lässt. Ein großartiges Werk von der Würde des Menschen inmitten der von ihm errichteten Hölle auf Erden. Verstörend und erhellend zugleich.

Crippa/Onnis, Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz. Karl Blessing Verlag, 2014.

 

Liad Shoham, Stadt der Verlorenen

Rezensentin: Jasmin Beer

Flüchtlinge, korrupte Politiker, eine junge Kommissarin auf der Suche nach der Wahrheit: Der israelische Bestsellerautor Liad Shoham macht aus dieser beinahe ausgebrannten Konstellation einen packenden Thriller, der im Unterschied zu seinen skandinavischen Gattungsgenossen auch ohne Actionszenen und detailreiche Schilderungen von Grausamkeiten auskommt.

Zur Handlung

Michal Polag lebt in einem vornehmen Stadtteil Tel Avis und engagiert sich trotz Protest aus ihrer Familie in den ärmeren Vierteln für afrikanische Flüchtlinge. Als junge Idealistin, die sich ihrer privilegierten Herkunft beinahe schämt, sucht sie den offenen Konflikt mit jenen, die aus dem Leid der Flüchtlinge Kapital schlagen: sei es mit dem „Banker“, Kopf einer illegalen Organisation, oder dem rücksichtslosen Staatsanwalt Jariv Ninio. Der Leiter der Hilfsorganisation ASSAL, Itai Fischer, steht ihren häufigen Alleingängen kritisch gegenüber, obwohl er ihren Idealismus heimlich bewundert.

Eines Morgens wird Michal tot in ihrer Wohnung gefunden und der Polizei ist schnell klar: Es ist Mord. Der Fall wird der frischgebackenen Hauptkommissarin Anat Nachmias übertragen, die akribisch die Spuren auswertet, als der aus Eritrea geflohene Gabriel plötzlich die Tat gesteht. Doch Anat zweifelt. Wieso sollte gerade er, ein Schützling und Freund Michals, sie ermordet haben? Während der Rest ihrer Kollegen und die Staatsanwaltschaft den Fall schnell abschließen wollen, stößt Anat immer weiter in die Schattenwelt Tel Avivs vor, in der Kriminalität, Angst, Korruption und der Handel mit dem Elend der Menschen den Alltag der Flüchtigen bestimmen.

In den Straßen von Tel Aviv

Liad Shoham bedient sich in seinem Thriller verschiedener Erzählperspektiven. So berichten die Hauptcharaktere im Wechsel über das Geschehene, geben gegenseitig Wertungen über die anderen Akteure ab und stellen sich stetig der Frage, wem sie vertrauen können. Gleichzeitig greift der Autor das brisante wie aktuelle Thema der illegalen Einwanderer in Israel auf und beleuchtet es aus Sicht der Polizei, Justiz, der Hilfsorganisation und vor allem der Flüchtlinge selbst. Shoham führt den Leser als praktizierender Anwalt sicher durch die komplexe Rechtslage, der sich Gabriel durch sein Geständnis aussetzt. Er stellt die Ablehnung der konservativen Nachbarn Michals gegenüber den Einwanderern genauso offen dar, wie den Sexismus, dem die Kommissarin Nachmias in ihrem von Männern dominierten Berufszweig ausgesetzt ist. Die Handlung durchzieht Tel Aviv von den gepflegten Stadtteilen bis hin zum Flüchtlingsviertel am alten Bahnhof, schaut aber auch über den Rand und schildert anhand von Einzelschicksalen, unter welchen Umständen und Strapazen die Flüchtlinge in die zweitgrößte Stadt Israels kommen.

Mein Fazit

Mit einem zügigen Erzähltempo und einem vielschichtigen Ensemble an Charakteren schafft Liad Shoham einen packenden Kriminalroman, der die Flüchtlingsthematik nicht nur als Kulisse nutzt, sondern Missstände und Willkür anprangert. Einen Bonuspunkt von mir gibt es für die obligatorische Romanze, die sich zum Glück dezent im Hintergrund hält.

Liad Shoham, Stadt der Verlorenen. DuMont Buchverlag, 2015.

 

Hannah Kent, Das Seelenhaus

Rezensent: Harry Pfliegl

Ausgerechnet eine Australierin will ein historisches Ereignis, das sich vor fast 200 Jahren in Island abgespielt hat, als Vorlage für ihre Geschichte verwenden – die sie zudem aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Dieses ambitionierte Vorhaben kann eigentlich nur scheitern, möchte man auf den ersten Blick meinen – zumal es sich bei „Das Seelenhaus“ um Hannah Kents Debütroman handelt. Doch diese Einschätzung ist weit gefehlt. Vielmehr präsentiert die Autorin ein einfühlsames Werk, das passagenweise so schwermütig wirkt, wie der isländische Winter.

Zwischen Fiktion und Realität

Hannah Kent hatte während eines Schüleraustausches in Island die Geschichte von Agnes Magnúsdóttir gehört, einem der beiden letzten Hinrichtungsopfer Islands. Sie war, ebenso wie einer der beiden Mittäter, hingerichtet worden, weil sie zwei Männer im Schlaf ermordet und anschließend verbrannt haben soll. Während Agnes und der männliche Mittäter zum Tode verurteilt wurden, kam die Dritte im Bunde – eine junge Magd – mit einer Haftstrafe davon. Weil Island in jenen Jahren Teil des Königreichs Dänemark war, mussten auf der Insel ausgesprochene Todesurteile erst vom König bestätigt werden.

Der zuständige Landrat ordnet an, dass Agnes zwischenzeitlich auf einem Bauernhof arbeiten muss. Den beiden Töchtern der Familie war sie in der Vergangenheit schon einmal auf dem Weg von einer Anstellung zur anderen begegnet und hatte den Kindern jeweils ein Ei geschenkt. Trotzdem begegnet man ihr zunächst mit großem Misstrauen, seitens einiger Nachbarinnen sogar mit offener Ablehnung.

Die unterschiedlichen Perspektiven

Die eigentlichen Ereignisse schildert Hannah Kent aus der Sicht des neutralen Beobachters. Dazwischen beleuchtet sie das Schicksal und die Vergangenheit der Magd Agnes aus der Ich-Perspektive und in erzählenden Monologen, in welchen sie einem Priester Einblick in ihr Seelenleben gibt. Dieser soll sie auf den Tod vorbereiten und ihr predigen, doch um einen Zugang zur zunächst verschlossenen Frau zu finden, entscheidet er sich dafür, ihr zunächst zuzuhören.

Hannah Kent zeichnet dabei das Bild einer hart arbeitenden Frau, die von Kindesbeinen an auf der Schattenseite des Lebens stand. Weil Agnes fleißig ist, alle aufgetragenen Arbeiten zuverlässig erledigt und hilft, wo sie nur kann, gewinnt sie schließlich die Zuneigung ihrer Gastfamilie. Pfarrer Tóti versucht sogar, sich beim Landrat für die Verurteilte einzusetzen. Doch dieser will ein Exempel statuieren und ist nicht bereit, Gnade walten zu lassen.

In den wenigen Wochen vor der Hinrichtung erlebt Agnes das, wonach sie sich ihr ganzes Leben gesehnt hat: Sie findet ihren Platz, wird fast zu einem Teil der Gastfamilie. Offen bleibt, ob die Hinrichtung nicht das gnädigere Schicksal für die freiheitsliebende Frau gewesen wäre. Die Begnadigte stirbt wenige Jahre später im Kerker.

Mein Fazit:

Bei der Beschreibung der Lebensverhältnisse in Island zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist die fehlende Verwurzelung der Autorin zu spüren. Die Schilderungen wirken teilweise zu flach. Dieser Aspekt wirkt sich jedoch nicht insgesamt negativ auf die Geschichte aus. Hannah Kent ist ein brillanter Einstieg in die Welt der Literatur gelungen.

Hannah Kent, Das Seelenhaus. Dromer HC, 2014.

 

Karen Köhler, Wir haben Raketen geangelt

Rezensentin: Cornelia Lotter, https://www.autorin-cornelia-lotter.de

Karen Köhler wurde 1974 in Hamburg geboren. Sie arbeitet als Schauspielerin, Illustratorin, Performance-Künstlerin, Theaterautorin und Schriftstellerin. Für den vorliegenden Erzählband erhält die Autorin 2015 den Schubart-Literaturförderpreis der Stadt Aalen.

Emotion pur

Schon auf Seite 23 schossen mir die Tränen in die Augen, verwandelte sich das anfängliche Lachen über einen Satz des Rollstuhlfahrers („You will die for sure, Baby. We all will… My name ist Cesar, and I am happy to have met you before you died.“) in ein Weinen; derselbe Vorgang, den die Autorin zuvor schon bei ihrer krebskranken Protagonistin beschrieben hatte.

Und das haben wir: Geschichten von tiefer Weisheit, zum Weinen schön. Geschichten, bei denen sich ein Verlust im Nachhinein oft als Gewinn darstellt. Geschichten, die von überwältigender Menschlichkeit durchdrungen sind. Und bei denen ich mich frage: Wie kann ein so junger Mensch über die ewigen Grundthemen des Lebens, über Tod, Verlust, Vergänglichkeit und Liebe und über das, was trotz allem bleibt, so schreiben?

Hatte ich mich gerade eingerichtet in einer Geschichte, die so vor sich hinmäandert, da kam plötzlich und unerwartet der Punkt, da ich durch einen Satz wie die Raketen aus dem Titel hinauskatapultiert wurde aus der Normalität. Und das geschieht völlig en passant, ohne großes Aufhebens. Der Tod ist immer präsent. Und es sind die ganz einfachen Worte, die so sehr zu Herzen gehen. „Könntest du nicht sein wie Jesus und bald wieder auferstehen? An einem Freitag, ja, ich fänd das nur anständig.“ So schreibt Karen Köhler in der Erzählung, die dem Buch seinen Titel gab (S. 135).

Die stärkste Geschichte ist für mich gleich die erste im Band – „Il Comandante“, weil sie ohne jegliche Larmoyanz beschreibt, wie eine junge Frau mit ihrer Krebserkrankung umgeht. Diese Geschichte hätte Karen Köhler im letzten Jahr bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt lesen sollen. Da sie krankheitsbedingt verhindert war, wurde diese Geschichte am Klagenfurter Lendhafen gelesen und im Internet per Livestream übertragen. Der ergreifendste der neun Texte ist „Wild ist scheu“. Er erinnert mich an den Siegertext in Klagenfurt 2006 von Kathrin Passig „Sie befinden sich hier“, in der die einzelnen Stationen des Erfrierens beschrieben werden.

Ton und Form

Der Erzählton von Karen Köhler ist lakonisch; sie kommt mit wenigen Worten der Alltagssprache aus. Da ist nichts Gekünsteltes oder Affektiertes, sondern allein das Vertrauen auf die Stärke dessen, was zu erzählen ist. Und das ist einiges. Karen Köhler schreibt im Präsens in der Ich-Form, was es dem Leser ermöglicht, sehr nah an ihre Figuren heranzutreten, mit ihren Augen zu sehen, mit ihrem Herzen zu fühlen.

Mein Fazit

Diese neun Kurzgeschichten sind unbedingt empfehlenswert. Uneingeschränkt. 

Karen Köhler, Wir haben Raketen geangelt. Carl Hanser Verlag, 2014.

Buchrezis 2015

 

Agnes Christofferson, Elsas Stern. Oder: Shoah-Schatten in Manhattan.

Rezensent: Harald Wurst

Auschwitz, Holocaust, bestialischer Völkermord, traumatisierte Überlebende und selbstvergessene Verbrecher, die sich in einem neuen Leben einzurichten versuchen… das ist alles in allem extrem harter Stoff. Wer sich diesem Thema als Autor stellt, verdient zunächst einmal großen Respekt, denn die Fallhöhe kann hier sehr hoch sein. Die gebürtige Polin Agnes Christofferson hat sich der Herausforderung gestellt. Und – abgesehen von wenigen Abstrichen – legt die Autorin mit ihrem Roman „Elsas Stern“ eine beeindruckende Geschichte vor: über miteinander verwobene Schicksale und die grenzenlose Grausamkeit, zu der Menschen fähig sind.

Die Handlung beginnt 1979 in New York. Elsa, Jüdin und Auschwitz-Überlebende, trifft sich mit ihrer Tochter Leni in einem italienischen Restaurant. Als ein älterer Mann die Gaststätte betritt, bricht Elsa offensichtlich geschockt zusammen. Im Krankenhaus kümmern sich Elsas Töchter Leni und Salome besorgt um ihre Mutter – diese benimmt sich allerdings zusehends immer seltsamer. Schließlich übergibt Salome das alte Tagebuch von Elsa an Leni. Und damit startet der zentrale Plot des Romans. Sie erfährt aus den Aufzeichnungen der Mutter nicht nur, wie ihre ganze Familie von den Nazis fast ausgelöscht wurde und dass Elsa in Auschwitz als Opfer brutalster Menschenexperimente leiden musste – auch ihre Schwester Salome ist nicht wirklich mit ihr verwandt… und es gibt einen skrupellosen Arzt namens Erich Hauser, der mit dem Schicksal ihrer Mutter auf verschiedenste Weise verknüpft ist.

Klar, der unbekannte Mann in der Pizzeria ist natürlich dieser grausame KZ-Arzt. Und die, übrigens recht knappe und literarisch wie dramaturgisch eher mittelmäßige, Rahmenhandlung, dreht sich um die Enttarnung des Mannes, der im New York der späten 1970er Jahre als Kinderarzt Peter Miller praktiziert. Zu großer Form läuft der Roman bei den Tagebuch-Sequenzen aus der Perspektive von Elsa auf. Dieser Strang macht rund 80 Prozent des Buches aus. Und keine Seite davon ist zu viel. Von der ersten Begegnung und sogar einem Flirt Elsas mit dem jungen „Erik“ Hauser in der Obhut eines versteckten Landsitzes bis zu den fürchterlichsten Beschreibungen des KZ-Alltags und schmerzhaft detaillierten Schilderungen medizinischer „Experimente“ des perversen Arztes in Auschwitz schont die Sprache dieses Buches den Leser nicht. Die realistische Härte der Prosa ist schlichtweg gewaltig. Und die Ambivalenz der Charaktere , ob SS-Männer, Kapos oder KZ-Insassen, gnadenlos in der Schilderung.

Autorin Agnes Christofferson, geboren 1976 in Polen und seit ihrem 12. Lebensjahr in Deutschland lebend, hat mit „Elsas Stern“ ein tatsächlich ergreifendes Buch geschrieben. Die Geschichte ist rein fiktiv – die Szenerie nicht. Und wer glaubt, zum Holocaust sei eigentlich alles schon gesagt, kann sich hier beim Lesen getrost selber fragen: Ist so ein Verbrechen je vergessen – oder heute wieder möglich? In diesem Buch findet der Leser die Antwort zwar nicht, aber es wird nach der Lektüre womöglich schwer sein, nicht danach zu suchen.

Agnes Christofferson, Elsas Stern. Acabus Verlag, 2014. 

 

Hanns Zischler, Das Mädchen mit den Orangenpapieren

Rezensent: Harry Pfliegl

Dass es keiner reißerischen Sprache oder actiongeladener Szenen bedarf, um eine Geschichte fesselnd zu erzählen, beweist der Schauspieler und Dramaturg Hanns Zischler mit seinem belletristischen Debüt „Das Mädchen mit den Orangenpapieren“. Er lässt die eigentliche Aussage des Romans zwischen den Zeilen durchschimmern, während die Geschichte vor sich hinplätschert.

Die Geschichte

Hanns Zischler erzählt die Geschichte des Mädchens Elsa, das in den 1950er Jahren nach dem Tod der Mutter mit ihrem Vater ins bayerische Chiemgau zieht. Dort wird sie wegen ihres fremd klingenden Dialekts zwar nicht verspottet, jedoch belächelt. Obwohl sie eine Fremde bleibt, gelingt es ihr, Freundschaften zu schließen. Beispielsweise mit ihrem Mitschüler Pauli, mit dem sie auch ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht, mit dem Lehrer Kapuste, der seinen Schülern Rätsel als Hausaufgabe aufgibt und mit der Obsthändlerin, die für Elsa die Papiere mit exotischen Motiven aufbewahrt, in denen die Orangen eingepackt sind. Das ändert sich erst, als mit Saskia eine neue Schülerin, die aus England stammt, in Elsas Klasse kommt. Elsa freundet sich mit ihr an und bleibt auch in Kontakt, als Saskia mit ihren Eltern nach England zurückkehrt. Die Thematik des Romans Einsamkeit und Sehnsucht sind die eigentlichen Themen des Romans, die aber eher hinter dem Lebensausschnitt, den Hanns Zischler erzählt, verborgen sind und nur durchschimmern. Elsa hat sich mit der Situation arrangiert. Und obwohl sie ihre Mutter sehr vermisst, trauert sie der Vergangenheit nicht so sehr nach, dass sie die Realität aus dem Blick verlieren würde. Die Orangenpapiere, in denen sie regelmäßig blättert, stehen hingegen für die Sehnsucht nach Ferne und nach einer positiven Zukunft.

Dass Hanns Zischler publizistische Erfahrung als Essayist und Übersetzer mitbringt, ist dem Roman deutlich anzumerken. Der Autor bleibt seinem Stil treu und lässt auch spektakuläre Ereignisse wie einen Schädelbruch oder eine Ballonfahrt eher beiläufig in die Geschichte einfließen. Dadurch wird „Das Mädchen mit den Orangenpapieren“ zu einem zeitlosen Werk, das Erfahrungen und Episoden im Leben eines Menschen schildert, der sich in der Fremde einzufügen versucht.

Mehr Lokalkolorit und Charaktere wären wünschenswert

Diese Allgemeingültigkeit kann aber zugleich auch als große Schwäche des Romans gesehen werden. Hanns Zischler beschreibt den Ort, in dem Elsa lebt, zwar nicht genau, aber doch gut genug, um den Leser den Chiemgau erahnen zu lassen. Diese Region war in den 1950er Jahren noch stark landwirtschaftlich geprägt, der Unterschied zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen ist hier bis heute spürbar. Die Bemühungen Elsas, Saskias und deren Eltern, sich in die Gemeinschaft zu integrieren, hätten anhand einiger typischer Szenen noch deutlicher herausgearbeitet werden können. Dass sich dies ohne klischeehafte Bayerntümelei umsetzen lässt, haben etwa Helmut Dietl in seinen „Münchner Geschichten“ oder der Regisseur Franz Xaver Bogner mit „Irgendwie und Sowieso“ bewiesen.

Was gravierender – und auch Lesern außerhalb Bayerns – auffällt: Die handelnden Personen wirken etwas flach. Wirklich in Erinnerung bleibt allenfalls Lehrer Kapuste wegen seiner Rätselmacke, alle anderen bleiben dem Leser nach der letzten Seite nicht in Erinnerung.

Mein Fazit

Hanns Zischler ist ein sehr solider Erstling gelungen, der mit seinen feinen Nuancen in der Erzählstruktur besticht. Für Leser, die gerne zwischen den Zeilen lesen, ist „Das Mädchen mit den Orangenpapieren“ in jedem Fall empfehlenswert.

Hanns Zischler, Das Mädchen mit den Orangenpapieren. Galiani Berlin, 2014.

 

Brian Conaghan, Jetzt spricht Dylan Mint und Mr. Dog hält die Klappe

Rezensentin: Isabella Münzer

Brian Conaghan, geboren und aufgewachsen in Schottland, studierte Kreatives Schreiben in Glasgow und arbeitet heute als Lehrer und Autor in Dublin. „When Mr. Dog Bites“ (dt. „Jetzt spricht Dylan Mint und Mr. Dog hält die Klappe“) ist nach „The boy who made it rain“ (dt. „Der Junge, der es regnen ließ“) sein zweiter Roman, der brisante Themen der heutigen Jugend anspricht.

Der Inhalt

Der 16-jährige Dylan Mint hat ein Problem. Und zwar ein richtiges. Denn als wäre es nicht genug, dass sein Vater nie zu Hause ist, seine Mutter auf einmal mit einem Taxifahrer rumhängt und sein bester Freund nach Curry riecht, hat Dylan Mint auch noch einen ständigen Begleiter – Mr. Dog nennt er ihn. Denn wie einen knurrenden, beißenden, aggressiven Hund kann er es einfach nicht bändigen, sein Tourette-Syndrom. Aber es kommt noch härter, denn Dylan erfährt, dass er nur noch sechs Monate zu leben hat. Was bleibt ihm da anderes übrig, als eine Liste zu erstellen mit Dingen, die er dringend noch erleben muss, bevor er den Löffel abgibt?

Dylan Mint und sein Mr.Dog

Dies ist die Geschichte von Dylan Mint, einem Außenseiter unter den Außenseitern, der einen Pakistani zum besten Freund hat, weil ihm Hautfarben egal sind und der unbedingt noch Michelle Malloy, die rotzfreche Göre, flachlegen will, bevor er abtritt. Dylan ist nicht dumm, eigentlich sogar ziemlich klug, aber er macht sich, was sein Leben betrifft, mit einer recht naiven Weltanschauung doch so einiges vor. Dass wir ihn dabei begleiten dürfen, wie er so manche Wahrheit über sich selbst aufdeckt und währenddessen herrlicherweise versucht, seinem Kumpel Amir einen neuen, besten Freund zu beschaffen, weil Dylan ja bald ins Gras beißt, finde ich fantastisch.

Conaghans Schreibstil und seine Umsetzung von Dylans Tourette-Krankheit mit dem Gesicht von Mr.Dog ist sehr gelungen. Und auch wenn die Geschichte stellenweise arg klischeehaft ist, hielten mich Dylans verdrehte, chaotische Gedanken stets gefangen und strahlen einen wunderbar seltsamen Charme aus. Meine persönliche Favoritin ist MichelleMalloy, die für Dylan – trotz Klumpfuß – das sexieste Mädchen der Welt mit der schnoddrigsten Schnauze ist, die er je gehört hat. Dylan und sein Kumpel Amir wirken stellenweise wie zwei typische Pubertierende mit ebensolchen Problemen, anderen Orts wirken sie dagegen deutlich zu jung und naiv. Ganz durchhalten konnte Brian Conaghan sein Niveau hier leider nicht.

Die Sprache In der ersten Person von Dylan Mint erzählt, spiegelt der Stil des Buches das Innenleben des Teenies hervorragend wieder: teilweise chaotisch, teilweise sperrig und nicht immer schön zu lesen. Dennoch hatte ich das Gefühl, das es nicht anders sein sollte, denn genau das ist Dylan Mint: ein Charakter mit Ecken und Kanten, der mit dem Leben und dem Erwachsenwerden zu kämpfen hat. Fließende, weiche Sätze oder eine melodische Sprache wären hier fehl am Platz gewesen.

Mein Fazit

Die Geschichte handelt nicht nur von Tourette, sondern sie legt uns auch Freundschaft und Stärke ans Herz, Mut und Akzeptanz. Dies gelingt Brian Conaghan nicht immer fehlerfrei, wird jedoch wieder wett gemacht durch Dylans liebenswerten Charakter und seinen beschwerlichen Weg Richtung Erwachsenwerden. Und das eine oder andere Schimpfwort habe ich dabei auch noch gelernt. „Dylan Mint“ ist eine berührende Erzählung, die mich zum Schmunzeln und Nachdenken gebracht und somit ihr Ziel erreicht hat.

Brian Conaghan, Jetzt spricht Dylan Mint und Mr. Dog hält die Klappe. Arche Verlag, 2014.

 

 

Buchrezis 2015

 

Dorthe Nors, Handkantenschlag

Rezensentin: Yvonne Giebels

Handkantenschlag“ – das ist eine Schlagtechnik aus dem Kampfsport Karate. Nach dem Lehrbuch angewendet, setzt sie einen Gegner schnell und präzise außer Gefecht. Die dänische Autorin Dorthe Nors schreibt in ihrem neuesten Buch zwar nicht über Karatekämpfer, doch wer die Sammlung von 15 Kurzgeschichten liest, der merkt schnell, dass der Titel „Handkantenschlag“ punktgenau gewählt ist.

Ein harmloser Beginn

Was mich als Leserin der Geschichten erwartet, kann ich zunächst nicht ahnen, denn die Überschriften der Kurzgeschichten klingen recht harmlos. Von „Kennst du Corri?“ über „Das Entenküken“ und „Das Wattenmeer“ bis hin zum „Friseur gegenüber der Münzwäscherei“ erwarte ich als Leserin ein paar kurzweilige, vielleicht auch amüsante oder romantische Geschichten. Weit gefehlt. Wie ein Schlaglicht beleuchtet Dorthe Nors die momentane Situation ganz unterschiedlicher Menschen – und braucht dazu keinen langatmigen Szenenaufbau. Mit einigen präzise gesetzten Worten und Sätzen gelingt es Nors, mich als Leserin unmittelbar in die Szenerie zu versetzen, als würde ich direkt neben den handelnden Personen stehen.

Was meist recht harmlos anfängt, bleibt nicht so. Mit ebenso präzise gesetzten Worten und Sätzen, eben mit einem echten „Handkantenschlag“, zerschlägt Nors die gerade aufgebaute Szenerie. Das Kartenhaus der Akteure, gebaut aus Selbstbetrug, Täuschung und Lügen, fällt in sich zusammen.

Deprimierend und zugleich hoffnungsfroh

Obwohl die Geschichten nahezu alle nach demselben Prinzip aufgebaut sind, hat es mich als Leserin immer wieder verblüfft, wie wenig ich auf den unausweichlichen „Handkantenschlag“ vorbereitet war. Bis auf wenige Ausnahmen hoffte ich trotz allem auf ein Happy End – was mir dann verwehrt blieb. Stattdessen ist das Ende nicht selten brutal und mit Gewalt verbunden. Das ist für mich als Leserin mitunter schwer zu verdauen. Doch obwohl die negativen Seiten der Menschen in den Kurzgeschichten überwiegen, gibt es auch hoffnungsfrohe Erzählungen. „Die große Tomate“ zum Beispiel, bei der ich ahne, dass die Geschichte nach der Geschichte im positiven Sinn weitergeht.

Fazit: Unbedingt empfehlenswert

Obwohl „Handkantenschlag“ mitunter ein etwas deprimierendes Buch ist, empfehle ich es zum Lesen. Warum? Weil mir bis jetzt selten ein Buch untergekommen ist, das die menschliche Natur in all ihren Facetten so genau und präzise beschreibt. Ich schlage allerdings vor, die Geschichten in kleinen Dosen zu lesen – jeden Tag ein Häppchen.

Dorthe Nors, Handkantenschlag. Osburg Verlag – Murmann Publishers, Hamburg 2014.

 

Kenzaburō Ōe, Licht scheint auf mein Dach

Rezensentin: Jasmin Beer

Bereits 1995 und 1996 publizierte Kenzaburō Ōe zwei Bücher mit Essays über das Leben seiner Familie, das durch die Behinderung seines ältesten Sohnes geprägt ist. Obwohl seitdem beinahe 20 Jahre vergangen sind, übermittelt die neue Zusammenstellung seiner Essays durch Nora Bierich eine Form des familiären Miteinanders und Zusammenhalts, die heute noch gültig ist.

Ein Nobelpreisträger und Vater

Ōe, geboren 1935 auf Shikoku/Japan, verfasste bereits während seines Studiums der Romanistik in Tokyo mehrere Theaterstücke und schrieb für die Fakultätszeitung, wofür er den Ichō-Namiki-Preis erhielt. Viele Auszeichnungen inklusive der Ehrung mit dem Nobelpreis für Literatur 1994 später kann er auf ein umfangreiches literarisches Werk zurückblicken, das vor allem durch ein privates Ereignis geprägt wird: Die Behinderung seines ältesten Sohnes Hikari. Waren seine Schriften zuvor eher politischen Themen gewidmet, bildet nun die Geschichte seines Sohnes sowohl die Grundlage für den autobiographischen Roman „Eine persönliche Erfahrung“ als auch für viele Figuren, die in seinem späteren Werken auftreten. Kenzaburō Ōe lebt heute mit seiner Familie in Tokyo.

Leben mit der Behinderung und der Kunst

Alles beginnt mit einer Geburtstagskarte von Hikari an seine Mutter. Sechsundzwanzig Jahre zuvor kam der älteste Sohn der Familie Ōe mit einer Schädeldeformation auf die Welt. Trotz einer lebensrettenden Operation leidet er unter häufigen epileptischen Anfällen, ist geistig zurückgeblieben. Das Familienleben verläuft nach dem Takt, den die Pflege des Sohnes vorgibt: Arztbesuche, Behindertenwerkstatt, Klavierunterricht, Medikamente. Hikari ist ein stiller junger Mann, der Musik liebt, sich in seiner Musik ausdrückt und trotz seiner Behinderung die Welt genau beobachtet. So drückt die Geburtstagskarte an seine Mutter aus, wie er den langsamen geistigen Verfall seiner Großmutter erlebt – und dies in nur wenigen Worten.

Im Schein dieser Anekdote beginnt Kenzaburō Ōe sein erstes Essay über den Wandel der Jahreszeiten des Lebens. Als Kind war Hikari noch im Vollbesitz seiner physischen Kräfte gewesen, konnte mit seinen Geschwistern herumtoben, bevor er immer mehr von seiner Behinderung eingeholt wurde. Auch Ōe und seine Frau sind sich ihres stetigen Alterns gewiss. Woher schöpfen Menschen im Angesicht von Krankheit und Alter ihren Trost? Hikari bezieht Stärkung aus seiner Liebe zur klassischen Musik und drückt auch seine Gefühle durch Musik aus – ebenso wie sein Vater in seinen Romanen, seine Mutter in ihren Bildern.

Die Krankheit als Essay

Im Mittelpunkt der insgesamt 19 Essays stehen daher vor allem die Ereignisse, in denen sich der Sohn musikalisch verwirklichen kann: In denen er sowohl seine „heulende Seele“ als auch seine Empfindungen zu wichtigen Ereignissen in seinem Leben preisgibt. Genauso werden die Schwierigkeiten des Alltags, Streitereien und unangenehme Situationen geschildert. In einer Mischung aus philosophischem Diskurs und Tagebucheinträgen beschreibt Ōe seinen inneren Konflikt über den Umgang mit der Behinderung seines Sohnes, ohne die Schattenseiten zu kaschieren. Offen schreibt er über sein Zögern, dem lebenswichtigen Eingriff an seinem Sohn kurz nach dessen Geburt zuzustimmen oder die Wut, die ihn angesichts der Hilfsbedürftigkeit seines Sohnes überkommt. Er scheut sich auch nicht, die Kritik anzusprechen, die der Familie entgegenschlägt, als Hikari erste Erfolge als Komponist verzeichnen kann.

In einer ruhigen und gleichzeitig bildhaften Sprache werden die Beziehungen zur Mutter, den Geschwistern und auch den Freunden der Familie vor dem Leser ausgebreitet, wenngleich es nur episodenhafte Einblicke sind.

Mein Fazit

„Licht scheint auf mein Dach“ ist weder eine Biografie noch eine Familiengeschichte, sondern eine Sammlung von Anekdoten und Reflektionen über das Zusammenleben eines Vaters mit seinem behinderten Sohn. Zu Beginn mag man sich an der leicht distanzierten Erzählweise stören, aber gerade das bietet Raum zum Nachdenken, wie man selbst in dieser oder jener Situation reagiert hätte. Die Offenheit Kenzaburō Ōe ist mehr als beeindruckend, frei von Rührseligkeit und Drama. Es ist kein Buch, das man schnell nebenbei lesen kann, und es mag von Vorteil sein, bereits einen Roman des Schriftstellers zu kennen. Am Ende ist Ōe (wieder einmal) ein einfühlsames und nachdenkliches Buch gelungen, dessen neue Übersetzung seiner Sprache gerecht wird und durch die Untermalung mit Yukari Ōes Zeichnungen einen wunderbar persönlichen Eindruck in die Gefühlswelt seiner Familie gibt.

Kenzaburō Ōe, Licht scheint auf mein Dach. S. Fischer Verlag, 2014.

 

Alexandra Friedmann, Besserland

Rezensent: Harry Pfliegl

Dass wahre Geschichten mit einem realen Hintergrund nicht schwermütig oder mit tragischem Unterton erzählt werden müssen, beweist Alexandra Friedmann mit ihrem Erstlingswerk „Besserland“. Sie erzählt die Geschichte ihrer Familie, die eigentlich aus der Sowjetunion in die USA auswandern wollte, letztlich aber in Krefeld strandete. Obwohl aufgrund der Ereignisse wie dem Reaktorunglück von Tschernobyl durchaus tragische Elemente mitschwingen, schafft Alexandra Friedmann ein witzig und temporeich erzähltes Stück Zeitgeschichte.

Auf der Suche nach Freiheit

Eigentlich haben sich Lena und Edik, die Eltern der kleinen Sanja, ganz gut mit dem System in der Sowjetunion arrangiert: Lena ist eine ehrgeizige Bauzeichnerin, die mehr Zeit an ihrer Arbeitsstelle verbringt als zu Hause. Edik leitet einige Mitarbeiter in der Baubehörde der weißrussischen Stadt Gomel. Er arbeitet jedoch nur das nötigste, verbringt lieber Zeit mit seinem Kind oder spielt mit Freunden Karten und vergisst selbstverständlich nicht, sich mit Gefälligkeiten und Zuwendungen ein Netzwerk an Kontaktleuten aufzubauen.

Als Michail Gorbatschow die Perestroika ausruft, um Staat und Gesellschaft zu erneuern, gehören die Friedmanns zunächst zu den Profiteuren dieser neuen Zeit: Edik gründet eine Kooperative und schafft einen bescheidenen Wohlstand für seine Familie. Doch das Glück währt nur kurz: Die gewonnenen Freiheiten werden wieder eingeschränkt, während zugleich die Repressionen gegen Juden zunehmen. Die schwarzen Niederschläge, die nach dem Reaktorunglück auch in Gomel vom Himmel fallen, fasst die Familie als schlechtes Omen für die Zukunft auf.

Die Reise nach Besserland

Nachdem die Ausreise für sowjetische Juden, die eine Einladung von Verwandten aus den USA oder Israel besitzen, erleichtert wurde, setzt Edik Friedmann alle Hebel in Bewegung, um an die begehrten Papiere, nämlich ein Visum und ein Zugticket nach Wien zu bekommen. Die Familie kann schließlich über Warschau nach Wien ausreisen, muss jedoch entgegen der Versprechen eines Kontaktmannes den Großteil ihres Besitzes zurücklassen. In Wien findet die Familie Unterschlupf bei Jossik, der ihnen statt der Ausreise in die USA einen Asylantrag in Deutschland schmackhaft macht. Die Friedmanns müssen erneut eine abenteuerliche Reise unternehmen, um die Grenze zu passieren, können erfolgreich Asyl beantragen und bauen schließlich in Krefeld eine Zukunft auf.

Nichts ist skurriler als die Realität

Alexandra Friedmann erzählt die Geschichte aus der Perspektive der kleinen Saskja, ohne die hintergründigen Ereignisse in irgendeiner Form zu werten. Sie erzählt eher als neutraler Beobachter und entwickelt Setting sowie Charaktere durch die detaillierte Schilderung von Anekdoten. Diese wirken teilweise so skurril, dass sie sich einfach so zugetragen haben müssen. Ein Beispiel: Ediks Kontaktmann zum Zoll taucht an der russischen Grenze mit eingegipsten Armen und zerschlagenem Gesicht auf und erklärt, dass seine Kontaktleute dummerweise gerade nicht Dienst hätten und die Friedmanns deshalb nichts durch den Zoll schmuggeln könnten.

Die Charaktere bis hin zu den Nebenfiguren skizziert Alexandra Friedmann liebevoll mit all ihren Stärken und Schwächen. Dadurch wirken sie so authentisch, dass unweigerlich Bilder der gerade handelnden Personen im Kopf haben – Kopfkino der Zeitgeschichte.

Mein Fazit

Mit „Besserland“ ist Alexandra Friedmann ein überzeugendes Debüt gelungen. Insgesamt wirkt die erste Hälfte des Romans stärker als der Schluss, der sich fast zwangsläufig zu einem Happy End entwickelt. Die skurrilen Situationen aus dem ganz alltäglichen Wahnsinn in der Sowjetunion, die phasenweise fast an „Per Anhalter durch die Galaxis“ erinnern, treten in der zweiten Romanhälfte fast komplett in den Hintergrund. Hier hätte die Autorin einige Stellen, etwa den ersten Einkauf des Vaters in einem großen Supermarkt, für den er eine Autobahn überquert, durchaus weiter ausbauen können. Davon unbenommen hat Alexandra Friedmann mit „Besserland“ etwas geschafft, woran schon so mancher etablierte Autorenkollege gescheitert ist: Eine kurzweilige Geschichte aus der Sicht des „kleinen Mannes“ vor dem Hintergrund einer der größten weltpolitischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts zu erzählen.

Alexandra Friedmann, Besserland. Graf Verlag, 2014.

Buchrezis 2015

 

Shreyas Rajagopal, Scar City. Oder: Incredible India

Rezensent: Harald Wurst

Sex, Drogen, Reichtum, Psychosen… hier kommt das selektiv aus der Perspektive einer jugendlichen Oberschicht betrachtete Indien der Gegenwart. Lakonisch, kosmopolitisch, zynisch und entsprechend des Handlungstempos im hastigen Präsens beschrieben.

Willkommen im Debütroman von Shreyas Rajagopal! Der Autor ist Jahrgang 1986 und lebt in Bombay, wo er – wie passend – im Finanzsektor arbeitet. Studiert hat er unter anderem am Indian Institute of Management, was sich aber, außer einer offensichtlichen Kenntnis der indischen Sozialstruktur, nicht wirklich in seinem Roman bemerkbar macht. Freilich aber zeigt dieses 2013 geschriebene Buch alle Merkmale eines literarischen Erstlingswerks: rasches Wechselspiel von Nähe und Distanz, unbekümmertes Experimentieren mit unterschiedlichen Stilen, die eitle Lust am Dokumentieren der eigenen Genialität und des Wissens „um die Dinge“ sowie das generelle Grundrauschen einer expressionistischen Wucht.

Worum geht’s? Student Rish kommt nach „Schwierigkeiten“ in New York für eine Auszeit nach Bombay zurück. Und er landet quasi unmittelbar in einem dämonischen Pantheon aus Freunden, Eltern, Drogendealern, ehemaligen und zukünftigen Sex- und Partygefährten… kurz: es startet eine Tour de Force für Körper und Geist. Und der Strudel aus Rausch und Hass auf die Gesellschaft dreht munter seine Runden. Ja, auch Bret Easton Ellis (American Psycho) lässt hier grüßen. Nicht nur durch die fast obsessive Erwähnung von Markenprodukten, sondern auch durch die gnadenlose Kälte der Eigen- und Fremdbeobachtung des Helden. Das Indien der Milliarden Menschen mit weniger als mindestens Millionärsstatus kommt dabei übrigens gerade noch als Staffage vor.

Wer nun aber glaubt: Aha, wieder so eine überdrehte Schnösel-Story aus dem Milieu der globalen Nichtsnutze mit „goldenem Löffel“ Syndrom… nun, der springt hier eindeutig zu kurz! Rajagopal schreibt hier aus der auktorialen Perspektive – und offeriert Rückblenden mit beeindruckenden Blicken in eine gequälte Psyche. Seine Sprache ist dabei so intensiv wie bildstark – und er trifft den Ton jeder Situation ausgesprochen stimmig. Ein Lob auch der deutschen Übersetzung. Auf so ein kongeniales Wort wie Durschnitten für eine Versammlung mittelmäßiger Fickangebote weiblicher Art muss man erst einmal kommen.

Und wo bleibt in dieser Geschichte nun die Moral? Erfreulicherweise gibt es die hier nicht! Es handelt nämlich keineswegs um einen klassischen „Coming of Age“ Plot, sondern die mitleidslose Schilderung einer Reise in den kontrollierten Wahnsinn. Wobei Rajagopal keinen Zweifel daran lässt, dass dieses Indien der abgehobenen Oberschicht demnächst ganz gewaltig um die Ohren fliegen wird. Bis dahin gilt ein typischer Satz aus der Gedankenwelt des Protagonisten Rish: Du bist wie Plastik – du wirst alles hier überdauern.

Shreyas Rajagopal, Scar City. Ullstein Hardcover, 2014.

 

Lutz Seiler, Kruso. Keine Empfehlung.

Rezensentin: Cornelia Lotter, https://www.autorin-cornelia-lotter.de

Der Lyriker Lutz Seiler hat mit seinem ersten Roman den Deutschen Buchpreis 2014 gewonnen. Er wurde 1963 in Gera, Thüringen, geboren und studierte Germanistik. Lutz Seiler erhielt für sein lyrisches Werk mehrere Preise und Stipendien, unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Bremer Literaturpreis, den Fontane-Preis und den Uwe-Johnson-Preis.

Trakl-Liebhaber und Lebensverzweifler

Ed Edgar Bendler flieht aus Halle an die Ostsee, wo er den tragischen (Unfall-?, Selbstmord-?)Tod seiner Freundin zu verarbeiten hofft. Obwohl Anfang zwanzig, ist Ed gehemmt, sexuell unerfahren und psychisch instabil (er spricht mit einem toten Fuchs, scheint kaum in der Lage, sich kommunizierend auszudrücken). In der Gaststätte „Zum Klausner“ begegnet er einem Panoptikum skurriler Gestalten, die dort ihr Überleben unter primitivsten Bedingungen fristen. Sein einziger Wunsch: Er will dazugehören, er will in den Kreis der „Eingeweihten“ , „Auserwählten“ und „Erleuchteten“ aufgenommen werden.

Kapitän Sprücheklopfer Kruso

Auch Alexander Krusowitsch, Kind eines sowjetischen Generals und einer russischen Zirkusartistin, muss gleich zwei Verluste verarbeiten: Seine Mutter, russische Zirkusartistin, stürzte bei einer Aufführung vor Sowjetsoldaten ab, als „Kruso“ sechs Jahre alt war. Als Kind musste er mit ansehen, wie seine geliebte Schwester „ins Wasser gegangen“ ist. Ed ist für Kruso Resonanzboden seiner kruden Unterweisungen, Weltverbesserungsideen und pseudophilosophischen Traktate über die Freiheit sowie für seine selbst verfassten Gedichte. Kruso wird Vaterfigur und Freund, und in manchen Szenen schimmert gar eine homoerotische Anziehung durch.

Schiffbrüchige und Esskaas

Alljährlich pilgern im Sommer Scharen von DDR-müden und regimekritischen jungen Menschen auf die Insel (von Kruso als „Schiffbrüchige“ bezeichnet), von der aus man einen Blick aufs das gelobte Land in Gestalt der Kreideküste der dänischen Insel Møn werfen kann. Kruso ist gespalten: Er sieht seine Aufgabe einerseits darin, den Obdachlosen eine Grundversorgung und einen sicheren Schlafplatz zu verschaffen. Andererseits setzt er alles daran, die Diktaturmüden davon abzuhalten, ihr Leben bei einer scheinbar so leichten, jedoch tödlichen Flucht aufs Spiel zu setzen. Er vermittelt den Republikmüden einen anderen Freiheitsbegriff und bedient sich dabei anderer Bewohner der Insel. Auch die Saisonarbeitskräfte, genannt Esskaas, halten zusammen. Sie pflegen ihre Bräuche und Riten, und selbst zu den Grenzschützern am Außenposten des real existierenden Sozialismus besteht ein freundschaftlicher Kontakt. Der Freiheitsbegriff, den Kruso im Sinn hat, ist einer, der mit Naturmystik und Naturerleben, der Erfahrung der Solidarität und Freundschaft mit Gleichgesinnten und der Liebe zur Poesie verbunden ist.

Sprache und Handlung

Lutz Seiler verwendet eine bilderreiche Sprache, manchmal jedoch mit unstimmigen und auch unfreiwillig komischen Metaphern. Ellenlange Beschreibungen und Wiederholungen ermüden, die Handlung erlahmt. Es wird viel geschwurbelt, gesoffen, wild durcheinander kopuliert und andeutungsreich spintisiert. Kaum einer seines Personals scheint wirklich klar im Kopf zu sein. Man hat den Eindruck, die ganze Insel ist eine Irrenanstalt, auf der sich die Insassen frei bewegen können. Erst im letzten Viertel nimmt der Roman Fahrt auf. Einschneidende Veränderungen sind im Sommer und Herbst Neunundachtzig auch beim Personal des Klausners zu beobachten.

Mein Fazit

Obwohl ich mich – als DDR-Bürgerin bis 1984 und Kennerin der Insel Hiddensee – sehr auf das Buch gefreut hatte, wurde mir bereits nach der Hälfte der Lektüre klar, dass es meine Erwartungen nicht erfüllen würde. Zu sehr vermisste ich einen Spannungsbogen, zu fremd blieben mir die Figuren. Trotzdem war ich am Ende froh, mich durchgekämpft zu haben. Von dem, was da auf den letzten hundert Seiten erzählt wurde, hätte ich mir schon mehr im Anfangsteil gewünscht. Für Leser mit besonderem Faible für hochartifizielle Sprache, psychologische Feinheiten und DDR-Geschichte kann das Buch dennoch durchaus eine Leseempfehlung rechtfertigen.

Lutz Seiler, Kruso Suhrkamp Verlag, 2014

 

Katja Kettu, Wildauge

Rezensent: Harry Pfliegl

Dass Katja Kettu mit ihrem dritten Werk „Wildauge“ einen derartigen Erfolg feiern würde, hatte die Autorin wohl in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet. Trotz des heiklen Themas eroberte sie die finnische Bestsellerliste und die Herzen ihrer Leser in mehr als einem Dutzend weiterer Länder im Sturm – und das obwohl oder gerade weil sie ihre Geschichte in einer sehr deutlichen Sprache und aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt, die von der Form her an einen Briefroman erinnern. Das erschwert dem Leser zunächst den Einstieg und ist sicher nicht die klassische Formel, mit der ein Bestseller geschrieben wird.

Die Geschichte

Katja Kettu erzählt die wohl intensivsten Monate im Leben der Hebamme „Wildauge“, die von der einfachen Bevölkerung Lapplands ob ihres medizinischen Wissens sowohl geachtet als auch gefürchtet wird. Schließlich spendet sie Leben, vermag aber auch den Tod zu bringen. Im Sommer 1944, einem der entscheidenden Wendepunkte während des Zweiten Weltkrieges, sind mehr als 200.000 deutsche Soldaten im noch befreundeten Finnland stationiert. Darunter auch der Kriegsberichterstatter Johannes, der von den Erlebnissen an der Ostfront traumatisiert ist und sich auf dem ruhigen Posten erholen soll. Die noch jungfräuliche Wildauge (deren wirklicher Name im gesamten Text übrigens nicht offenbart wird) erlebt mit Johannes eine stürmische Zeit der Leidenschaft. Schon bald wird Johannes jedoch in ein Gefangenenlager abkommandiert, wohin ihm Wildauge folgt. Sie arbeitet im Lager als Krankenschwester und wird aus Liebe zu einer Mittäterin.

Kontrovers aufgenommen wurde „Wildauge“ nicht nur wegen der Thematik – die nationalsozialistische Vergangenheit wird in Finnland und Norwegen erst seit wenigen Jahren aufgearbeitet. Auch die ausführlichen Sexszenen, die Direktheit in den Beschreibungen und die raue, oft derbe Sprache mögen anfangs für Irritationen sorgen. Doch genau diese Elemente sorgen dafür, dass „Wildauge“ den Leser in seinen Bann zieht und er die Geschichte körperlich erleben kann. Katja Kettu erzählt eine Geschichte, die in dieser Form wohl nicht passiert ist, sehr wohl aber hätte passieren können.

Eine Meisterin der Sprache

Die besondere Faszination von „Wildauge“ machen aber weder Handlung noch das Schicksal der Protagonisten aus, wie es in jenen Jahren wohl Tausende von Menschen in ähnlicher Form erlebt haben. Vielmehr ist es die Sprache, welche die Figuren leben lässt, die Handlung vorantreibt und den Leser gefangen nimmt. Katja Kettu liebt das Spiel mit der Sprache, sie lässt die Menschen in unterschiedlichen Dialekten sprechen und verleiht alten Worten eine neue Bedeutung. Dieser Aspekt ist naturgemäß im finnischen Original noch wesentlich eindrucksvoller als in der ausgezeichneten Übersetzung durch Angela Plöger. Was jedoch bleibt: Allein anhand der Sprache skizziert Kettu die Protagonistin als facettenreiche Persönlichkeit, die im Umgang mit Johannes zärtlich, fast liebevoll spricht, jedoch auch derb bis an die Grenze zum Ordinären sein kann. Die Autorin zeigt so auf einer tieferen Ebene, wie der barbarische Krieg auch die Sprache und die Menschen, die sie sprechen, verrohen lässt.

Auf Spurensuche in der Vergangenheit

Inspiriert wurde die Autorin zu „Wildauge“ von ihrer eigenen Vergangenheit: Als sie die Briefe ihrer Großmutter an deren Töchter las, begann sie sich für diese nach wie vor totgeschwiegene Zeit zu interessieren. Besonders fasziniert hatte Katja Kettu der Optimismus, den die Briefe ausstrahlten. Während des Krieges war ihre Großmutter eine einfache Frau, die als Tresenkraft an vorderster Front arbeitete und dennoch davon träumte, die Welt zu bereisen und Karriere als Schauspielerin zu machen. Auch in dunkelsten Zeiten kann es einen Lichtschimmer am Horizont geben, für den es sich zu leben lohnt.

Mein Fazit

Es ist Katja Kettu gelungen, eine Geschichte von Liebenden zu erzählen, die an den Verhältnissen ihrer Zeit nur scheitern können. Insbesondere für den deutschen Leser bedeutet „Wildauge“ allerdings eine eher harte literarische Kost. Das liegt weniger an der Thematik an sich, sondern daran, dass die Geschichte im Kulturkreis der Lappen spielt, der mitteleuropäischen Lesern nur wenig vertraut ist. Ein ausführliches Glossar mit Erklärungen, das ebenso wie eine kurze Einordnung in den historischen Zusammenhang in der deutschen Übersetzung enthalten ist, bedeutet eine große Erleichterung für den Leser. „Wildauge“ ist exzellente literarische Kost für den anspruchsvollen Leser.

Katja Kettu, Wildauge. Verlag Galiani Berlin, 2014. 

Buchrezis 2014

 

Riikka Pulkkinnen, Die Ruhelose. Oder: Das Leichte im Schweren

Rezensentin: Yvonne Giebels

Der Erstlingsroman der Finnin Riikka Pulkkinnen hat es in sich. Sie spricht Themen an, mit denen ich mich als Leserin nicht gerne beschäftige, wenn ich auf der Suche nach einem unterhaltsamen Roman bin: Tod und Sterben, Sterbehilfe und die herrschende Sexualmoral.

Entscheiden oder zerbrechen

Da ist Anja, Universitätsprofessorin und eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Ihr Mann ist schwer an Demenz erkrankt und hat ihr bereits vor Jahren das Versprechen abgenommen, ihm eines Tages Sterbehilfe zu leisten. Ein Versprechen, das Anja mehr und mehr belastet und an dem sie zu zerbrechen droht.

Da ist Marie, Schülerin der Oberstufe, die ein Verhältnis mit ihrem Literaturlehrer hat und nicht von ihm lassen kann, obwohl sie ahnt, dass dieses Verhältnis ihr nicht gut tut. Anni, die kleine Tochter des Lehrers, sieht und hört viel mehr, als sie in ihrem Alter eigentlich sollte und Julian, der Lehrer, findet aus dem, was anfänglich eigentlich nur als harmloses Spiel gemeint war, nicht mehr heraus. Immer wieder sucht er nach neuen Rechtfertigungen dafür, warum das Verhältnis mit Marie weitergehen sollte.

Die Figuren im Roman von Riikka Pulkkinnen stehen vor einer schweren Entscheidung oder einer Lebenskrise, und erst ein ungewöhnliches oder dramatisches Ereignis führt zu einer Entscheidung. Fast wähnt man sich als Leserin in einer klassischen Tragödie, in der es ja auch erst zu einer Katastrophe kommt, bevor die Figuren sich weiterentwickeln können oder die Handlungsstränge zusammengeführt werden.

Zusammenfügen, was zusammen gehört

Besonders fasziniert hat mich an diesem Roman, dass die Figuren zunächst nebeneinander her zu laufen scheinen. Erst nach und nach verzahnen sich die Geschichten und Personen miteinander und es entsteht ein großes Bild. Anja, die heimliche Hauptfigur des Romans, ist Maries Tante. Anja begegnet der Tochter Julians begegnet und begräbt mit ihr einen toten Igel in einem kleinen Wäldchen. Das berührt mich.

Mein Fazit

Auch wenn Riikka Pulkkinnen in ihrem Roman also schwere Kost serviert, die man als Leserin erst einmal verdauen muss: Es lohnt sich unbedingt, sich auf diesen finnischen Roman einzulassen. Trotz der angesprochenen Themen kommt die Leichtigkeit in diesem Roman nicht zu kurz und zwischendurch ist Schmunzeln durchaus erlaubt. Dass man sich ganz nebenbei mit ethisch-moralischen Fragen beschäftigt, die auch für die deutsche Gesellschaft relevant sind, ist ein durchaus gewollter Nebeneffekt.

Riikka Pulkkinnen, Die Ruhelose. List Hardcover, 2014.

 

„In 10 Schritten…“ – Ratgeber von Madame Missou

Rezensent: Detlef M. Plaisier

Vor einigen Wochen erreichte mich per E-Mail die Anfrage einer gewissen Madame Missou. Sie sei über bloggdeinbuch.de auf mein „tolles Blog“ gestoßen. Sie verfasse „kleine, aber feine Ratgeber“ zu verschiedenen, meist typischen Frauenthemen und vermittle so „schön kompakt in ca. 45 Leseminuten das Wichtigste zum jeweiligen Thema.“ Jüngster Coup ist ein Büchlein, wie Frauen mit der Entdeckung umgehen, sie seien bisexuell. Ich könne ja mal einen Titel anfordern, und sie freue sich „riesig über eine ehrliche Rezension“. Gerne.

Wer ist Madame Bissou?

Damals wusste ich noch nicht, dass sich hinter Madame Missou ein „junger deutscher Verleger“ versteckt; ein Mann, der sich nach eigener Aussage „durch die Kunstfigur Madame Missou und ihre schriftstellerische Arbeit im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung einen tiefen Herzenswunsch“ erfüllen konnte. Eine Veröffentlichung im eigenen Namen sei „schlichtweg nicht denkbar gewesen“. Welch Pathos. So habe ich die Ratgeber „Mehr Selbstbewusstsein in 10 Schritten“ und „10 Schritte für mehr Schlagfertigkeit in jeder Situation“ selber gelesen und zusätzlich einer befreundeten Autorin gegeben. Das Resultat ist enttäuschend für Männer und Frauen, Madame.

Die Inhalte

Schauen wir beispielhaft auf die Verbesserung meiner Schlagfertigkeit. Bis einschließlich Seite acht des Ratgebers lese ich drei Mal „… erfahren Sie später…“. Sollte dies ein Kunstgriff sein, der zum gespannten Weiterlesen anregt, geht das nach hinten los. Ich will sofort wissen, was mir hilft, dafür lese ich ja einen Ratgeber. Fazit des Autors nach acht Seiten: Achten Sie auf Körper, Geist und Seele. Das ist wahrlich nicht neu.

Im Anschluss gibt es drei Soforthilfe-Tipps: Gegenfragen, Lachen, Gehen. Auch nicht neu. Vielleicht die Malstunde danach? Silhouette aufmalen, schöne und weniger schöne Körperstellen markieren und diesen viel Aufmerksamkeit schenken. Der Hobbypsychologe schließt seinen Koffer und es wird sportlich. Balance-Übungen sollen mir zu mehr Standfestigkeit verhelfen. Mit Squash und ähnlichen Ballsportarten wird die Reaktionsfähigkeit trainiert. Entspannung ist das dritte Thema – mit Yoga, einschlägigen Büchern und CDs, auf keinen Fall beim Fernsehen.

Und dann darf ich nochmal zeichnen: Dieses Mal geht es um fünf Säulen, die Lebenswelten darstellen sollen. Spätestens, als dann noch die Ergründung meiner Ängste ansteht, offenbart sich die große Schwäche dieses Ratgebers: Brainstormingfetzen werden ohne roten Faden sprunghaft aneinandergereiht.

Kapitel 5.3 heißt „Schlagfertigkeit kommt von Schlagen“. Vielleicht geht’s jetzt ums eigentliche Thema? Schade, doch nicht. Der verspannte Körper ist verantwortlich dafür, dass wir nicht schlagfertig sind. Also wieder Sport, Yoga und so. Und Atmen lernen. Damit ich redegewandter werde, soll ich Fernsehsendungen kommentieren, egal welche. Desperate Housewives sei Bildungsfernsehen, sagt der Autor, und bespricht als Beispiel „How I met your mother“.

Nun ist’s gut. Ich will jetzt keinen Rat mehr. Soll eine schlecht übersetzte amerikanische Seifenoper weitab vom Original Maßstab für Lebenshilfe sein?

Erwarten Sie bitte nicht, dass ich jetzt noch den Ratgeber von Madame zum Selbstbewusstsein bespreche. Nur soviel: Acht Seiten Vorgeplänkel (auch hier) sind bei einem Umfang von 29 Seiten (die letzten fünf davon Buchtipps, Autorenportrait und rechtliche Hinweise) schlicht zu lang.

Das Fazit

Lesen Sie weiter Frauenzeitschriften und einschlägige Internetforen. Investieren Sie die Lesezeit für beide eBooks in ein hilfreiches Gespräch mit guten Freunden. Ich halte solche Ratgeber für Spinnerei. Das darf man hoffentlich auch sagen, wenn man nicht der Bundespräsident ist.

 

Mechtild Borrmann, Der Geiger

Rezensentin: Cornelia Lotter, https://www.autorin-cornelia-lotter.de

Mechtild Borrmann, Jahrgang 1960, verbrachte ihre Kindheit und Jugend am Niederrhein. Bevor sie sich dem Schreiben von Kriminalromanen widmete, war sie u.a. als Tanz- und Theaterpädagogin und Gastronomin tätig. Für „Wer das Schweigen bricht“ erhielt sie einen Bestseller, der mit dem Deutschen Krimi Preis 2012 ausgezeichnet wurde. Mechtild Borrmann lebt als freie Schriftstellerin in Bielefeld. (Diese Angaben stammen mangels einer Autoren-Website von der Autoren-Seite des Droemer Knaur Verlags.)

Stalinzeit – Lager – Geheimdienst

Eindrucksvoll sind hier die Schilderungen der Lagerhaft des Geigers Ilja Grenko, der wegen einer naiv gestellten Bitte um Begleitung seiner Frau und seiner beiden Kinder zu einer Konzertreise nach Wien in den Fokus der Staatssicherheit gerät und in den Tiefen der berüchtigten Lubjanka verschwindet, um schließlich in einen der zur Stalinzeit zahlreichen Gulags verbracht zu werden. Wer letztendlich dafür verantwortlich ist, dass die Stradivari – ein Geschenk des Zaren – zunächst unauffindbar verschwindet und es mehrere dubiose Todesfälle in der Familie des Geigers gibt, erfährt der Leser erst ganz zum Schluss.

Sippenhaft

Galina, die Frau Iljas und eine bekannte Tänzerin, gerät durch die unterstellte Fluchtabsicht ebenfalls mit ihren Kindern in existenzielle Nöte. Sie wird nach Kasachstan verbannt, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen für den überlebensnotwendigen Unterhalt für sich und ihre Kinder arbeiten muss. Sie glaubt der Lüge, ihr Mann habe sich abgesetzt und habe sie und die Kinder im Stich gelassen. Bei all den Grausamkeiten, denen Galina und ihr Mann im Lager bzw. der Verbannung ausgesetzt sind, gibt es doch immer wieder auch Menschen, die diese Bezeichnung verdienen. Das sind die Stellen im Buch, die am meisten berühren. Gerade, weil das unmenschliche System jegliche Menschlichkeit auszurotten imstande und im Begriff ist.

Der Enkel des Geigers

In einem zweiten Erzählstrang wird vom Enkel Ilja Grenkos erzählt, der in Deutschland lebt und nach langen Jahren Kontakt zu seiner Schwester aufnehmen will. Diese wird jedoch vor seinen Augen erschossen und Sascha beschließt, die Hintergründe für all die merkwürdigen Todesfälle zu erforschen. Seine Suche beginnt mit einem Abschiedsbrief, geschrieben an einem der letzten Tage seines Großvaters im Lager in Workuta, und sie führt ihn weit hinein in eine Welt aus Ehrenkodizes, Lügen und Verwicklungen, in der nichts so ist, wie es scheint.

Fazit

Unzweifelhaft ein empfehlenswerter Roman. Für mich waren die Passagen über Galinas und Iljas Leben, die auch den größten Raum im Buch einnehmen, die stärksten. Es fiel mir manchmal schwer, das Umschalten von dieser Vergangenheit zur neuen Erzählzeit in der Gegenwart zu bewältigen. Außerdem verwirrte mich stellenweise das „Personal“ und dessen Beziehungen im Gegenwärtigen. Die Jagd nach der Geige und die der Mafia entstammenden Figuren und deren Handlungsweisen schienen mir oft zu aufgesetzt und übertrieben. Etwas weniger wäre in diesem Fall mehr gewesen und hätte dem Roman in seiner Gesamtheit sicher gut getan.

Mechtild Borrmann, Der Geiger. Droemer HC, 2012.

 

 

Buchrezis 2014

 

Sherko Fatah, Der letzte Ort

Rezensentin: Dorothee Bluhm, https://www.wortparade.de

Albert, ein Deutscher, sieht sich selbst als Aussteiger, ist aber mehr auf der Flucht vor dem Trübsal seines Vaters, der mit dem Untergang der DDR vor knapp 25 Jahren nicht zurechtkommt. Und nun hat Albert einen Fehler gemacht: Er ist in der irakischen Wüste aus dem klimatisierten Geländewagen gestiegen. Ehe er sich versieht, zieht jemand ihm und seinem irakischen Dolmetscher Osama Säcke über die Köpfe, wirft sie in ein Auto und entführt sie. Nun beginnt eine Odyssee, in deren Verlauf die Entführten von Gruppe zu Gruppe weitergegeben werden, sich verlieren, wieder finden, fliehen, wieder gefangen werden, sich gegenseitig misstrauen und doch wieder Freunde werden, weil es einfach keine anderen Freunde gibt in dieser feindlichen, heißen und trockenen Welt.

Machtspiele

Wer genau hinter den Entführungen steckt, was eigentlich das Ziel der Entführer ist, wird nie so recht deutlich in diesem Buch von Sherko Fatah. Die verhüllten Männer spielen mit ihren Gefangenen, misshandeln sie und lassen Albert und Osama in einem permanenten Zustand der Angst. Da Albert die Sprache nicht versteht, ist er auf Osama als Dolmetscher angewiesen. Doch als sich herausstellt, dass Osama mit einem der Anführer früher einmal zusammengearbeitet hat, wächst das Misstrauen, und die Welt um Albert herum verliert die gewohnten Konturen. Nichts ist wie es scheint, Albert versteht die Hintergründe und Überzeugungen seiner Entführer nicht, kann Osama nicht durchschauen, schwimmt zwischen Resignation und Tapferkeit. In den langen Stunden ihrer Gefangenschaft erzählen sich der Deutsche und der Iraker aus ihren Leben, ihrer Jugend, aber schnell wird deutlich, dass beide Welten viel zu verschieden sind, und so versteht auch hier wieder einer den anderen nicht. Dieses vage Mäandern zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen den Welten, zwischen Alberts gestörter Familiensituation und der verstörenden Entführung, Angst vor dem Tod und Angst vor dem Leben bestimmen weite Teile des Romans. Wer oder was die Oberhand gewinnen wird, ist bis zum Schluss offen.

Ein prophetisches Buch?

Es scheint, als wäre die Realität im Jahr 2014 in diesem Buch vorhergesagt oder als habe sie den Autor während des Schreibens eingeholt und überholt. Die ganze Verzweiflung und Zersplitterung im Irak wird deutlich in der Rede des ‚Emir‘, der am Ende der Entführungskette steht. Dieser erklärt explizit, wie sich seine Terrorgruppe die Zukunft des Landes vorstellt: Nicht nur sollen „die Kreuzfahrer, die Amerikaner und Briten, die hier hereingeströmt sind“ komplett vernichtet werden, sondern auch alle weiteren „Ketzer, die das Antlitz des wahren Glaubens verschandeln“ – in seinen Augen Christen, verwestliche Kurden, Schiiten und Kollaborateure.

Mit dieser flammenden Rede greift Sherko Fatah erschreckend hellsichtig dem Terror vor, der 2014 zur grausamen Realität wird: Entführte und vor laufender Kamera hingerichtete Journalisten, IS-Milizen, die Christen in die Enge treiben und verhungern lassen, bis hin zu aktuellen Terror- und Hinrichtungsdrohungen in Australien.

Doch woran liegt es, dass der Autor ein so erschreckend wirkliches Bild in seinem Roman zeichnen konnte? Vielleicht an seiner Herkunft: Fatah ist der Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen, der seine ersten elf Lebensjahre in der DDR verbrachte und den Kontakt zu seiner irakischen Familie mit regelmäßigen Besuchen aufrecht erhielt. Oder liegt es vielmehr daran, dass der Rest der Welt Augen und Ohren verschlossen hat vor allen religiösen und ideologischen Überzeugungen, die im Irak wie ein Lauffeuer um sich greifen?

Keine Hilfe

Der letzte Ort zieht den Leser mit in den Strudel aus Gewalt und Hilflosigkeit und gestattet viele Einblicke in Leben, Denken und Planen der verschiedenen Terrorgruppen im Irak. Man bekommt ein gewisses Verständnis für das Feuer, das in den Terrorführern brennt, die Überzeugung, das Richtige zu tun und den Willen, ihre Auffassung von Religion und Lebensweise als einzig wahre durchzusetzen – mit so viel Gewalt wie nötig. Mir persönlich blieben die Figuren trotz aller Rückblenden in ihr vergangenes Leben oder Darstellungen der todbringenden Überzeugungen ein wenig zu flach, unnahbar, so dass ich keine wirkliche Beziehung aufbauen konnte und die Odyssee der Protagonisten teilweise merkwürdig unberührt verfolgt habe.

Trotz aller detaillierten Einblicke bietet das Buch keine Ausblicke, keine Lösungen, keine Hilfe oder wenigstens Hoffnung und schafft so eine weitere Parallele zur aktuellen Situation im Irak.

Sherko Fatah, Der letzte Ort. Luchterhand, 2014.

 

Richard Surface, Das Vermächtnis – schlechte Thriller-Kost

Rezensent: Harry Pfliegl

Eigentlich hat „Das Vermächtnis“, der Erstling des US-amerikanischen Autors Richard Surface, alles, was einen guten Thriller ausmacht: Einen vielversprechenden Einstieg mit einem mysteriösen Mord und einen halbwegs sympathischen Protagonisten, der den Behörden nicht traut und den Mord an seinem Großvater selbst lösen will. Dazu kommen komplexe Handlungsstränge, die sich um verschollene Kunstwerke ranken. Doch nach einem gelungenen Beginn offenbaren sich zunehmend handwerkliche Schwächen, die „Das Vermächtnis“ zu einem Roman machen, den auch hartgesottene Fans des Genres nicht wirklich gelesen haben müssen.

Die Handlung

Gabriel träumt davon, eines Tages Brücken zu konstruieren. Da er an Dyslexie leidet, scheitert sein Ingenieursstudium. Unvermittelt wird er in die Welt des internationalen Kunst-Schwarzmarktes gestoßen: Sein Großvater wird brutal ermordet und hinterlässt seinem Enkel nebst einem Bungalow in Lech eine mysteriöse Statue, die er jedoch erst finden muss – zusammen mit weiteren verschollenen Kunstwerken. Diese sollten einem illustren Kreis von millionenschweren Sammlern gehören, deren Glanzstücke eben verschollene Kunstwerke darstellen.

Obwohl Schauplätze als auch Charaktere etwas platt gezeichnet sind, gelingt es Richard Surface im ersten Teil des Romans, Spannung aufzubauen. Von der literarischen Qualität eines Dan Brown oder anderen Verschwörungstheoretikern trennen Surface zwar noch Welten. Doch zumindest ist der Leser so gefesselt, dass er erfahren möchte, wie die Geschichte endet.

Ein Bruch in der Handlung

Das ändert sich etwa ab Kapitel 25: Surface versucht, die zahlreichen Handlungsstränge miteinander zu verflechten und präsentiert eine rasante Wendung nach der anderen, wobei er sich auf ein früheres Detail-Ereignis bezieht. Das mag stilistisch durchaus beabsichtigt gewesen sein, wirkt aber auf den Leser eher so, als habe der Autor beim Schreiben gedacht: „So komm ich nicht zum Schluss, na, dann probier ich’s mal so!“ Das ist umso auffälliger, als sich die Taktung der Wendungen zum Schluss hin massiv steigert.

Negativ fällt außerdem auf, dass Richard Surface nicht allzu viel Zeit auf die Recherche aufgewendet zu haben scheint und einige Szenen extrem unglaubhaft schildert. Da ist zum Beispiel ein Profikiller, der Gabriel auf einem Platz in Florenz mit einem Gewehr ins Jenseits befördern möchte, jedoch nicht trifft. Gabriel hingegen benötigt als ungeübter Schütze mit einer Handfeuerwaffe nur wenige Schüsse, um den Killer zu verwunden.

Platte Beschreibungen fragwürdig übersetzt

Surface gelingt es weder, den handelnden Personen Tiefe zu geben, noch die Schauplätze lebendig werden zu lassen. Ersteres ist schade, muss aber nicht negativ gewertet werden, weil das der Leser in diesem Genre nicht zwangsläufig erwartet. Schwerer wiegt, dass die Beschreibungen der verschollenen Kunstwerke und der Schauplätze äußerst dürftig ausfallen und bestenfalls schwammige Bilder im Kopf des Lesers erzeugen. In diesem Zusammenhang fällt auch die allenfalls oberflächliche Recherche auf. So stuft Surface den Nachlass von Gabriels Großvater bis auf die erwähnte Statue als eher dürftig ein. Teil des Vermächtnisses ist jedoch ein Bungalow in Lech. Nachdem es sich bei der 1.600-Einwohner-Gemeinde um einen der mondänsten Wintersportorte im gesamten Alpenraum handelt, dürfte allein schon diese Immobilie einen sechs- bis siebenstelligen Wert haben.

Die deutschsprachige Übersetzung dürfte die Qualität des Buches noch zusätzlich mindern. Es sind vor allem Kleinigkeiten, die hier sauer aufstoßen. Beispielsweise nennt Zoë Beck die Florentiner konsequent Florenzer und lässt einen Polizeibeamten im Rahmen einer offiziellen Vernehmung von der ermordeten Haushälterin als Christel sprechen. Dass ein Polizeibeamter in offizieller Funktion grundsätzlich den Taufnamen (im Falle Christel also Christine oder Christiane) benutzt, sollte eine preisgekrönte Krimiautorin wissen.

Als Fazit bleibt:

Schade um die gute Idee. Richard Surface hat zweifellos das Zeug, um gute Unterhaltungsliteratur zu schreiben. Vor weiteren Veröffentlichungen könnte aber die Teilnahme an einem Kurs in Creative Writing nicht schaden. Denn dass „Das Vermächtnis“ eher nicht empfehlenswert ist, liegt in erster Linie am unrunden Spannungsbogen und dem fehlenden Tiefgang.

Richard Surface, Das Vermächtnis. Acabus Verlag, 2014. 

 

 

Buchrezis 2014

 

Ulla-Lena Lundberg, Eis – ein Drama voller Hoffnung

Rezensent: Harry Pfliegl

Wer den Klappentext des Romans „Eis“ der schwedisch-finnischen Autorin Ulla-Lena Lundberg liest, dürfte im ersten Moment eher abgeschreckt sein. Der deutet eher auf ein Heimatmelodram in bester Konsalik-Manier oder eine blutrünstige Story hin, welche Horror-B-Movies aus den 1970er Jahren zum Vorbild haben könnte. Was den Leser tatsächlich erwartet, wird jedoch nicht angedeutet: Ein einfühlsames Drama voller Hoffnung, das in einer Zeit angesiedelt ist, als ganz Europa in Trümmern lag.

Die Handlung

Die Autorin erzählt aus der Sicht des allwissenden Erzählers die Geschichte des Geistlichen Peter Kümmel und seiner Familie auf den Örar-Inseln kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Obwohl die Inseln irgendwo im Nirgendwo zwischen Schweden und Finnland liegen, hat der Krieg auch hier seine Spuren hinterlassen. Etwa in Form von Frau Doktor Gyllen, deren sowjetische Abschlüsse in Finnland nicht anerkannt werden, weshalb sie auf den Inseln als Hebamme arbeitet, bis sie einen regulären finnischen Abschluss erworben hat. Die Bevölkerung hat keine Ahnung, welches dunkle Geheimnis Frau Doktor mit sich trägt: Nachdem ihr Mann von Stalins Schergen verhaftet worden war, hatte sie ihren Sohn zurückgelassen und war aus der Sowjetunion geflüchtet. Sie vertraut sich lediglich Peter Kümmel an, nachdem dieser eine feste Autorität in der Kirchengemeinde geworden ist.

Aufgenommen wird der neue Pfarrer, der jedoch erst noch die Abschlussprüfung bestehen muss, bevor er als vollwertiger Pfarrer anerkannt ist, von der Gemeinde herzlich. Vor allem der Küster und der Kantor, die später zu den besten Freunden der Kümmels auf der Insel werden sollen, sind ihm anfangs eine wichtige Stütze. Schließlich ist die Gemeinde auf den Inseln trotz des scheinbaren Zusammenhalts tief in zwei Fraktionen gespalten, sodass der Pfarrer stets zu einem gerechten Ausgleich zwischen den Siedlungen im Westen und im Osten der Inseln bedacht sein muss.

Es gelingt der jungen Pfarrersfamilie schnell, sich auf den Inseln einzuleben und sich dank der landwirtschaftlichen Kenntnisse von Mona Kümmel die Grundlage für bescheidenen Wohlstand zu schaffen. Obwohl Mona bisweilen eifersüchtig auf die Gemeinde ist, die ihren Gatten allzu sehr in Beschlag nimmt, scheint dem Glück der Familie trotz einiger Schwierigkeiten und Rückschläge auf den Örar-Inseln nichts im Wege zu stehen. Ein einziger unbedachter Augenblick bereitet dem Glück der jungen Familie jedoch ein jähes Ende.

Ein Zeitsprung für den Leser

Mit „Eis“ gelingt es Ulla-Lena Lundberg, ein fulminantes und dennoch einfühlsames Stück jüngerer Vergangenheit anhand der Schicksale einzelner Personen zu erzählen. Sie beschreibt nüchtern in einem Stil, der dem gemächlichen Lebensrhythmus der Inselbewohner angepasst wird. Lundberg verzichtet auch in dramatischen Momenten auf jegliche Melodramatik, was ihre Figuren umso plastischer und lebendiger erscheinen lässt. Sie beschreibt Episoden aus dem Leben ihrer Figuren, die einfach nur ihr Leben leben wollen. Geschickt lässt sie einige historische Fakten einfließen, die den Leser nicht überfordern, aber einen Einblick in die alltäglichen Herausforderungen geben, denen sich die Menschen in den ersten Jahren unmittelbar nach der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts stellen mussten.

Mein Fazit

„Eis“ ist ein rundum gelungenes Werk, das den Leser von der ersten bis zur letzten Seite gemächlich in seinen Bann zieht. Ein ideales Buch also für warme Winterabende vor dem flackernden Kaminfeuer.

Ulla-Lena Lundberg, Eis. Mare Verlag, 1. Auflage August 2014.

 

Philip Teir, Winterkrieg. Oder: Mittelstand ist Abgebrannt.

Rezensent: Harald Wurst

Hieno! Das ist Finnisch für in etwa: „Wunderbar“. Und damit will ich gleich mal den besten ersten Satz eines Buches feiern, den ich seit langem gelesen haben: „Den Hamster der Enkelkinder einzufrieren war der erste Fehler, den Max und Katriina in diesem Winter begangen hatten – weitere sollten folgen.“

In diesem Sinne: Willkommen im Winterkrieg! Ein Wort, welches für das finnische Selbstverständnis bis heute einen zentralen Topos darstellt (als Kampf der Finnen gegen die Sowjets 1939 bis 1940 mit Beginn der fatalen Annäherung an Nazi-Deutschland). Auf metaphorischer Ebene wird der Begriff nun zum programmatischen Titel des neuen Romans von Philip Teir. Geboren 1980 in Pietarsaari, studierter Philosoph, praktizierender Journalist und derzeit als einer der bedeutendsten Nachwuchsautoren Finnlands gehandelt. Sein Anspruch ist freilich, dieses Lob deutlich über die Grenzen Skandinaviens hinaus zu rechtfertigen.

Gibt es paneuropäischen Mittelstand? Klar doch, sagt Phillip Teir. Denn er hat ihn ausgesprochen gut beobachtet und beschrieben. Sein Protagonist Max ist Soziologieprofessor und steht kurz vor seinem 60. Geburtstag. Eine unangenehme Aussicht, in jeder Hinsicht. Seine Frau Katriina ist zwar Mutter der gemeinsamen Töchter Helen und Eva, doch weder Gespräche noch Sex führen mittlerweile zu beidseitigem Vergnügen. Diese zwischen beiden schmerzhaft klar gezeichneten Stille oder auch der quälende „Alles-Vorbei- bzw. Was-wäre-wenn-Modus“ wird von Philip Teir für mein Empfinden weniger typisch finnisch als vielmehr schon in angelsächsischer Manier erzählt und fokussiert. Die Töchter sind allerdings ein wenig klischiert angelegt. Helen hat Kinder… und bleibt Finnin. Die schöne Eva dagegen versucht es mit Kunst in London und wird, oh Wunder der dramaturgischen Volte, fast schwanger von ihrem Professor. Als Max dann noch seine absehbare Affäre mit einer Journalistin startet, läuft die Geschichte im bitterkalten Winter von Helsinki auf ihren Showdown zu.

Soweit der grobe Rahmen. Die beachtliche Kunst von Philip Teir zeigt sich aber eindeutig in seiner klaren und so gut wie in jedem Satz folgerichtig schlüssigen, ja fast schon erbarmungslos zielgerichteten Sprache. Hier wird ein grenzübergreifend systemimmanentes Missverständnis des modernen Mittelstands chirurgisch präzise ausgezirkelt und in den Protagonisten gespiegelt. Die Illusion einer alters- wie geschlechtslosen und vom Ort unabhängigen Identität zeigt sich als paradoxes Versprechen, das sich niemals einlösen lässt – dem aber trotzdem jeder auf seine Art gern aufsitzt.

Alles in allem: Ein sehr fein beobachtetes europäisches Sittengemälde unserer Zeit von Meister Teir, das gern auch neben Werken seines britischen Kollegen Ian McEwan in meinem Regal zu stehen kommt.

Philip Teir, Winterkrieg. Karl Blessing Verlag, 2014.

 

Teresa Toten, Der ungewöhnliche Held aus Zimmer 13 B

Rezensentin: Yvonne Giebels

Ist der Herd ausgeschaltet? Die Tür auch wirklich abgeschlossen? Jeder kennt solche eigentlich harmlosen Gedanken. Schlimm wird es jedoch, wenn solche Gedanken zu zwanghaften Handlungen werden, die man zwar als solche erkennt, gegen die man aber machtlos ist. „Zwangsneurose“ heißt das Krankheitsbild, an dem in Deutschland offiziell bis zu drei Prozent der Jugendlichen leiden.

Die anderen sind viel bekloppter

Eigentlich kein Thema für ein Buch, erst recht nicht für ein Jugendbuch? Doch, meint die kanadische Autorin Teresa Toten. Und so spielt in ihrem neuen Jugendbuch „Der ungewöhnliche Held aus Zimmer 13 B“ der 14jährige Adam Spencer Ross die Hauptrolle. Der hat eigentlich genug Probleme am Hals. Er ist 14, seine Eltern haben sich getrennt, sein kleiner Bruder hängt wie eine Klette an ihm und die Sammelleidenschaft seiner Mutter, bei der er wohnt, wird zunehmend zum Problem. Zwangsneurosen, wie das zwanghafte Zählen oder bestimmte Rituale, die er durchführen muss, bevor er eine Türschwelle überschreiten kann, kann er da wirklich nicht brauchen. Ein Trost ist ihm lediglich, dass die anderen Jugendlichen aus seiner Therapiegruppe in Zimmer 13 B „noch viel bekloppter sind“ als er.

Batman und Robin

Doch dann passiert es: Robyn betritt den Raum und Adam ist verloren. Zum ersten Mal ist er bis über beide Ohren verliebt. Für Robyn will er alles tun – sogar daran arbeiten, dass seine Zwangsneurosen verschwinden und er wieder „normal“ wird. Er wählt in der Therapiegruppe die Rolle des „Batman“, des dunklen Superhelden aus Gotham City, der alle anderen beschützt. Eine Rolle, die ihm liegt, denn tatsächlich gibt genau er der Therapiegruppe den notwendigen Rückhalt, auch wenn er es selber gar nicht merkt. Doch am Ende nützt es alles nichts. Sich selber kann Adam nicht beschützen, und so verlangt ihm seine Rolle als Batman zwei Entscheidungen ab, die er eigentlich nie im Leben treffen wollte…

Auch für Erwachsene lesenswert

Mit „Der ungewöhnliche Held aus Zimmer 13 B“ ist Teresa Toten ein Jugendbuch gelungen, das gleichzeitig einfühlsam und urkomisch ist und mich als erwachsene Leserin schmunzelnd an meine eigene Teenagerzeit zurückdenken lässt. Dazu passt, dass es am Ende des Buches nur ein „halbes Happy End“ gibt, ich aber trotzdem das Gefühl habe, dass alles wieder gut werden könnte…

Mein Tipp: Das Buch ist auch für Erwachsene unbedingt lesenswert!

Teresa Toten, Der ungewöhnliche Held aus Zimmer 13 B. cbt, 2014.

 

Katja Kettu, Wildauge

Rezensentin: Cornelia Lotter, https://www.autorin-cornelia-lotter.de

Katja Kettu, Jahrgang 1978, studierte Kunst, Finnländische Literatur und Medienkultur und arbeitet als Animatorin, Sängerin und Schriftstellerin und Kolumnistin. „Wildauge“ ist ihr dritter Roman. Für ihre Romane erhielt sie zahlreiche Preise.

„Liebe in ihrer Grausamkeit schert sich weder um Alter noch um Rasse.“ (Seite 359)

Der Inhalt

Die finnische Hebamme, von der einheimischen Dorfbevölkerung nur „Scheelauge“ (Schielauge?) genannt – und das ist keineswegs nett gemeint – ist eine etwas kauzige, im Umgang mit Heilkräutern versierte und mit den Zumutungen des kargen Lebens vertraute Frau. Nicht mehr ganz jung, bereits jenseits der dreißig, und noch nie von einem Mann „entdeckt“. Bei einer Entbindung begegnet sie Johannes Angelhurst, einem traumatisierten, von Medikamenten abhängigen SS-Offizier, der die Frauen in seiner Aufgabe als Fotograf nicht nur fotografiert, sondern auch benutzt, wie es sich gerade ergibt. Sie verfällt ihm augenblicklich und hat fortan nur ein Ziel: ihn für sich zu gewinnen. Um dieses Ziel zu erreichen, folgt sie ihm in das Kriegsgefangenenlager Titowka. Dort ist ihre Aufgabe zunächst die gesundheitliche Betreuung dieser Gefangenen. Bei einem Ausflug ins Umland, an den Fjord des Toten Mannes, kommen sich Wildauge – wie die Hebamme von Johannes genannt wird, aus dessen Perspektive einige Kapitel erzählt werden – und der SS-Offizier, der von den Geistern der von ihm in Babi Jar mit ermordeten Juden verfolgt wird, näher. Nachdem Finnland vom Verbündeten der Deutschen zu ihrem Feind geworden ist, erlebt Wildauge die Grausamkeit im Lager am eigenen Leib.

Die Sprache

Katja Kettu benutzt eine starke poetische Sprache, in der die Natur eine große Rolle spielt (wie auch im Leben des finnischen Volkes). Mit treffenden Worten gelingt es ihr, die vielen merkwürdigen Gestalten dieses Romans zu charakterisieren und lebendig werden zu lassen. Die Sprache selbst ist hier ein Naturereignis, sie überrollt den Leser wie eine Woge, saugt ihn ein und entlässt ihn wieder als ein anderer Mensch. Neue Wortschöpfungen, ungewohnte Verknüpfungen und Metaphern, Sprache gegen den Strich gebürstet. Dabei schießt Katja Kettu allerdings manchmal über das Ziel hinaus, etwa wenn es auf Seite 31 heißt: „Aunes Stimme war weiches Fleisch, unter dem sich ein gusseiserner Schürhaken langsam verbiegt.“ Oder auf Seite 68: „…und ein Tropfen Spucke war anmutig in den Wollstoff eingezogen.“ Dort, wo sexuelle Handlungen beschrieben werden, ist die Sprache oft zu derb. So störte mich zum Beispiel das häufig vorkommende Verb „bespringen“, das in vielen Fällen unpassend war. 

Mein Fazit

Ein unbedingt empfehlenswerter Roman, der niemenaden kalt lässt. Katja Kettu polarisiert durch die Art und Weise, wie sie ihre Figuren durch dieses dunkle Kapitel der Geschichte stolpern lässt. Mir fiel es die meiste Zeit schwer, Sympathie für einen der beiden Protagonisten aufzubringen. Sie werden getrieben von Feigheit, Besitzdenken und Angst, und nur manchmal spürt man auch einen Hauch jener Menschlichkeit, ohne die dieses Buch eine Zumutung wäre.

Katja Kettu, Wildauge. Verlag Galiani Berlin, 2014.

Buchrezis 2014

 

Sophie Sumburane, Gefährlicher Frühling. Oder: Wenn Politik unter die Haut geht

Rezensent: Harry Sochor

Regionalkrimis dürften allmählich ihren Zenit überschritten haben – zumindest dann, wenn der Autor seine Story nicht mit einem grundlegend neuen Aspekt anreichert, wie es Sophie Sumburane bei ihrem zweiten Krimi „Gefährlicher Frühling“ gelungen ist. Sie meistert den Kunstgriff, einen Mordfall in einem Leipziger Ingenieurbüro mit den Geschehnissen des Arabischen Frühlings zu verknüpfen. Dieser Brückenschlag via illegale Waffentransporte gelingt ihr fast hervorragend. Nur fast hervorragend deshalb, weil der Roman erzählerische Schwächen aufweist, die den aufmerksamen Leser stören. Doch die Story funktioniert, wirkt nicht konstruiert und macht „Gefährlicher Frühling“ zu einem nicht leicht verdaulichen Stück leichter Unterhaltung.

Die Gretchenfrage: Wer war der Mörder?

Die Protagonistin, Kommissarin Charlotte Petzold, wird zu einem Mordfall in einem Ingenieurbüro gerufen, in dem die Chefin Hanna Stieg durch einen Kopfschuss regelrecht hingerichtet wurde. Ganz oben auf der Liste der Verdächtigen steht ihr Lebensgefährte, der sich von ihr trennen möchte, weil er sich zum Hausmännchen degradiert fühlt. Weil er zudem eine Affäre mit Petzolds Kollegin hat, muss diese gezwungenermaßen im Team mit dem jungen Kollegen Mario Lasslo ermitteln.

Eher zufällig stoßen die Ermittler auf Fotos von Waffen, ein verstecktes Konto im Ausland und einen ägyptischen Ingenieur, dessen Rolle in diesem Fall zunächst mehr als mysteriös ist. Die Vermutung, dass hinter diesem Mord weitaus mehr steckt als ein Eifersuchtsdrama, liegt also nahe. Offensichtlich werden über das scheinbar saubere Ingenieurbüro Waffen an die Machthaber in Ägypten verschoben, die damit die sich anbahnenden Aufstände niederschlagen. Dieser Verdacht erhärtet sich erst recht, als Charlotte Petzolds Chef auf offener Straße von einem Unbekannten erschossen wird.

Die Erzählweise

Sophie Sumburane erzählt „Gefährlicher Frühling“ in zwei parallel verlaufenden Handlungssträngen. Die Haupthandlung schildert den Fortschritt der Ermittlungen im aktuellen Mordfall, während der zweite Erzählstrang zwei Jahre weit in die Vergangenheit zurückreicht. Darin wird die Geschichte von Kalem Ryshad erzählt, der nach dem Tod seines Vaters in die Fänge von Mubaraks Schergen gerät und vor die Wahl gestellt wird, gefoltert zu werden oder selbst zum Folterknecht zu werden. Erst zum Finale hin laufen die beiden Erzählstränge zusammen und präsentieren ein überraschendes Ende.

Die Schwächen des Romans

Grundsätzlich bietet „Gefährlicher Frühling“ eine sehr viel bessere Story als jede beliebige Krimiserie und die meisten Blockbuster. Die einzelnen Kapitel der verschiedenen Handlungsstränge sind etwas knapp gehalten, sodass der Leser gedanklich häufig hin und her springen muss, was es schwierig macht, das Buch an einem Wochenende in einem Zug zu lesen. Wünschenswert wäre in diesem Zusammenhang auch eine knappe Zusammenfassung über die Ereignisse während des Arabischen Frühlings, insbesondere in Ägypten. Die Autorin setzt beim Leser Hintergrundwissen voraus, welches auch ein politisch interessierter Leser aufgrund des zeitlichen Abstandes nicht vollständig haben kann.

Darüber hinaus führt die Autorin zu viele Figuren im Umfeld der Protagonistin ein, die dann keine Rolle mehr für den Fortgang der Handlung spielen. Ebenso wie die Hauptcharaktere wirken diese insgesamt eher stereotyp. Das gilt auch für die Kommissarin Charlotte Petzold. Der Leser erfährt einiges über ihr Privatleben und ihr latentes Alkoholproblem, was die Figur aber dennoch nicht lebendiger wirken lässt.

Fazit

Die Story von „Gefährlicher Frühling“ hätte in den Nebenhandlungen noch weiter ausgebaut werden müssen, um der Geschichte mehr Atmosphäre und Tiefe zu geben. Rund 280 Seiten sind zu knapp, um eine Geschichte mit Verknüpfungen zu weltpolitischen Ereignissen so zu konstruieren, dass sie dem anspruchsvollen Leser gerecht wird.

Sophie Sumburane, Gefährlicher Frühling. Pendragon Verlag, 1. Auflage 2014.

 

Sofi Oksanen, Als die Tauben verschwanden. Oder: Volksseelenwanderung

Rezensent: Harald Wurst

Liebe Leserinnen und Leser: wohl selten war es so wertvoll, auf meine Meinung einen Dreck zu geben. Denn was jetzt kommt, könnt ihr glauben oder auch nicht. Mit diesem Buch tue ich mich nämlich sehr sehr schwer. Und mit der Besprechung dazu fast noch mehr.

Normalerweise startet man als Rezensent ja vorurteilslos frei ins Lesen eines Romans, oder sollte es zumindest versuchen. Das hier in der Kritik stehende Werk von Sofi Oksanen wurde mir allerdings schon vorab in mehreren TV-Kritikerrunden und noch mehr Feuilletons dermaßen wortgewaltig und tiefschürfend um die Ohren gehauen, dass eine objektive Beschäftigung mit Form oder Inhalt keine realistische Option war. Warum? Weil ich den schärfsten Lästereien über diese Prosa fast uneingeschränkt zustimmen muss. Vom Start weg und in allen Punkten.

Aber Vorsicht! Dieses Buch ist auch ausgesprochen konsequent! In seiner Diktion. In seinem Impetus. Und ja, auch in seiner ganz eigenen Wahrhaftigkeit. Und eben das kann vielen Lesern ausgesprochen gut gefallen. Anderen dagegen ganz und gar nicht. Zu den Letzteren gehöre ich.

Die Fakten: 1941 wird Estland von der Wehrmacht okkupiert. Die Soldaten fangen reichlich Tauben, um sie zu essen. Der Titel ist damit geboren. Der Plot behandelt den Lebensweg von drei zentralen Protagonisten: Edgar mit seiner unausgelebten Homosexualität ist opportunistisch bis zur Skrupellosigkeit; Juudith, seine Frau verliebt sich in den SS-Hauptsturmbannführer Hertz; und Roland, Vetter von Edgar, gibt den aufrechten Freiheitskämpfer. Stoff für Verwicklungen ist damit reichlich gewoben. Diese werden aus wechselnden Perspektiven beschrieben. Und nach den Nazis kommen die Sowjets. Deren Besatzungszeit bereitet die Bühne für die zweite Erzählebene und neuerliche “Charakterprüfungen“ der Figuren, angesiedelt in den Neunzehhundertsechzigerjahren in der Baltischen Sowjetrepublik. Wobei generell, ob 1944 oder 1966, die tiefere Gestaltung der Charaktere zugunsten der Handlungsstränge leider auf der Strecke bleibt.

Zum Erzählstil: hier muss ich den meisten Kritikern beipflichten. Insbesondere die Tonalität aus Perspektive von Juudith spielt schon fast ins Unerträgliche. Schwülstige Schöpfungsschilderungen treffen auf völkische Fantasien. Blut und Boden Symbolik feiert fröhliche Urständ. Nation und Natur werden zur Legitimation einer nordischen Identität, die sich dem Spielball der Geschichte so gut es eben geht zu erwehren versucht. Kann man ja machen. Und ich weiß aus eigenen Besuchen in Estland, dass die Angst dieses Landes vor einer erneuten Fremdherrschaft, ganz gleich von welcher Ideologie befeuert, einen Grundton des Alltagsbewusstseins vieler Menschen dort bildet. Ich persönlich mag es allerdings nicht so „allegorisch überdeutlich und melodramatisch süß“ – um hier mal den Kritiker der Süddeutschen Zeitung zu zitieren.

Unbestritten freilich hat Frau Oksanen, Jahrgang 1977, mit ihrer Herkunft den richtigen Background für diesen literarischen Versuch: sie ist Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters. Und ganz bestimmt werden viele Leser den Stil des Romans für sich auch sehr stark als zu Herzen gehend, poetisch, vielstimmig und lebendig erleben. Ich empfand es in großen Teilen halt einfach bloß als nationalistischen Kitsch – bin aber eben auch weder Este, noch Russe oder habe jemals in irgendeiner Armee gedient. Und zumindest Letzteres war meine eigene Entscheidung.

Sofi Oksanen, Als die Tauben verschwanden. Kiepenheuer & Witsch, August 2014.

 

Ted Thompson, Land der Gewohnheit. Oder: Die Demaskierung des American Dream

Rezensentin: Dorothee Bluhm, https://www.wortprade.de

Anders und Helene führen nach außen ein typisch amerikanisches Leben: Haus mit Garten, zwei erwachsene Söhne, ein seit Jahren befreundetes Ehepaar, Erfolg im Beruf (Anders) und ehrenamtliches Engagement (Helene). Trotzdem bricht Anders aus dieser scheinbaren Idylle aus, reicht die Scheidung ein, sorgt bei der jährlichen Weihnachtsparty der Freunde für einen Eklat und arrangiert sich in seinem neuen Leben als Single. Bald registriert er allerdings, was er aufgegeben hat und will reumütig zurückkehren. Warum das nicht möglich ist und was überhaupt zu Anders‘ Ausbruch führte, deckt Ted Thompson nach und nach auf und sorgt wie ein Chirurg, präzise und schmerzhaft, für eine Demaskierung des American Dream.

Der Schmerz des Aufwachsens

„Erwachsensein bedeutete genau das, oder? Eine Welt zu schaffen, die ein klein bisschen besser war als die, in die man selbst hineingeboren worden war.“

Wäre das möglich, lebten wir alle in einer perfekten Welt. Doch selbst, wenn wir die scheinbaren Fehler unserer Eltern nicht wiederholen, machen wir doch andere – eine Erkenntnis, der auch Anders sich stellen muss.

Sein Leben lang versucht Anders, aus dem mächtigen Schatten seines erfolgreichen und unnahbaren Vaters herauszutreten, sein spießiges und distanziertes Elternhaus abzustreifen, und schafft doch, auf seine eigene Weise, eine ebenso spießige Vorort-Idylle mit entfremdeten Söhnen. Der ältere Sohn, Tommy, wiederholt genau dieses Muster und lebt zielstrebig und erfolgreich mit Frau und Kindern in einem hübschen Haus, während der jüngere Sohn, Preston, sein Leben scheinbar überhaupt nicht im Griff hat und sich in der Welt von Drogen und Kleinkriminalität bewegt.

Welche Beziehung und welches Lebensmodell Ted Thompson auch beleuchtet, es bröckelt überall und auch unter der Fassade der reichen Freunde lauern Abgründe. Schicht für Schicht trägt der Autor die dicke Farbe auf den Fassaden ab, beleuchtet schonungslos alle Verhinderungsstrategien, Ausflüchte, Rebellionsversuche und gescheiterten Pläne. Am Ende bleiben hilflose und verwirrte Gestalten auf der Suche nach dem eigentlichen Selbst, der Wahrheit und bedingungsloser Liebe. Gefangen in ihren Rollen und hinter ihren Masken können sie nicht aus ihrer Haut und sind so gefangen im Land der Gewohnheit. So spitzt sich alles zu und liegt nach dem Finale in Trümmern. Liegt hier vielleicht die Chance, doch noch so zu leben, dass man sich selbst im Spiegel in die Augen schauen kann, ohne Verachtung zu spüren?

Mitreißender Gedankenstrudel

In einigen Rezensionen wird Thompsons Schreibstil angeprangert, mich hingegen hat er absolut in seinen Bann gezogen. Die langen und teilweise verschachtelten Sätze haben – zusammen mit Sprüngen zwischen Gegenwart und Rückblenden – laut Rezensionen viele Leser abgeschreckt. Für mich untermauert diese Schreibweise absolut das, was Thompson inhaltlich beschreibt: Rasende und springende Gedanken, die kaum richtig zu fassen sind. Eine Unruhe, von denen die Protagonisten getrieben werden, die aber nicht konkret festzumachen ist. Den Versuch, Muster in der Vergangenheit zu erkennen und zu durchbrechen, und das Scheitern am hektischen Fluss des Alltags.

Im ersten Teil werden Gegenwart und Rückblick aus Anders‘ Sicht geschildert, den Mittelteil und das Finale schildert Thompson aus Helens und Prestons Position. Dadurch und in diversen Rückblenden wird deutlich, wie unterschiedlich zwei oder mehr Personen dieselbe Situation erleben können. Während zum Beispiel Anders seiner Familie durch unermüdliche Arbeit seine Liebe zeigt, wünscht sich seine Frau Helen eher persönliche Zuwendung. Durch Sprachlosigkeit und oberflächliches „Uns-geht’s-gut“-Denken verfestigen sich Konflikte und eskalieren schließlich.

Land der Gewohnheit ist ein schonungsloses Buch, das fein beobachtet, detailliert das Skalpell ansetzt und durchaus humorig eine ganz normale amerikanische Familie demontiert. Teilweise habe ich mich wie ein Voyeur gefühlt, der mit wachsendem Unbehagen Zeuge eines Streits wird, bei dem mehr und mehr schmutzige Wäsche ans Licht kommt, der aber auch zu faszinierend ist, um nicht weiter zuzuhören. Dazu kommen auch die vielen schrägen und bösartig-witzigen Situationen, die den Leser oft zwischen Mitleid und Häme schwanken lassen. Für mich ein lesenswertes Buch, das den Blick auf die eigene Lebenssituation und die eigenen Träume und Familienmuster schärft.

Ted Thompson, Land der Gewohnheit. Ullstein, 2014.

 

 

Buchrezis 2014

 

Monika Carbe, Die Friedhofsgärtnerin

Rezensentin: Yvonne Giebels

Gibt es einen ruhigeren Job als den einer Friedhofsgärtnerin auf dem Zentralfriedhof von Frankfurt am Main? Für Alice ist er genau richtig, und keiner der anderen Mitarbeiter ahnt, dass die ungelernte Hilfskraft Alice, die meist still und zurückhaltend daherkommt und sich für keine Arbeit zu schade ist, ein ganz anderes Leben hinter sich hat. Alice leitete früher erfolgreich eine Künstleragentur, bis sie dem Neid und der Missgunst einiger Kollegen zum Opfer fiel. Sogar Selbstmordgedanken hatte sie gehegt, bis der Hilfsjob auf dem Friedhof kam, der ihr wieder neuen Lebensmut gab – auch und gerade weil sie sich in der Mitte ihrer ausländischen Kollegen sehr wohl fühlt.

Kriegsgräber als Wendepunkt

Alles könnte also so schön sein, wäre da nicht der Kollege Kollbrand. Er wählt stramm rechts und die ausländischen Kollegen sind ihm ein Dorn im Auge. Seine Stunde schlägt, als Alice und ihre Kollegen sich freiwillig melden, um ein Ehrenmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege wieder auf Vordermann zu bringen. Sie finden dort einige Haschischpflanzen, was Kollbrand zufällig mitbekommt. Er schwärzt die Kollegen bei der Verwaltung an. Der fristlosen Kündigung folgt eine Medienhetze. Doch während die anderen kämpfen, zieht Alice sich in ihr Schneckenhaus zurück, verlässt die Wohnung kaum noch und fällt wieder in ein schwarzes Loch. Schließlich hatte sie all das schon einmal erlebt. Erst ihr Vermieter, der ihr auch finanziell unter die Arme greift, schafft es, ihr wieder neuen Lebensmut zu geben. Schließlich arbeitet Alice wieder als Gärtnerin. Einer ihrer früheren Kollegen hat mittlerweile eine erfolgreiche Firma gegründet. Statt in den Gärten der Toten arbeitet Alice nun in den Gärten der Lebenden. Fast scheint dies am Ende des Buches ein Symbol dafür zu sein, wie Alice wieder ins Leben zurückfindet. Und Kollbrand? Er gewinnt am Ende deutlich weniger als erhofft und ist geschlagen.

Prädikat: Unbedingt lesenswert

Für mich ist „Die Friedhofsgärtnerin“ ein unbedingt lesenswertes Buch. Eingebettet in eine wunderbare Geschichte über Freundschaft, Solidarität und Lebensmut wird der Leser immer wieder dazu veranlasst, sich Gedanken über die Gesellschaft und die eigene Rolle darin zu machen. Dabei kommt das Buch von Monika Carbe nicht als moralinsaure Epistel mit erhobenem Zeigefinger daher, wie es bei deutschen Autoren sonst oft der Fall ist. Schmunzeln und Mitfiebern ist hier durchaus erlaubt, und wer sich ein wenig in Frankfurt auskennt, der wird sogar manche Schauplätze wiedererkennen.

Monika Carbe, Die Friedhofsgärtnerin. Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main, 2014.

 

Anita Augustin, Alles Amok. Oder: Der ganz normale Wahnsinn

Rezensent: Harry Sochor

Wer Skurrilitäten und schwarzen, österreichischen Humor à la Ludwig Hirsch mag, wird Anita Augustins „Alles Amok“ lieben: Die Autorin, die als freie Dramaturgin arbeitet und dem Studium der Theaterwissenschaft in Wien eine Ausbildung zur Barkeeperin anschloss, schickt ihren Protagonisten Jakob auf eine aberwitzige Reise durch den ganz normalen Wahnsinn des alltäglichen Lebens.

Die Handlung

Eigentlich ist Jakob ein ganz normaler, junger Mann, der auf einen sicheren Arbeitsplatz hofft und sich als Profi-Demonstrant durchs Leben schlägt. Er macht den Job und seinen Nebenjob, das Sammeln von Pfandgut gemeinsam mit dem Penner Paul, mehr schlecht als recht. So kann er wenigstens die Rechnungen für die Residenz bezahlen, in welcher seine Mutter in zunehmender Senilität dem Tod entgegen dämmert. Seitdem Jakobs Mutter bei einer Operation im Alter von neun Jahren das Böse aus ihm herausnehmen ließ, trägt Jakob ein dunkles Geheimnis mit sich herum, von dem auch sein näheres Umfeld nichts weiß. Das besteht neben dem Penner Paul, von dem er viele seiner Lebensweisheiten bezieht, aus dem Sicherheitsmann Sigi, einem koreanischen Dichter, dem vermutlich homosexuellen Verkäufer in der Herrenabteilung eines Modehauses und der blonden Nachbarin Babsi, die verzweifelt eine vergebliche Bewerbung nach der anderen schreibt.

Jakob empfindet vermutlich eine Art Freundschaft zu diesen Personen. Er pflegt den Kontakt allerdings nur, weil er sie nach Kräften ausnutzt: Herbert stattet ihn mit der Kleidung für die Demonstrationen aus, die Gedichte des nordkoreanischen Dichters rezensiert er für das mittägliche Bratwurstbrötchen, und Babsi schleppt er regelmäßig in den Baumarkt, um im dortigen Musterhaus vermeintliche Familienfotos zu machen, die er regelmäßig seiner Mutter schickt.

Eine dramatische Wende

Jeder dieser Charaktere hat sich scheinbar im mühseligen Hamsterrad des eigenen Lebens eingerichtet, als der geheimnisvolle Jürgen auftritt und mysteriöse Einladungen ins Paradies verteilt. Jakob, der als einziger keine Einladung erhalten hat, ist trotzdem rechtzeitig am Treffpunkt und fährt mit seinen Gefährten schließlich ins Paradies. Dieses entpuppt sich als Vergnügungspark, in welchem die Angestellten jeden Tag glücklich zu sein haben, um widerum die Besucher glücklich zu machen. Jakob und seine Gefährten bekommen dort feste Jobs: Sie sind die Akteure in der Abteilung „Freakshow“. Jakob, dessen dunkles Geheimnis im Lauf des Buches gelüftet wird, ist von Jürgen als künftiger Star der Show ausersehen. Doch dann geschieht etwas, das die Freaks zum Aufstand gegen die schier allmächtige Parkleitung bewegt. Ist das Paradies nun am Ende?

Der Erzählstil

Temporeich hetzt Anita Augustin vor allem im ersten Teil von „Alles Amok“ von einer skurrilen Szene zur nächsten. Die Absurdität des Geschehens wird oft erst ersichtlich, sobald der Leser die kursiv gesetzten Gedanken des Protagonisten gelesen hat. Bei aller Komik darf der Roman durchaus als gesellschaftskritisch gelten, wobei die Autorin keine eigene Position bezieht, sondern das Geschehen als Beobachter schildert.

Mein Fazit

„Alles Amok“ ist ein Roman, der von der ersten bis zur letzten Seite einfach nur Spaß macht. Wie schon in ihrem Erstling „Der Zwerg reinigt den Kittel“ beweist Anita Augustin auch diesmal wieder gekonnt, dass Humor aus Deutschland durchaus sehr weit oberhalb der Gürtellinie angesiedelt sein kann.

Anita Augustin, Alles Amok. Ullstein Buchverlage, 2014.

 

Siegfried Wittwer, Das Lächeln der Gerberstochter

Rezensentin: Sarah Czerwa

Siegfried Wittwer wurde 1950 geboren. Er studierte evangelische Theologie und war Pastor in Braunschweig, Hamburg und einigen weiteren großen deutschen Städten. Im Moment leitet er das internationale Bibelstudieninstitut in Darmstadt. „Das Lächeln der Gerberstochter“ ist sein zweiter historischer Roman.

Zum Inhalt

Magdeburg im Jahre 1631. Die schöne Gerberstochter Rosa findet eine Leiche in der Elbe. Der Tote ist ein Kaufmann aus Magdeburg, der augenscheinlich ermordet wurde. Der junge Advokat Benno wird mit der Aufklärung des Mordes betraut.

Flammende Liebe und die Suche nach dem Mörder

Benno und Rosa sind sich von Anfang an mehr als sympathisch. Durch einen kleinen Unfall lernt er dann Anneliese kennen. Sie ist die Tochter eines Ratsherren, sehr gebildet und ebenfalls sehr schön. Er muss sich auf kurz oder lang entscheiden, ob er sein Herz der schönen blonden Gerberstochter Rosa schenkt oder der brünetten, sehr belesenen und politisch interessierten Ratsherrentochter Anneliese, die aus der gleichen Gesellschaftsschicht wie er kommt. Benno, Rosa und Anneliese sind fest davon überzeugt, dass hinter dem Tod des Kaufmanns noch viel mehr steckt. Sie forschen mit viel Abenteuerlust nach des Rätsels Lösung, ohne sich anfangs bewusst zu sein, in welche Gefahr sie sich damit begeben.

Der Sturm auf die Stadt

Vor den Toren Magdeburgs tobt unterdessen der Dreißigjährige Krieg. Die kaiserlichen Heerführer Tilly und Pappenheim stehen mit ihren Söldnern kurz davor, die Stadt zu stürmen. Dem ranghohen Offizier Georg Ackermann, der sich mit seinen Leuten Tillys Heer anschließt, wird von Tag zu Tag mehr bewusst, dass es bei diesem Krieg nicht mehr um die Religion, sondern nur noch um die Gier nach Reichtum und Macht geht. Der Leser sieht durch Ackermanns Augen die grausame und blutige Welt der kämpfenden Truppen im Krieg.

Mein Fazit

Ich fand das Buch toll und würde es jedem empfehlen. Die Mischung aus Religionskrieg, einem Mord und der großen wahren Liebe, die wächst und am Ende doch siegt, fesselt von der ersten bis zur letzten Seite. Es ist weit mehr als eine langatmige Niederschrift über die Kriegswirren um Magdeburg. Autor Siegfried Wittwer beschreibt sehr anschaulich, wie die Menschen auf beiden Seiten der Stadtmauer die Zeit des Krieges erleben.

Siegfried Wittwer, Das Lächeln der Gerberstochter. Verlag SCM Hänssler, 2012.

 

Laurent Seksik, Der Fall Eduard Einstein – Genie und Gene

Rezensent: Harald Wurst

Albert Einstein kennt man. Seine Forschungsergebnisse versteht man je nach Standpunkt und Vorbildung mehr oder weniger – sein Privatleben allerdings ist in vielen Bezugsgrößen als relativ chaotisch einzuordnen. Wenn man denn Einsteins zwischenmenschliche Beweggründe überhaupt kennen könnte. Und eben das möchte der Autor Lauent Seksik ermöglichen. Über den Umweg der Leidensgeschichte von Eduard Einstein.

Dazu die Fakten: Mit seiner ersten Ehefrau Mileva Marić hatte Albert Einstein drei Kinder; die bereits 1903 auf reichlich mysteriöse Art „verschwiegene und verschollene“ Tochter Lieserl sowie die beiden Söhne Hans Albert (1904–1973) und Eduard (1910–1965). Dieser Eduard war in seiner frühen Jugend ausgesprochen musikalisch begabt, schrieb zudem Gedichte, galt als sehr sensibel, aber auch lernbegierig und gelegentlich „anstrengend“. Bis schließlich 1933 bei ihm Schizophrenie diagnostiziert und er selbst für 14 Jahre seines Lebens in der Züricher Heilanstalt Burghölzli hospitalisiert wird. Für Albert Einstein war die Krankheit des Sohnes eindeutig genetisch bedingt – und zwar ausgehend von der Familie seiner inzwischen von ihm geschiedenen Ex-Frau Mileva.

Das Buch beginnt mit einem inneren Monolog Eduards kurz nach der Einlieferung in die psychiatrische Klinik. In der Folge teilt sich der Roman in drei Hauptstränge: die Eindrücke und Erlebnisse der Eltern Mileva und Albert aus auktorialer Perspektive sowie die Empfindungen Eduards als Ich-Erzählung. Und in den insgesamt 34 Jahren, die die Romanhandlung auf knapp 330 Seiten behandelt, passiert viel Erzählenswertes. Albert Einstein heiratet wieder, der aufkeimende Nationalsozialismus zwingt ihn zur Emigration, sein Verhältnis zu Ex-Frau und den beiden Söhnen wird schwieriger. In den USA bringt er sich durch sein soziales Engagement immer mehr in Misskredit. Seine zweite Frau stirbt, sein ältester Sohn Hans-Albert verfällt einer Sekte, auch der Enkel stirbt deshalb qualvoll, Albert Einsteins Weltekel nimmt stetig zu und er erkrankt unheilbar an einem fatalen Aneurysma der Aorta.

Parallel dazu und für mich noch faszinierender lesen sich da die Schilderungen von Eduard. Seine verquere Logik im Disput mit Psychiatern, vermeintlichen Gönnern, seiner Mutter oder den „Wärtern im Irrenhaus“ hat nahezu die Qualitäten von Alice im Wunderland. Seine Verzweifelungen über die oft brutalen Behandlungsmethoden gehen unmittelbar zu Herzen. Vor allem aber spiegelt sich das Leitmotiv seiner Schizophrenie in der allgemeinen Weltgeschichte genauso wie in der Biografie von Vater Albert Einstein. Beispielsweise in der bigotten Haltung der Schweiz gegenüber dem Nazi-Regime in Deutschland, in Einsteins Engagement erst für und dann wieder gegen den Bau der Atombombe oder in Amerikas Hysterie vor „kommunistischer Unterwanderung“ durch Intellektuelle während McCarthy’s Hexenjagd.

Alles in allem hat Laurent Seksik, übrigens studierter Mediziner, hier ein sehr genau recherchiertes und mit großer emotionaler Kraft verfasstes Werk vorgelegt. Dass er die Kunst der lebendigen Biografie beherrscht, hat Seksik schon 2011 mit einem besonders in Frankreich gefeierten Roman über Stefan Zweig beweisen. Dass er mehrere Perspektiven souverän und stimmig zu einem Gesamterlebnis verbinden kann, zeigt der „Fall Eduard Einstein“ mit fast jedem Satz. Dazu ein abschließendes Zitat aus den Gedanken des Titelhelden: “…trotzdem glaube ich zu wissen, dass ich nie Kinder haben werde. Das ist sicher die beste Methode, um zu vermeiden, dass man Vater wird.“

Laurent Seksik, Der Fall Eduard Einstein. Karl Blessing Verlag, 1. Auflage Mai 2014.

 

 

Buchrezis 2014

 

Torjubel, Thunfisch und Tofu: Das Kochbuch zur Fußball-WM in Brasilien

Rezensent: Detlef M. Plaisier

Sie steht bei Hannover 96 mit dem Fanschal in der Kurve. Sie sammelt seit über 30 Jahren Kochbücher (nicht nachrechnen…). Im Urlaub fragt sie den Koch des Hotels immer nach seinen Rezepten. Und sie kann schreiben. Alles in einen Topf, gut durchgerührt, und das Ergebnis ist ein Kochbuch mit Rezepten aus den 32 teilnehmenden Nationen der Fußball-WM 2014 in Brasilien, gewürzt mit Infos rund um das Leder, das die Welt bedeutet. Ich habe Autorin Katrin Roßnick auf der Leipziger Buchmesse getroffen.

„Ich bin da schon ein bißchen verrückt“, lacht die Frau mit dem festen Händedruck. 2006, als Hannover Spielort der Fußball-WM war, entstand die erste Buchidee. Mit dem Konzept „32 Mannschaften – 32 Spiele – 32 Rezepte“ fuhr Katrin Roßnick vor der Fußball-WM 2010 auf die Frankfurter Buchmesse, um einen Verlag zu suchen – damals noch zu blauäugig und ohne Gefühl für die Vorlaufzeit einer Buchproduktion. Was jetzt mit dem Titel „Kick and Cook“ in einer Startauflage von beachtlichen 6.000 Exemplaren vorliegt, ist professionell: Jede Teilnehmernation wird mit einem Rezept vorgestellt, das jeweils eine landestypische Zutat enthält. „Alle Zutaten sollen im Supermarkt um die Ecke erhältlich sein.“ Das ist zum Beispiel im Iran der Safran und für Kroatien Rosenwasser. Die Rezepte stammen aus dem Fundus der Autorin (es mögen wohl mehrere Zehntausende sein) und von Freunden aus den WM-Ländern.

"Natürlich habe ich alles selbst gekocht“, betont Katrin Roßnick. Die Gegenkontrolle gab es durch den Foodfotografen Andreas Keudel, Freunde, Familie und Kollegen. Für Deutschland gehen Berliner Buletten mit Kräuter-Kartoffelsalat an den Start, Nachbar Niederlande serviert zwei Sorten Tartar vom Matjes, und beim Außenseiter Bosnien und Herzegowina kommen Hackfleischröllchen vom Grill auf den Tisch.

Und nach der WM? Na klar: Nach dem Turnier ist vor dem Turnier. Katrin Roßnick wird die Qualifikationsspiele zur WM 2018 in Russland verfolgen und schon mal die passenden Rezepte heraussuchen…

Katrin Roßnick, Kick and Cook. Das Kochbuch zur Fussball-WM 2014. Verlag Die Werkstatt, 1. Auflage 2013.

 

Roope Lipasti, Ausflug mit Urne. Ein finnischer Fahrtenschreiber.

Rezensent: Harald Wurst

Was ist eigentlich Finnland? Manchmal endlose Öde, dann wieder jede Menge Wald, noch mehr Seen, reichlich Mücken im Sommer, viele kauzige Typen, eine zwiespältige Historie und trinkfreudige Tristesse als gelebtes Oxymoron… quasi das Russland von Skandinavien.

Die Brüder Kaurismäki lassen schön grüßen. Und Roope Lipasti gibt unseren Vorstellungen einen Wink zurück. Schwarz auf weiß, erfreulich vielseitig und ja: ausgesprochen lustig! Sein Buch „Ausflug mit Urne“ ist die Geschichte einer Reise zweier ziemlich ungleicher Brüder im fast gleichen Alter: Teemu, Anfang 40, Versicherungsmathematiker und Ich-Erzähler des Romans – und Janne, etwas jünger und von der Gesinnung her das, was man anderen Ländern als Hallodri bezeichnen würde.

Anlass der Reise ist der Tod des gemeinsamen Stiefgroßvaters Jalmari, der die beiden allerdings im Auto begleitet. Als Asche in seiner Urne. Ziel der Fahrt ist ein Kaff im Osten Finnlands namens Imatra. Dort soll das Testament des Verstorbenen eröffnet werden. Und dort wollen die Brüder die Asche auf irgendeine mehr oder weniger pietätvolle Weise loswerden. Außerdem hoffen beide auch auf ein lohnendes Erbe, denn Opa Jalmari ging in den über 90 Jahren seines Lebens zwar vielen und reichlich obskuren Tätigkeiten nach, aber reichlich Geld in den Taschen hatte er immer. Den Trip planen unsere Helden als eine Art „Sentimental Journey“ mit Stationen auf dem Lebensweg des Großvaters. Im Ergebnis rauschen sie freilich von einer Tragödie in die nächste. Die unterschiedlichen Lebensentwürfe müssen ausdiskutiert werden, Mitmenschen, Landschaften und Orte bereiten Unbehagen, das Auto macht Sperenzchen, Kneipen und Hotels sind überwiegend erschütternd – und beide werden mehrmals wacker verprügelt.

Das männliche Trauerspiel wird schließlich noch durch eine Frau erweitert: Elli. Die war einst mit Janne verheiratet, hatte danach eine Affäre mit Teemu – und taucht plötzlich während der Reise wieder auf. Erst in den Gesprächen der Brüder, dann in natura und mit einem Kind, von dem beide der Vater sein könnten. Bleibt noch das erträumte Millionenerbe, welches sich am Ende als Hirngespinst erweist. Bis auf einen geheimnisvollen Schlüssel. Was es damit auf sich hat, will ich aber hier nicht verraten.

Klingt alles nicht so nach amüsanter Lektüre? Ist es aber! Autor Lipasti betreibt in seiner Heimat den sehr populären Blog „Pihalla“ (auf Deutsch: „auf dem Hof“ – außerdem Titel eines Films aus dem Jahr 2009), in dem er den finnischen Alltag satirisch begleitet und beschreibt. Diese Sympathie für schräge Figuren und kuriose Situationen zelebriert er in seinem Roman mit einer großen Lust am pointierten Formulieren. Lakonisch, aber nie gefühllos, sensibel, aber nicht sülzig. Dazu garniert Lipasti die Handlung im richtigen Rhythmus mit Bonmots aus dem Kopf des Erzählers. Kostprobe gefällig? „Leichter Alkoholismus ist, wenn man nie vergisst, Bier in die Sauna mitzunehmen. Schwerer Alkoholismus zeigt sich, wenn man ans Bier denkt, aber die Sauna vergisst.“ Oder: „Heutzutage braucht man keine Armbanduhr, denn um Dinge zu erledigen, gibt’s nur noch einen günstigen Moment: jetzt.“

Fazit: Roope Lipasti liefert mit „der Urne“ über 300 Seiten plastische und klug modellierte Unterhaltung. Keine übermäßig schwere Kost, aber definitiv ohne trivialen Nachgeschmack im Abgang. Eben sauber „gefinnischt“.

Roope Lipasti, Ausflug mit Urne. Karl Blessing Verlag, August 2014.

 

Lucy Fricke, Takeshis Haut

Rezensentin: Dorothee Bluhm, https://www.wortparade.de

Frida ist ‚Geräuschemacherin‘, sie liefert Töne zu Filmen und hört mehr als andere Menschen. Sie weiß, wie es klingt, eine Jacke zu schließen, aus einem Sessel aufzustehen, eine Zigarette zu rauchen. Denn sie ist die Beste ihres Fachs. Zusammen mit Robert hat sie sich in ihrem Leben eingerichtet und alles könnte so weitergehen. Doch nun liegt ein Film auf ihrem Tisch, den ihr ein junger Regisseur ungefragt geschickt hat. Das Problem: Der Tontechniker ist mitsamt der Tonspur verschwunden, und der Film spielt in Japan.

Fremdes Land und fremde Geräusche

Nach langem Zögern schaut Frida den Film und sieht eine futuristische, apokalyptische Szenerie. Mit widerwilliger Faszination stimmt sie zu, in Japan auf Geräuschejagd zu gehen. Der Regisseur stellt ihr in Japan einen jungen Mann zur Seite. Takeshi soll sie an die Orte des Films bringen. In Kyoto ist Frida schnell begeistert von der Umgebung, den Menschen und den vielen neuen Tönen und Geräuschen – doch etwas stimmt nicht. Sie hört ein für sie neues Geräusch im Hintergrund aller Aufnahmen, ein Dröhnen, das sie sich nicht erklären kann. Während sie immer tiefer einsinkt in die Kultur und Faszination des fremden Landes, taucht Frida auch tiefer ein in ihre Gefühle für Takeshi.

Ein Beben in beiden Welten

Je länger Frida in Japan ist, desto mehr wird ihr bisheriges Leben erschüttert. Deutschland ist nun ein ferner Traum, die Anrufe und SMS von Richard stören, die Anziehung zu Takeshi bestimmt ihr Handeln. Als dann am 11. März 2011 aus dem Dröhnen ein Erdbeben wird, dem ein gigantischer Tsunami folgt, spiegelt die Katastrophe außen Fridas innere Katastrophe wieder. Ein paar Sekunden nur, und nichts ist mehr, wie es war. Dass der Tsunami das Kernkraftwerk in Fukushima beschädigt hat, erfährt Frida nur über die internationalen Medien, und über Richard, der sie anfleht, das Land zu verlassen. Frida ist hin- und hergerissen zwischen ihrem alten Leben und ihren Gefühlen für Takeshi.

Ein kleines, großes Buch

Selten hat mich ein Buch so berührt, zum Lachen und Nachdenken, fast zum Weinen gebracht. Keine 200 Seiten umfasst "Takeshis Haut", und jede einzelne Seite ist wunderbar in Sprache, Aussage und Bildern. Als Leser weiß man kaum, welches Beben erschütternder ist: Das äußere in Japan, oder das innere in Frida. Trotz des schweren Themas ist das Buch voller Leichtigkeit, Trost und Zuversicht. Ein sehr empfehlenswertes Buch, das ich sicher noch öfter lesen werde.

Lucy Fricke, Takeshis Haut. Rowohlt Verlag, 2014.

 

Ulrike Draesner, Sieben Sprünge vom Rand der Welt

Rezensentin: Cornelia Lotter, https://www.autorin-cornelia-lotter.de

Ulrike Draesner, geboren 1952 in München, lebt als Romanautorin, Lyrikerin und Essayistin in Berlin. Sie studierte Anglistik, Germanistik und Philosophie. Mit dem vorliegenden Roman steht sie auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2014.

Vertreibung & Erinnerung

Das große Thema des Romans ist die Vertreibung im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges. Draesner lässt den Leser aus verschiedenen Perspektiven diesem Trauma folgen. Die Lebenslinien zweier Familien begegnen sich in den Nachgeborenen. Die Familie des Affenforschers Eustachius Grolmann wird aus Oels in Schlesien nach Bayern vertrieben, die Familie des Psychologen Boris Nienaltowski – Spezialgebiet: Traumata der Nachgeborenen der Flüchtlinge – von Ostpolen nach Wroclaw. Neben den aufwühlenden Schilderungen der letzten Kriegswochen steht immer die Frage im Raum: Wie wahr ist Erinnerung? Einerseits ist sie die Verklärung des Verlorenen, durch die auch all das den Wert verliert, das die Zwangsvertriebenen in der „neuen Welt“ umgibt, einschließlich der eigenen Kinder. Andererseits bedeutet Erinnerung auch die Frage nach dem Anteil der persönlichen Schuld. So plagt sich Eustachius Grolmann bis zum Tod mit Schuldgefühlen, weil er seinen behinderten Bruder Emil im Feuersturm von Breslau nicht davon abgehalten hatte, sich der SS anzuschließen.

Forschergeist & Affenhirn

Eustachius Grolmanns Lieblingssatz lautet: „Gott schuf den Menschen, weil er vom Affen enttäuscht war. Seither verzichtet er auf weitere Experimente.“ (Mark Twain). Die Frage, ob der freie Wille nur eine Illusion ist und inwieweit Affen überhaupt über freien Willen verfügen, bleibt bis zum Schluß unbeantwortet. „Wir forschen mit Menschenaffen auf der Suche nach uns selbst.“ (S. 118). Der Affenforscher Grolmann ist gewitzt und schlau genug, um nicht nur Tochter Simone und Enkelin Esther, sondern auch Boris über seinen eigentlichen Plan zu täuschen: Er will sich ein Paradies an der Seite zweier Bonobo-Affen schaffen und in diesem Kokon weiter an den Fragen forschen, die ihn umtreiben. Seine Tochter meint, ihr Vater habe sie nur im Zusammenhang mit den Affen bemerkt. Vielleicht wurde sie deshalb selbst zur Affenforscherin.

Väter

Ein Thema, das sich ebenfalls durch den ganzen Roman zieht, ist das Thema der Väter. Hier im Buch sind es Vater und Tochter (Eustachius und Simone) sowie Vater und Sohn (Hannes und Eustachius). Der eine kann seiner Tochter nicht zeigen, dass er sie liebt. Sie tut deswegen alles, um sich über das, was er liebt – die Affen – näher an ihn und in sein Blickfeld zu schieben. Dieser Vater, Eustachius, spürt viele Jahre zuvor, dass sein Vater, Hannes, den älteren behinderten Bruder mehr liebt als ihn, den er bestenfalls durch Schläge wahrnimmt. Die Erfahrung, ignoriert zu werden, überträgt sich vom Vater Eustachius auf die Tochter Simone.

Fazit

Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung eines lange tabuisierten Themas. Doch etwa ab der Mitte des Buches mochte ich die Geschichten, erzählt aus neun verschiedenen Perspektiven in elf Abschnitten, all diese Geschichten von Vertreibung, Zerstörung und Tod, nicht mehr lesen. Hier wäre weniger mehr gewesen. So schienen mir sowohl die Kapitel von Jennifer, Boris‘ Tochter, als auch von Halka relativ entbehrlich zu sein. Dass am Ende im Esther-Kapitel noch einmal das Thema Migration in der heutigen Zeit auf eine doch sehr bizarre Weise erneut aufkommt, wirkt auf mich zu bemüht, so als müsse die Autorin mit Macht einen aktuellen Bezug herstellen. Für Leser mit einem starken Interesse an diesem historischen Thema ist der Roman jedoch zu empfehlen.

Ulrike Draesner, Sieben Sprünge vom Rand der Welt. Luchterhand Literaturverlag, 2014.

Buchrezis 2014

 

Hannah Winkler, Fe-Male. Oder: Geschlecht spielt eine Rolle

Rezensentin: Jolanta Drywa

Was passiert, wenn der eigene Körper nur eine Maske und ein Käfig zu sein scheint? Wie weit geht man, um der Gesellschaft zu beweisen, was sich hinter der Fassade befindet? Wer hat die Kraft und den Mut, um sich damit auseinanderzusetzen, wenn der Selbstzweifel wie ein Teufel auf jedermanns Arm sitzt?

Hannah Winkler, eine hübsche transsexuelle Frau, beschreibt in „Fe-Male“ eindringlich ihren Weg der Verwandlung. Sie spricht davon, wie sehr sie das unnötige Teil zwischen ihren Beinen gehasst hat, weil es nie wirklich zu ihr gehörte. Seit dem sechsten Lebensjahr wusste sie schon ganz genau, dass sie sich nicht im richtigen Körper befindet. Die gesamte Umgebung zwingt sie, Familie und Schulkameraden dies zu beweisen, weil niemand der vermeintlich abnormalen Erscheinung ein Recht auf unabhängige Existenz in der Gesellschaft gibt. Selbst der Vater, der sie seit dem sechsten Lebensjahr allein erzieht, kommt mit ihrer tatsächlichen Identität nicht zurecht. Die verständnisvolle und kluge Mutter lebt in Hannas Erinnerung dagegen als Schutzheilige und beste Freundin.

Kurz bevor Hannah in die Pubertät eintritt, im Alter von 13 Jahren, gerät sie nach dem Tod ihrer Mutter in eine tiefe Depression, die das Gefühl des Selbstzweifels stärkt. Dennoch entscheidet sich das Mädchen, den schwierigen Weg zu gehen. Für Hannes, den Vater des transsexuellen jungen Mädchens, ist die Situation unvorstellbar schwer. Er kann die besondere Sexualität seiner Tochter nicht begreifen. Schnell überlässt er die Sorge für Hannah den Ämtern. Das deutsche Jugendamt schickt das Mädchen nach Perugia in Italien zu einer Pflegefamilie. Es kommt zum ersten selbstdestruktiven Impuls bei dem noch sehr jungen und emotionalen Mädchen. Der hilflose Versuch, “die verhaltensauffällige Jugendliche zurück ins normale Leben zu führen”, endet mit einer Flucht in die grünen Wiesen eines dem Mädchen unbekannten Landes. Getrieben von Angst geht Hannah weiter ihren Weg. Sie begegnet Menschen, die sie zum weiteren Kampf ermutigen, und anderen, die ihre langsam sich ausbreitenden Flügel wieder abschneiden.

Hannah bleibt Siegerin. Schließlich beteiligt sich der Staat an den Kosten ihrer Geschlechtsumwandlung. In der Tagesklinik, in der Schule und bei der Therapie begegnen ihr Menschen, die ihr Schicksal teilen und verstehen. Von nun an wird Angst nicht mehr ihre Motivation sein. Treibende Kraft ist jetzt die Vorfreude und die Zustimmung ihrer guten Freundinnen, die den Ekel der Gleichaltrigen und die schmerzhafte Abneigung der jungen Männer lindert. Hannah hat den Mut zu träumen und ihre Träume zu verfolgen. Nun im richtigen, ihr bestimmten Körper leben zu können und nicht mehr gefangen zu sein, gibt ihr nie gekannte Selbstsicherheit. Geschlecht spielt eine Rolle.

Hannah Winkler zeichnet in ihrem Buch ihre eigene Traumwelt nach – eine Traumwelt, die schließlich Wirklichkeit wurde und sie zu ihrem neuen, glücklichen Leben führte. Das Buch ist mit einem persönlichen Bildteil ausgestattet, der den Eindruck des Textes noch verstärkt. „Fe-Male“ ist ein außergewöhnliches autobiographisches Werk, das unterhaltsam zu lesen ist und allen Mut machen kann, die ihre wirkliche verborgene Identität suchen.

Hannah Winkler, Fe-Male – Hinein in den richtigen Körper. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 1. Auflage 2014.

 

Mel Wolfen, Vaterliebe

Rezensentin: Petra Gugel

„Was tun, wenn einem die Werkzeuge, die man fürs Leben braucht, nicht in die Wiege gelegt werden? Wohin kann die Reise dann gehen und wird sie zwangsläufig in einer Irrfahrt münden? Die Erzählung „Vaterliebe – Eine Reise in die Vergangenheit“ ist mein Versuch, diese Fragen zu beantworten…“ (Mel Wolfen)

Der Klappentext des Autors gibt einige Rätsel auf. Ist es ein Buch über das Leben eines Versagers? Oder eine Art Roadmovie über die Irrwege eines Orientierungslosen? Leider erklärt der Text nicht genauer, was den Leser erwartet. Denn die Geschichte, die Mel Wolfen erzählt, ist lesenswert.

Die Reise, die darin angedeutet wird, ist nicht nur ein Ausflug in die Vergangenheit. Es ist hauptsächlich eine Reise in die Gefühlswelt von Max Engel, dessen Leben aus der Ich-Perspektive erzählt wird. Die Geschichte beginnt an dem Tag, an dem er sich nach jahrelangem Zögern mit seinem Vater trifft. In einer längeren Rückblende erfährt der Leser, wie es zu dieser Entfremdung kam. Max verbrachte eine trostlose Kindheit bei seiner alleinerziehenden Mutter und deren wechselnden Lebensgefährten. Danach folgten Alkohol- und Drogensucht und die mühsame Suche nach einem Platz in der Gesellschaft. All das wird in einer knappen und anschaulichen Sprache erzählt, die glücklicherweise nicht in den Sozialkitsch abgleitet.

Den meisten Raum in dieser Novelle nimmt das Fehlen des leiblichen Vaters ein. Als Mutter einer Tochter kann ich die Beziehung zwischen Vater und Sohn nur erahnen. Mel Wolfen gelingt es jedoch, mir diese Gefühlswelt näherzubringen. Mit klaren, manchmal auch poetischen Worten schildert er Max Engels‘ Suche nach seinen Wurzeln und den Schmerz über das Fehlen der Vaterfigur. Schade ist nur, dass es der Autor bei so wenigen Seiten bewenden ließ (wenn man Vorwort, Impressum, Anmerkungen und Danksagung weglässt, bleiben 162 Seiten Text). Ich hätte gern mehr über Max Engels‘ bewegtes Leben erfahren.

Mel Wolfen, Vaterliebe – Eine Reise in die Vergangenheit. MM Felis Self Publishing, 2014.

 

Harald Gilbers, Germania. Oder: Ein Krimi erklärt den Krieg

Rezensent: Harald Wurst

Das Buch tanzt Pogo mit dem Leser. Zumindest ging’s mir so bei der Lektüre. Denn die Aufs und Abs inhaltlicher wie stilistischer Art haben hier eine hohe Frequenz. Da folgen Passagen von eindringlichster Intensität und Dichte auf leider oft arg schlichte Dialoge oder innere Monologe – da werden bestialische Grausamkeiten detailverliebt geschildert und ein paar Seiten später Sentenzen wie aus einer Seifenoper präsentiert – und da stehen teilweise brillant gezeichnete Charaktere im einer vollkommen durchschnittlichen „Whodunit-Handlung“, die vom Autor eben kurzerhand in eine Welt mit in jeder Hinsicht extremen Konditionen transferiert wurde. Die Gesellschaft ist nicht nur korrupt, es sind Nazis. Der Underdog ist nicht einfach ein Außenseiter, er ist Jude. Das tägliche Leben ist nicht nur eine Zumutung, es hagelt Bomben.

Worum handelt es sich konkret? Nun, den Plot kann man relativ kurz abhandeln. Und weil das Werk als „Thriller“ firmiert, will ich auch nicht allzu viel verraten. Die Handlung spielt im Berlin des Jahres 1944, zwischen dem 7. Mai und dem 25. Juni. Die Stadt zerbröselt zusehends unter den andauernden Angriffen alliierter Bomber. Ein Serienmörder geht um und verstümmelt und ermordet nicht nur junge Frauen – er legt die Leichen auch noch an Mahnmalen zum Gedenken an den 1. Weltkrieg ab. Die Behörden sind ratlos, erinnern sich dann aber an den Juden Richard Oppenheimer, der früher mal Kriminalkommissar war. Oppenheimer leidet zwar unter der Verfolgung durch die Nazis, sieht sich aber immer noch als pflichtbewusster preußischer Beamter und macht sich unter dem Schutz der SS auf die Tätersuche. Sein Problem dabei: wenn er den Täter hat, dürfte seine Gandenfrist abgelaufen sein.

Nun gut. Krimis, die ins Berlin der 20er, 30er und 40er Jahre verlegt werden, kennt man. Nicht zuletzt durch den Gereon-Rath-Zyklus von Volker Kutscher. Harald Gilbers geht allerdings härter zur Sache. Der Autor ist Jahrgang 1969, studierte Anglistik und Geschichte und arbeitete erst als Feuilleton-Redakteur, bevor er Theaterregisseur wurde. Das macht sich in der nicht immer gelungenen Dialogdichte des Romans bemerkbar – aber erfreulicherweise eben auch in seiner akribischen Recherche zu den Rahmenbedingungen des Lebens in Berlin zur Endzeit der Naziherrschaft. Sprachliche Wendungen, Witze, U-Bahnverbindungen, Wetter, Nachrichten… all das ist stimmig in die Handlung integriert. Und Gilbers kann durchaus ergreifend schreiben. Die Sequenz über einen Bombenangriff, den der Held Oppenheimer zusammen mit seinem SS-Partner Vogler im Bunker übersteht, gehört für mich zu den stärksten Stellen des ganzen Buchs. In seiner ganzen expressiven Wucht durchaus vergleichbar mit der Beschreibung des Bombardements von Dresden im Roman „Schlachthof 5“ von Kurt Vonnegut. Trotzdem: die Fallhöhe danach ist dann wieder entsprechend hoch. Und schmerzt.

„Germania“ ist der erste Roman von Harald Gilbers und für die Kenner der Szene offenbar ein ausgezeichneter Start in die Krimiautor-Karriere: nämlich prämiert mit dem Glauser-Preis 2014 für das beste Debüt. Mir hat’s im Ganzen nicht ganz so gut gefallen.

Harald Gilbers, Germania. Knaur TB, 2013.

 

Cornelia Lotter, Elstertränen Elstertränen: sensibel, schockierend, intim… einfach nur gut!

Rezensent: Harry Sochor

Wer ist eigentlich die Hauptfigur in Cornelia Lotters Krimi „Elstertränen“? Ist es Martin Bender, der die Ermittlungen der Sonderkommission „Elster“ leitet und den Mord an einem kleinen Mädchen aufklären soll, während alle Spuren scheinbar ins Leere laufen? Ist es seine Partnerin Kirsten Stein, die ihn mit ihren oft unorthodoxen Ermittlungsmethoden unterstützt? Oder ist es gar der Unbekannte, der die Mädchenleiche aus der Elster fischt, ihre Blöße mit einem Weißdornzweig bedeckt und schließlich verschwindet?

Bender und Kirsten, kurz Ki genannt, stehen ebenso wie die Beamten der Mordkommission vor einem schier unlösbaren Rätsel: Die kleine Ilka war auf dem Weg zum Spielplatz, hat diesen jedoch nicht erreicht und ist scheinbar spurlos verschwunden, bis ihre Leiche am Elsterufer gefunden wird. Das ist bereits der vierte Mord an einem kleinen Mädchen in Leipzig und Umgebung. Das Mädchen wurde sexuell missbraucht und starb vermutlich an einer Überdosis K.-o.-Tropfen.

… doch der Unbekannte schweigt

Der unbekannte Finder der Leiche gibt sich zunächst nicht zu erkennen. Er hat Angst, als Täter abgestempelt zu werden, weil er selbst pädophil veranlagt ist, jedoch immer verzweifelter gegen seine Neigungen ankämpft. Dass er schließlich doch mit der Polizei zusammenarbeitet, ist lediglich einem Zufall zu verdanken: Er ist beim selben Therapeuten in Behandlung wie Ki, die einige unschöne Kapitel aus ihrer Vergangenheit aufarbeiten möchte und sich von Martin sehnlichst ein Kind wünscht. Schließlich gelingt es diesem ungleichen Trio, einen Pädophilen-Ring zu sprengen, der Kinderpornos produziert und in der Szene verbreitet.

Einfühlsam und trotzdem temporeich

Die Story von „Elstertränen“ ist in mehrfacher Hinsicht ein Wettlauf gegen die Zeit: Martin Bender will den Täter fassen, ehe noch weitere Morde passieren oder sich die wenigen Spuren endgültig im Nichts verlieren. Ki spürt ihre biologische Uhr in rasantem Tempo ticken und hat ihre eigene Vergangenheit – vor allem eine Abtreibung – noch nicht richtig aufgearbeitet. Und der Unbekannte schließlich fürchtet, dass er irgendwann seinen unterdrückten Neigungen nachgehen könnte. Erst recht, als eine neue Nachbarin im Mietshaus einzieht, deren Tochter genau in dem Alter ist, das zu seinem Beuteschema passt.

Das Tempo macht Cornelia Lotter mit kurzen Kapiteln und raschen Szenewechseln, die stilistisch etwas an die Arbeitsweise des Regisseurs Quentin Tarrantino erinnern. Trotzdem nimmt sie sich die Zeit, um die Protagonisten tiefgründig zu charakterisieren. Darüber hinaus geht sie das Thema Pädophilie äußerst sensibel an.

Trotz des direkten Einstiegs in die Thematik verzichtet die Autorin auf jegliche Effekthascherei und darauf, die betreffenden Szenen unnötig auszumalen. Durch ihre einfühlsame Charakteristik des Unbekannten macht sie deutlich, dass pädophil veranlagte Menschen nicht zwangsläufig Täter oder Monster werden müssen, sondern sich unter Umständen selbst in einer Opferrolle befinden. Cornelia Lotter wagt mit der Thematik einen äußerst schwierigen Spagat, den sie mit Bravour meistert. Sie verpackt die schwierige Thematik in eine spannende und gut erzählte Geschichte. Mögen ihre Leser dazu animiert werden, genauer hinzuschauen, wenn in seiner eigenen Nachbarschaft etwas seltsam erscheint.

Cornelia Lotter, Elstertränen – Ki und die verlorenen Kinder. Ein Krimi um Privatdetektivin Kirsten Stein. ‎ CreateSpace Independent Publishing Platform, 2014.

Buchrezis 2014

 

Robin Sloan, Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra. Oder: Typen, Typo und Türen in Parallelwelten

Rezensent: Harald Wurst

Die Besessenheit von Google, unsere ganze Welt zu quantifizieren und zu arrangieren. Die fixen Ideen von traditionellen Lesern, mit ihren Visionen aus alten oder neueren Texten verborgene Botschaften fürs eigene Leben herausdestillieren zu können. Die Geschichte vom Beginn der modernen Typografie im Venedig des frühen 16. Jahrhunderts unter besonderer Betrachtung deren akuten Auswirkungen auf die Apple-Politik, Word-Dokumente oder Firmen-Logos. Dazu ein etwas ranziger Fantasy-Autor aus den 80ern mit seinem Eigenleben auf alten Tonbändern, ein Ausflug in den Wahnwitz der digitalen Start-up Szene – garniert von einer kiffenden älteren Dame mit Erwerbsbiografie als Programmiererin – ein sich selbst organisierendes Lager für herrenlose Museums-Artefakte sowie eine Pizzeria, über die ein weltweit gesuchter Hacker konspirative Hardware in Umlauf bringt…

…das alles (und noch einiges mehr) muss man erst mal in ein Buch und eine spannende Handlung auf knapp 360 Seiten packen können. Der Mann, der das kann, heißt Robin Sloan, ist studierter Wirtschaftswissenschaftler und hat nicht nur viel Humor, sondern unter anderem auch in führender Position bei Twitter gearbeitet.

Die an skurrilen Einfällen und kuriosen Szenen reiche Geschichte wird aus der Ich-Perspektive des einstigen Webdesigners und jetzigen Aushilfsbuchhändlers Clay Jannon erzählt. Klassisch linear, sprachlich sauber, mit Witz, Intelligenz und mit den heute oft üblichen Querversweisen auf die Populärkultur. Aber Achtung! Hier ist längst nicht alles so, wie es den Anschein hat. Wer sich etwa im Internet auf die Suche nach der Schriftart „Griffo Gerritszoon“ machen wird (und die ist für den Plot von zentraler Bedeutung), erfährt keine lexikalische Erklärung, sondern landet bei einer erstaunlichen Anzahl von Blogs und Websites von Lesern rund um dieses Buch. Denn natürlich arbeitet Robin Sloan in bester Tradition von Kollegen wie Robert Anton Wilson oder William Kotzwinkle mit dem Kunstgriff der Halb- und auch Desinformation. Und je eher man als Leser dieses Spiel durchschaut, umso länger hat man das Vergnügen mit diesem Roman. Vor allem: Als Autor Jahrgang 1979 ist Sloan mit den Fallen des Instant-Wissens der Wikipedia-Jünger bestens vertraut. Genau das macht er hier zur Zutat seiner schriftstellerischen Strategie. Generell ist der Tenor des Buches ohnehin von einer ironischen Distanz zu den vermeintlichen Segnungen der IT-Industrie bzw. zu den fanatischen Apologeten einer digitalen Wunderwelt geprägt. Nicht zu vergessen: der Mann ist Insider!

Worum dreht sich aber eigentlich die Geschichte? Nun, viel werde ich hier nicht verraten. Und die Sentenzen zu Beginn dieser Rezension sollten auch nur die Bandbreite der Themen, Orte und Figuren ansatzweise skizzieren. Kurz gesagt: es geht ums Entdecken und Entschlüsseln des Mysteriums einer in vielfacher Hinsicht bizarren Buchhandlung in San Fransisco – die sich aber nur als eine Facette eines sehr alten weltumspannenden Geheimnisses entpuppt. Das Ganze wird spannend, geistreich und humorvoll erzählt. Neben den plastischen Situationsbeschreibungen überzeugt dabei insbesondere auch die Ausarbeitung der einzelnen Charaktere. Zwar nicht ganz auf dem Niveau von Umberto Eco – aber doch schon ganz nah dran. Und das Ende? Natürlich eine Überraschung! Wer dann von der ganzen Thematik nicht so schnell wieder loslassen will, dem kann ebenfalls geholfen werden: Es gibt ein Prequel zum Roman, in dem die Vorgeschichte steht. Erschienen, genau wie das Hauptwerk, im März 2014 beim Blessing Verlag. „Die Unglaubliche Entdeckung des Mr. Penumbra“ ist eine ca. 80 Seiten umfassende Erzählung – und es gibt sie ausschließlich als eBook. Also noch so ein Trick von Mr. Sloan?

Robin Sloan, Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra. Karl Blessing Verlag, 2014.

 

Michail Oscharow, Der große Argisch. Oder: Das literarische Zeugnis einer sterbenden Kultur.

Rezensent: Harry Sochor

Gern wird Michail Oscharows Werk „Der große Argisch“ mit Shakespeares „Romeo und Julia“ verglichen. Der sibirische Autor erzählt eine tragische Liebesgeschichte in der von Tradition und Patriarchat geprägten Welt der Ewenken, einem ursprünglich nomadisch lebenden Volk Sibiriens. Dieser Vergleich ist wohl zu hoch gegriffen, jedoch darf „Der große Argisch“ als Nationalepos der Ewenken gelten.

Die Geschichte

„Der große Argisch“ erzählt die Geschichte der tragischen Liebe von Mikpantscha und seiner Schwägerin Schiktolok, die unter den Launen ihres tyrannischen Mannes Amurtscha leidet. Das junge Paar hatte keine Chance auf eine gemeinsame Zukunft, da ihre Ehe gemäß der Tradition von den Vätern – reichen Clanführern – arrangiert worden war. Moloschk hatte die Ehe für seinen ältesten Sohn arrangiert. Nach dem Tod des Vaters übernimmt Amurtscha die Führung des Clans. Er wird jedoch aufgrund seines Jähzorns mehr gefürchtet als respektiert. Zudem fühlt er seine Autorität durch den jüngeren Mikpantscha, der als stärker und klüger gilt, untergraben. Diese unglückselige Konstellation muss fast zwangsläufig in einer Katastrophe endet, als Schiktolok nach einer erneuten Eskalation in den Wald flüchtet und sich Mikpantscha auf die Suche nach ihr macht.

Legenden und Traditionen

Michael Oscharow gilt als Kenner der sibirischen Urvölker und ihrer Lebensweise. Er hat die Mythen und Legenden der Ewenken gesammelt und diese in sein Werk einfließen lassen, was die Protagonisten und ihre kleine Welt plastischer macht und lebendiger erscheinen lässt. Der Autor bettet die Geschichte in keinen zeitlichen Rahmen, was sie zunächst zeitlos erscheinen lässt. Jedoch deutet er immer wieder subtil an, dass sich große Veränderungen anbahnen.

Diese hatten zum Zeitpunkt, als Oscharow den Roman verfasste, bereits begonnen. Unter russischer Herrschaft, vor allem in der stalinistischen Ära, wurden die Nomaden sesshaft gemacht und konnten ihren ursprünglichen Tätigkeiten, also die Jagd, den Fischfang und die Zucht von Rentieren, in staatlichen Kolchosen weiter betreiben. Jedoch scheint auch die Ewenken das Schicksal anderer Ureinwohner zu treffen: Schon gegen Ende des 20. Jahrhunderts konnten nicht einmal mehr die Hälfte der Ewenken ihre ursprüngliche Sprache fließend sprechen. Heute ist der Alltag des einst stolzen Volkes von sozialen Problemen und Arbeitslosigkeit geprägt.

Eine mutige Tat

Indem Michael Oscharow die Mythen und Legenden der sibirischen Ureinwohner sammelte und erzählte, stellte er sich klar gegen die vorherrschende Meinung in der Sowjetunion der 1930er Jahre. Für sein Engagement wurde er wie viele andere Intellektuelle mit dem GULAG bestraft und 1937 hingerichtet. Sein literarisches Werk wäre fast vergessen worden. Eher zufällig stieß der Übersetzer und Herausgeber Erich Liaunigg auf den Text, den er während seines Russischstudiums bei einer Reise nach Irkutsk geschenkt bekam, Jahre später darin las und ins Deutsche übersetzte. „Der große Argisch“ ist als Trigolie angelegt. Der letzte Teil gilt als verschollen, das zweite Fragment wurde noch zu Lebzeiten des Autors veröffentlicht.

Fazit: ein Buch für Liebhaber

„Der Große Argisch“ ist kein Buch für eine breite Leserschaft. Dafür ist das Motiv der tragischen Liebesgeschichte schon zu oft erzählt worden, zumal es dem Werk an wirklich überraschenden Wendungen fehlt. Für Ethnologen stellt es hingegen eine wahre Fundgrube dar. Und auch Western- und Easternfans dürften sicher ihren Spaß beim Lesen haben. Denn stilistisch erinnert „Der große Argisch“ etwas an Jack London mit dem Unterschied, dass Oscharow aus der Perspektive der Ureinwohner erzählt. Insgesamt ist „Der große Argisch“ ein solide erzähltes Stück Unterhaltung. Zu einem vielleicht herausragenden Stück russischer Literatur machen das Buch lediglich die Hintergründe der Entstehungsgeschichte.

Michael Oscharow, Der große Argisch. Edition Liaunigg e.U., Wien.

 

Anne-Kathrin Behl, Matze vor, tanz ein Tor! Oder: Von der Großartigkeit des Unangepassten

Rezensentin: Kathrin Demuth

Gestern ist die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 zu Ende gegangen. Und wie sehr sie uns alle begeistert hat – die Großen wie die Kleinen. Da kommt das neue Bilderbuch der preisgekrönten Illustratorin Anne-Kathrin Behl genau richtig! Gerade erst wurde die Leipzigerin in Frankreich für die französische Version ihres 2013 erschienenen Kinderbuchs „Tobi und die Alten“ mit dem Prix Chronos de littérature ausgezeichnet. Und ihr neuestes Werk „Matze vor, tanz ein Tor!“ – ein Bilderbuch für Vierjährige – birgt ebenfalls Preispotential.

Im Gegensatz zu den anderen Jungs in seinem Kindergarten spielt der kleine Matze nicht gerne Fußball. Nein, seine Leidenschaft ist das Ballett! Doch darüber weiß nur sein bester Freund Emil Bescheid, denn die anderen Jungen finden Ballett eher doof. Und so trainiert Matze heimlich als einziger Junge in einer Gruppe von Mädchen. Doch plötzlich ändert sich alles: Beim Fußballspiel der Rummelsdorfer Raufbolde gegen die Kleinmunzheimer Kampfbolzer muss dringend ein Ersatz für den gestürzten Star der Raufbolde her – und die Wahl fällt ausgerechnet auf Matze. Und der hat es drauf: Mit Pirouetten und anderen tänzerischen Finessen verhilft er seiner Mannschaft zum Sieg und verblüfft damit alle: seine Mitspieler, die gegnerische Mannschaft, die Zuschauer.

Anne-Kathrin Behl erzählt eine Geschichte, in der klar wird, dass jedes Talent etwas Besonderes ist und niemand Angst davor haben sollte, dafür ausgelacht zu werden. Die Botschaft ist klar: Auch wenn Du die Gruppe, die Dir gegenübersteht, nicht einschätzen kannst, und Du Angst davor hast, dass man dich für Dein Hobby verspottet – geh´ raus und mach´ Dein Ding! Unangepasstheit birgt nichts Negatives in sich. Ganz im Gegenteil: Sie zeigt Authentizität und ist eine Quelle der Überraschungen für die anderen, die letztlich sogar von dieser „Andersartigkeit“ profitieren können. So, wie es auch bei Matze passiert ist, der es geschafft hat, dass am Ende alle sehr glücklich sind – und sich mit ihm für sein Talent freuen.

Der eine oder andere Leser mag zunächst etwas skeptisch sein, denn die Illustrationen zeugen nicht von Perfektion und Grazilität, sondern erinnern in ihrem Stil an das spielerische Gekritzel von Kindern. Doch schnell wird klar: Die Autorin trifft mit ihren Bildern den Nagel auf den Kopf, denn sie sind wie die Geschichte selbst einfach nah dran an den kleinen Bücherwürmern. Der schnelle Strich wirkt nicht etwa stümperhaft, sondern geradezu liebevoll. Seite für Seite tun sich den Betrachtern wahre kleine Wimmelbilder auf, man findet in der einen großen Geschichte rund um Matze noch ein paar weitere – so etwa die von dem Elefantenmädchen im rosafarbenen Kleid, das in den Spieler mit der Trikotnummer 1 verliebt ist. Anne-Kathrin Behl lässt den Kindern somit die Möglichkeit, Geschichten selbst zu „finden“. Dadurch stellt sie sicher, dass das Buch stets spannend bleibt und sicherlich oftmals aufgeschlagen wird – denn wer will schon etwas verpassen? Auch die Aufmachung von „Matze vor, tanz ein Tor!“ fällt positiv auf. Die Seiten sind dick und robust, die Schriftgrößen variieren und passen zu den jeweiligen Situationen.

Im Gesamtbild strahlt das Buch über den kleinen ballettbegeisterten Matze Lebendigkeit und Spaß aus, lädt zum Staunen ein und ist rundum zauberhaft. Ich drücke Anne-Kathrin Behl die Daumen, dass sie auch mit diesem Werk die eine oder andere Siegestrophäe abräumen kann!

Anne-Kathrin Behl, Matze vor, tanz ein Tor! Atlantis Verlag, 1. Auflage 2014.

 

 

 

 

Buchrezis 2014

 

Owen Matthews, Winterkinder – ein intimes Stück Zeitgeschichte

Rezensent: Harry Sochor

Was ist Owen Matthews‘ Roman „Winterkinder“? Ein historischer Roman? Eine Familiensaga? Ein Stück persönlicher Vergangenheitsbewältigung? Vermutlich eine gut gelungene Mischung aus allen dreien. Der Autor begibt sich in „Winterkinder“ auf eine Spurensuche in die eigene Vergangenheit und erzählt die Geschichte der verzweifelten Liebe seiner Eltern, eingebettet in die politische Weltlage und den Alltag in der Sowjetunion während des Kalten Krieges.

Die Geschichte beginnt mit der Verhaftung seines Großvaters Boris Bibikow an einem Mittsommertag des Jahres 1937. Der glühende Sozialist hatte nach der sozialistischen Revolution eine steile Karriere gemacht und es bis zum Leiter einer Traktorenfabrik gebracht. Hochmotiviert war es ihm gelungen, mit seinen Arbeitern die Fabrik in Rekordzeit aus dem Boden zu stampfen und das Soll des ersten Fünfjahresplans zu erfüllen. Doch dann wird Boris Bibikow zum Opfer der stalinistischen Säuberungswelle. Seine Familie, die zuvor bescheidene Privilegien genossen hatte, stürzt ins Elend. Die Töchter Mila und Lenina erleben eine Odyssee durch sowjetische Waisenhäuser.

Als Erwachsene hat sich Mila weitgehend mit dem System arrangiert, bewegt sich jedoch in subversiven Kreisen, die das System in Frage stellen. Sie lernt den jungen Briten Mervyn Matthews kennen. Mervyn Matthews ist auf dem besten Weg, eine akademische Karriere in Oxford zu machen und hat ein Stipendium für den Aufenthalt in der Sowjetunion erhalten. Dort bewegt er sich gern am Rande der vom britischen Außenministerium erlaubten Pfade und eckt deshalb mehrfach an. Mervyn widersteht den Anwerbungsversuchen des KGB und verliebt sich in Mila.

Schachfiguren der Weltpolitik

Als die Behörden von dieser Affäre erfahren, muss Mervyn schnellstmöglich ausreisen, während Mila versetzt wird. Doch das junge Paar hat sich geschworen, um seine Liebe zu kämpfen. Mervyn geht in die Medien und setzt alle Hebel in Bewegung, um für Mila die Ausreiseerlaubnis zu erwirken. Er zahlt jedoch einen hohen Preis, weil er darüber seine akademische Karriere komplett vernachlässigt, die Stellung in Oxford verliert und an eine drittklassige Universität versetzt wird.

Schließlich gelingt es ihm, die Ausreise Milas zum Teil eines Agentenaustausches zu machen und das junge Paar kommt nach Jahren der Trennung endlich zusammen. Doch Mila hat in der Fremde zunächst Schwierigkeiten, sich anzupassen. Zunehmend entfremdet sich das Paar, und sowohl Mila als auch Merwyn wird klar, dass sie in erster Linie nur der schier unmögliche Kampf gegen übermächtige Gegner zusammengeschweißt hat.

Owen Matthews schildert einfühlsam und fesselnd das Schicksal zweier Menschen, deren Leben von den Interessen der großen Politik massiv beeinflusst und fast zerstört wird. Er verzichtet dabei auf eine moralische Wertung, sondern stützt seine Geschichte auf Archivmaterial. Gerade durch diese nüchterne Darstellung wird die Perversion der Machtverhältnisse in der früheren Sowjetunion offensichtlich. Phasenweise erinnern die radikalen Kurswechsel der Machthaber an Passagen aus Orson Welles‘ „1984“, der ebenfalls den Kalten Krieg als Ausgangspunkt für seine Dystopie gewählt hatte. Unsympathisch wirken eher die Vertreter des britischen Polit-Establishments, die sich über Jahre hinweg weigern, dem verzweifelten Paar zu helfen, um nur ja das fragile Verhältnis zwischen Ost und West nicht zu gefährden.

Owen Matthews hat angesichts der aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ein Werk von fast erschreckender Aktualität geschaffen. Vor allem Lesern der Generation, die den Mauerfall miterlebt hat, dürften so manche Szenen aus „Winterkinder“ vertraut erscheinen.

Owen Matthews, Winterkinder. Graf Verlag, 2014.

 

Wolfgang Herles, Susanna im Bade – ohne Zugang

Rezensentin: Dorothee Bluhm, https://www.wortparade.de

„Ein Buch ist ein Spiegel. Wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel herausgucken.“ (Georg Christoph Lichtenberg)

Warum ich meine Rezension mit diesem Zitat beginne? Weil ich mir immer noch nicht sicher bin, ob es an mir liegt oder an dem Buch, dass ich so gar keinen Zugang gefunden habe. Daher rezensiere ich auch zum ersten Mal in meinem Leben ein Buch, das ich nicht beendet habe. Bis Seite 114 (von 276) habe ich ausgeharrt, durchgehalten, mich durchgekämpft. Es zwischendurch weggelegt, wieder hervorgeholt … und schließlich gemerkt, dass es einfach für mich nicht lesbar ist.

Das Buch "Susanna im Bade" von Wolfgang Herles handelt von einem Kunsthändler, der süchtig nach Kunst und schönen Frauen ist. Er verliebt sich Hals über Kopf, zuerst in ein Bildnis, dann in eine Frau. Finanziell sieht es schlecht für ihn aus, da er sich von einmal erworbenen Stücken nie mehr trennen kann und ihm so das Geld auszugehen droht. Beim Versuch, Geld von schwarzen Konten in der Schweiz zu holen, kommt plötzlich eine Erpresserin ins Spiel.

So weit habe ich gelesen, die Umschlagklappe verrät noch ein wenig mehr, sogar Mord. Klingt spannend? Ja, fand ich auch. Aber die Art, in der Wolfgang Herles schreibt, ist für mich einfach unerträglich. Zuerst war es eine milde Irritation, dann bemerkte ich, dass ich längere Sätze zwei Mal lesen musste, bis ich sie in einen Zusammenhang bringen konnte. Und schließlich fiel mir auf, woran das liegt: Herr Herles vermeidet jegliche Anführungszeichen für direkte Rede. Und so schwamm ich von Satz zu Satz, ständig im Hinterkopf die Frage: „Wer sagt das denn gerade nun zu wem?“

Auch Gedanken der Personen stehen äußerlich ungekennzeichnet da. Für mich wurde das zunehmend zu einem durchgehenden Teppich aus für sich stehenden Sätzen und machte es mir unmöglich, das Buch weiterzulesen. Ich habe nie einen echten Bezug zu den handelnden Personen aufgebaut, sie blieben für mich merkwürdig blass, konstruiert, gefühllos. Und so hat es mich letztlich schlichtweg nicht mehr interessiert, wie es nun weiter geht im verworrenen Leben von Hans Achberg oder wer ihn warum erpresst.

Herles beschreibt Kunstwerke auf eine Weise, die in mir den beständigen Wunsch weckt, dieses Kunstwerk irgendwo nachzuschlagen, um mir eine Vorstellung davon machen zu können. Da ich nicht während des Lesens dauernd aufspringen und an den Computer rennen mag, hinterließ auch dieses Nichtwissen ein zunehmend frustrierendes Gefühl in mir.

Fazit: Susanna im Bade ist einfach kein Buch für mich. Ja, es mag durchaus sein, dass Leserinnen und Leser mit mehr Kunstverstand und mehr Bildung in diesem Buch schwelgen und es kaum weglegen möchten. Denn letztendlich kann nicht jedes Buch jedem Leser gefallen. Und da sind sie wieder, der Affe und der Apostel…

Wolfgang Herles, Susanna im Bade. S. Fischer Verlag, 1. Auflage 2014.

 

Bruno Jaschke, Im Arsch daheim – ein tierisches Vergnügen

Rezensent: Harry Sochor

Wer bösen, trockenen und schwarzen Humor mag, wird „Im Arsch daheim“ von Bruno Jaschke lieben. Der Wiener Schriftsteller und Journalist fordert zwar die Konzentration des Lesers ordentlich, aber wenn man erst einmal in den Kosmos der Hauptfigur eingetaucht ist, will man das Buch kaum noch weglegen.

Jaschke, der in der Wiener Literaturszene als Satiriker bekannt ist, dessen Werke vor Sarkasmus nur so triefen, schildert in „Im Arsch daheim“ einen Ausschnitt aus dem Leben eines bösen Menschen. In seinem Kosmos leben beispielsweise die frisurheikle Nachbarin, die von den Alimenten ihres Exmannes lebt und mit ihrer Freundin Gerda einen inoffiziellen Wettbewerb am Laufen hat, wer aktuell den besseren und leistungsfähigeren Bettgefährten an der Angel hat. Jaschke erzählt ein Jahr in Form von 366 Episoden, die als Kurz- und Kürzestgeschichten ebenso funktionieren wie als Erzählung, deren Handlungsstrang sich aus den nur locker miteinander zusammenhängenden Episoden ergibt.

Ein Hundebesitzer macht seltsame Sachen

Der Protagonist besitzt einen bösen Hund, von dem er im Lauf des Jahres eine ganze Serie von Tierportraits anfertigt. Den Hund hat er eigentlich nur zufällig, denn er war beim Spazierengehen einem Hund mit Migrationshintergrund begegnet, den er mit einem Stock vertreiben wollte. Der Hund mit Migrationshintergrund fasste das jedoch als Aufforderung zum Spiel auf, wich fortan nicht mehr von der Seite des bösen Menschen, passte sich an und wurde zum bösen Hund. In den folgenden Monaten sollte der böse Hund seinem Herrchen allerdings gute Dienste bei dessen Lieblingsbeschäftigung leisten: seine Umwelt zu trietzen. Er richtet den Hund darauf ab, autobiographische Schriftsteller aufzustöbern und diese beim Gassigehen anzupinkeln. Das Lieblingsopfer des bösen Menschen ist der Alleinerziehende, der im selben Haus lebt. Auch die Liebschaften des bösen Menschen haben es nicht einfach. Mit schöner Regelmäßigkeit stößt er beispielsweise seine Hauptliebschaft, die 100-Kilo-Frau, vor den Kopf, nur um hinterher ganze Tage damit zuzubringen, sich wieder bei ihr einzuschmeicheln. Eine weitere Figur, die immer wieder durch das Buch geistert, ist der Wirtschaftskammerfunktionär Oktavian Laroche, der hinter alles und jedem eine rote Verschwörung wittert. Und dann ist da noch der Förster, der regelmäßig seine Frau schlägt und sich das Schweigen der Ärzte und des Personals im Krankenhaus mit satten Trinkgeldern erkauft, wenn er zu fest zugeschlagen hat. Das geht so lange gut, bis ein neuer, unbestechlicher Arzt im Dienst ist…

Fazit: Eine bitterböse Satire!

Bruno Jaschke gelingt es, die schlechten Eigenschaften der Menschen so zu präsentieren, dass sie komisch wirken. Trotz ihrer menschlichen Abgründe wirken die Protagonisten charmant, fast liebenswert. Auch wenn es laut Jaschke nicht in seiner Absicht lag, darf „Im Arsch daheim“ durchaus als gesellschafts- und medienkritisch gesehen werden. So beschreibt er beispielsweise, wie ein landesweiter Medienhype entsteht, nur weil der böse Mensch durch das Treppenhaus gelaufen war und dabei lautstark gerufen hatte, dass die deutsche Bundeskanzlerin die Intendanz am Burgtheater übernehmen werde. Das wiederum teilt der Alleinerziehende einem befreundeten Kulturredakteur mit, der daraus einen Aufmacher strickt und sich auf eine zuverlässige Quelle beruft. Nachdem die Nachricht landesweit erschienen ist, gibt es erwartungsgemäß ein Dementi aus dem Bundeskanzleramt und die deutsch-österreichischen Beziehungen kühlen ab. Köstlich!

Jaschke schreibt aus dem, aber nicht für das Wiener Milieu. Er nutzt konsequent Ausdrücke, die lediglich im Großraum Wien bekannt sind und unterstreicht damit den Typus des grantelnden Österreichers. In dieser Hinsicht lässt sich „Im Arsch daheim“ durchaus mit Ludwig Thomas´ Lausbubengeschichten vergleichen. Dass der Autor gelegentlich aus seiner eigenen Perspektive schreibt und den Leser direkt anspricht, mag Anfangs etwas verwirrend sein, trägt aber insgesamt sehr gut zu einer gelungenen Melange des schwarzen Humors bei.

Bruno Jaschke, Im Arsch daheim. AROVELL Verlag, 1. Auflage 2014.

Buchrezis 2014

 

Merle Hilbk, Die Chaussee der Enthusiasten. Eine Reise durchs russische Deutschland.

Rezensent: Ahu Gür

„Wenn Sie mich Russe nennen, dann bin ich eben ein Russe“, antwortet mir David, der Vater einer Freundin auf die Frage, wie ich ihn politisch korrekt einordnen soll.

Fakt ist: "Russisches“ Leben ist ein Teil unserer deutschen Gesellschaft.

In „Die Chaussee der Enthusiasten. Eine Reise durchs russische Deutschland“, erschienen im Aufbau Verlag, berichtet Merle Hilbk über das Spektrum russischsprachigen Lebens in Deutschland. Ausgehend von der Erstaufnahmeeinrichtung Friedland im Landkreis Göttingen begibt sich Hilbk auf eine Reise, die sie quer durch Deutschland führt. Dabei trifft sie Menschen, die alle aus unterschiedlichen Gründen aus der damaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind. Sie hört die Hoffnungen der Russlanddeutschen, die auf der Suche nach Heimat sind, trifft russische Intellektuelle mit jüdischen Wurzeln oder feiert auf der angesagten „Datscha Party“ in Hamburg zu russischen Rockbeats. Sie entdeckt eine Welt voller Reichtum in Baden-Baden, wird Zeugin monotoner Plattenbausiedlungen in Berlin-Marzahn und besucht russische Poetry Slams.

In erster Linie erzählt Hilbk Geschichten von Menschen. Gleichzeitig gelingt es ihr, die vielen Facetten des russischen oder besser gesagt russischsprachigen Lebens zu skizzieren, ohne dabei in klischeehafte Erzählungen zu verfallen. Lebhaft wird der Leser Teil ihrer Begegnungen, verfolgt gespannt die Geschichten und Schicksale der einzelnen Protagonisten. Die Autorin karikiert nicht, sie erzählt, mal komisch, mal sachlich und mal traurig. Sie zeigt Mutlose, die sich in eine Blase zurückziehen, aber auch hoffnungsvolle Menschen, die aus fehlender Anerkennung der Mehrheitsgesellschaft kreative Projekte ins Leben rufen und so aktiv zu einem bunten Deutschland beitragen. Hilbk beobachtet. In einer geschmeidigen Art vermittelt sie ganz nebenbei geschichtliche Fakten, die mir so nicht bewusst waren oder die ich schlichtweg nicht wusste.

So wird der Bericht zum vermeintlichen Roman, der sich aus vielen Begegnungen zu einem großen Ganzen zusammensetzt und uns eine Welt näher bringt, die mitten unter uns lebt und atmet.

Merle Hilbk, Die Chaussee der Enthusiasten. Eine Reise durchs russische Deutschland. Aufbau Verlag.

 

Rebecca Stephan, Zwei halbe Leben. Nichts Halbes, nichts Ganzes

Rezensentin: Dorothee Bluhm, https://www.wortparade.de

Diese Rezension habe ich längere Zeit vor mir her geschoben, denn ich war ziemlich enttäuscht. Der Klappentext und die Aufmachung des Buches versprachen so viel. Nur leider hält das Buch nichts von diesen Versprechungen.

Die Idee der Geschichte ist gut und realistisch: Maximilian und Sophie werden bei einem schlimmen Bombenangriff 1945 in einem Frankfurter Keller verschüttet. Dort erleben beide das, was man ‚Liebe auf den ersten Blick‘ nennt. Und noch mehr: Sie verfallen einander mit Haut und Haaren. Der Haken: Beide sind nicht nur verheiratet, sondern haben auch Kinder. Als sie sich dann aus dem Keller freigeschaufelt haben, beschließen sie, mit Hilfe einer guten Freundin von Sophie einen kompletten Monat in ‚ihrem Zuhause‘, dem Keller, zu verbringen, und dann erst zu ihren Familien zurückzukehren. Alles Weitere wollen sie dem Schicksal überlassen. So vereinbaren sie, sich jedes Jahr am 18. April zwischen 6 Uhr morgens und Mitternacht für genau fünf Minuten am Römerplatz aufzuhalten. Wenn sie sich begegnen, verbringen sie ihr weiteres Leben gemeinsam. Wenn nicht – dann versuchen sie es eben nächstes Jahr wieder.

Die Idee ist gut, aber dann wird zunehmend dick aufgetragen:

Sophie ist arm wie eine Kirchenmaus, ihr Mann ein prügelnder, ungepflegter, widerlicher Alkoholiker, der droht, sie umzubringen, sollte sie ihn verlassen. Maximilian gehört zu einer der reichsten Familien Frankfurts, steckt aber fest in einer Ehe mit einer gefühlskalten Frau und einem Netz aus Intrigen, das sein patriarchalischer Vater perfekt spinnt.

Wie sich die Leben der beiden über die nächsten Jahre entwickelt, wird abwechselnd von der Autorin erzählt und anhand von Briefen, die Maximilian und Sophie einander schreiben (ohne sie absenden zu können, da sie nicht mal ihre Nachnamen ausgetauscht haben). Auch diese Idee ist gut, allerdings ging mir das permanente Gejammere der beiden unglaublich auf die Nerven. Es ist für mich unglaubwürdig, dass Sophie in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit, in der tausende von Menschen verschollen sind, nicht irgendeinen Weg gefunden hätte, mit ihren Kindern komplett unterzutauchen.

Auch Maximilian fügt sich, wird immer schwächer und auf Dauer lethargisch und depressiv. Es muss sogar sein Sohn für ihn aktiv werden und ihn aus der scheinbar aussichtslosen Situation innerhalb weniger Monate herausboxen. Auch hier ging mir die Figur des armen, reichen Mannes, der nicht in der Lage ist, selbstständig zu handeln, sehr auf die Nerven. Vielleicht war es zu Kriegszeiten und in der Nachkriegszeit tatsächlich in der Gesellschaft so, aber ich tue mich schwer damit zu glauben, dass zwei Menschen, die sich dermaßen lieben wie Max und Sophie, tatsächlich 20 Jahre lang willentlich in ihren miserablen Leben steckenbleiben – egal in welcher Epoche.

Doch auf einmal überschlagen sich die Ereignisse, schnell wird noch der Bezug zu tatsächlich Geschehenem hergestellt, und ich kam aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Nach 20 Jahren tatsächlich Licht am Ende des Tunnels? Hoffnungsvoll nahm ich die letzten Seiten in Angriff und … dazu kann ich nun nichts sagen, ohne zukünftigen Lesern zu viel zu verraten. Darum sage ich sehr neutral: Der Schluss passt zu meinem Eindruck vom gesamten Buch.

Und schüttele meinen Kopf noch ein wenig weiter. Die Sprache im Buch ist zum Teil sehr schlicht, zum Teil sehr schwülstig. Dazu erklärt die Autorin überflüssig oft Sachverhalte, die man als halbwegs gescheiter Leser eigentlich sofort selbst versteht.

Mein Fazit: Es hätte wirklich ein sehr schönes Buch werden können, hinterließ aber während des Lesens und nach dem Zuschlagen bei mir ein eher genervt-frustriertes Gefühl. Übrigens ist ‚Rebecca Stephan‘ ein Pseudonym. Dahinter steckt Steffi von Wolff, die wohl normalerweise eher im Bereich der lustigen Frauenbücher angesiedelt ist. Da ich davon allerdings (noch?) keines kenne, kann ich keine Aussagen dazu machen, ob ihr das Genre vielleicht besser liegt. Vielleicht teste ich das mal als nächstes aus.

Rebecca Stephan, Zwei halbe Leben. List Verlag, 3. Auflage 2012

 

Tom Rob Smith, Kolyma. Düster und hoffnungslos – das Scheitern der Utopie.

Rezensentin: Monika Albert

Moskau 1956. Leo Demidow, Ex-KGB Agent und nun der Leiter des ersten und geheimen Morddezernats in Moskau, glaubt sich geläutert. Zwar hat er früher unter Stalins Herrschaft schlimme Verbrechen begangen, doch inzwischen ist unter Chruschtschow eine neue Ära angebrochen, die sich aufgeklärter gibt. Leo hat mit seiner Frau Raisa zwei Mädchen adoptiert. Für die Ermordung ihrer Eltern ist er mit verantwortlich und das lassen ihn die Kinder spüren. Vor allem die ältere Zoya hasst ihn dafür. Aber die Vergangenheit lässt sich nicht verdrängen. Die unschuldigen Opfer sind inzwischen begnadigt. Ihr Hass ist sehr lebendig und fordert Vergeltung.

„Befreie meinen Mann, sonst ermorde ich Deine Tochter!“ Eine fast unlösbare Aufgabe für Leo. Er schleust sich als Gefangener in den Gulag 57 in Kolyma ein, um diesen Auftrag auszuführen, der seine Tochter retten soll. Der Plan scheitert, Leo wird sofort von seinen Mithäftlingen entlarvt. Dass er wieder einmal zum Spielball politischer Intriganten geworden ist, merkt er viel zu spät. Verurteilung des Stalinismus Tom Rob Smith setzt sich in Kolyma intensiv mit den Verbrechen des Stalinismus auseinander. Darauf muss man sich als Leser einlassen können. Eine Gesellschaft, die zerfallen ist in Täter, Opfer und Mitläufer, lässt sich nicht so einfach kitten. Die Gräben sind tief, die alte Garde sitzt immer noch fest im Sattel und die Menschen sind nur Spielbälle der Politik. So viel Hoffnungslosigkeit löst bei mir bestenfalls Depressionen aus, lässt aber kein wirkliches Lesevergnügen aufkommen.

Der erste Roman von Tom Rob Smith „Kind 44“ hatte deutlich mehr Potenzial. Dort ging es um einen spannenden Kriminalfall und die politischen Wirren waren als Hintergrund eingearbeitet. Bei „Kolyma“ ist die Gewichtung verrutscht. Der Fall tritt völlig in den Hintergrund, so dass sich drei Viertel des Buches nur noch mit politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen und deren Unmöglichkeit beschäftigen. Stellenweise durchaus packend geschrieben, aber eben kein Krimi. Die schier endlose Aneinanderreihung von actionreichen Szenen konnte bei mir keine Spannung erzeugen.

Mein Fazit: „Kolyma“ erreicht leider nicht die Qualität von „Kind 44“. Zu wenig Substanz für einen guten Krimi und zu phantasievolle Auslegung der historischen Fakten für einen guten historischen Roman.

Tom Rob Smith, Kolyma. Dumont Verlag.

 

Jan-Philipp Sendker, Herzenstimmen

Rezensentin: Yvonne Giebels

Der Titel des Romans von Jan-Philipp Sendker klingt zunächst nach einem schnulzigen Liebesroman. Doch schon nach den ersten Seiten wird klar: „Herzenstimmen“ ist alles andere als das.

Hauptperson des Buches ist Julia Win, Anwältin in New York und bestens durchorganisiert. Spontan ist bei Julia nichts, noch nicht einmal ein Treffen mit ihrer besten Freundin. Doch dann erhält Julia unerwartet einen Brief von ihrem Halbbruder U Ban aus Burma, den sie zehn Jahre zuvor kennengelernt hatte. Von dieser Reise erzählt der Vorgängertext „Herzenhören“. Und doch ist „Herzenstimmen“ mehr als eine bloße Fortsetzung, denn auch wer das erste Buch nicht gelesen hat, ist von Julias Geschichte gefesselt.

Nachdem Julia den Brief ihres Bruders gelesen hat, hört sie plötzlich die Stimme einer Frau in ihrem Kopf, die offensichtlich sehr verängstigt ist. Wie jeder „normale“ Mensch geht Julia zu einem Psychotherapeuten, doch der kann ihr nicht helfen. Erst durch die Intervention ihrer besten Freundin wird Julia klar, dass sie zurückkehren muss nach Burma, in das Land ihres Vaters, um herauszufinden, was es mit dieser geheimnisvollen Stimme auf sich hat – und das, obwohl die Stimme versucht, sie mit allen Mitteln von dieser Reise abzuhalten.

Julia fliegt nach Burma. Hier sieht sie nicht nur ihren Bruder wieder, sondern findet auch ein völlig verändertes Land vor, das auch mich als Leser fasziniert. Jan-Philipp Sendker gelingt es, in seinem zweiten Roman nicht nur eine spannende Geschichte zu erzählen, sondern dem Leser auch die Geschichte Burmas näherzubringen. Das geschieht nicht mit dem Holzhammer, sondern ist so geschickt in die Geschichte eingebettet, dass man es als Leser kaum bemerkt. Besonders deutlich empfindet der Leser dabei die allgegenwärtige Macht des Militärs und die Ohnmacht der Bevölkerung, sich gegen das Militär zu wehren. Romantisch-verklärende Blicke auf die ostasiatische Lebensweise, wie sie im Westen vielerorts bis heute Konjunktur haben, haben hier keinen Platz. Und trotzdem ist der Roman keine Generalabrechnung oder Anklage – im Gegenteil: Er beschreibt sehr behutsam die Verhältnisse in Burma und entfaltet gerade dadurch eine ungeheure Wucht.

In Burma angekommen, wird Julia mit Hilfe ihres Bruders schnell klar, dass auch die Stimme in ihrem Kopf unmittelbar mit der brutalen Militärherrschaft über Burma zu tun hat. Für Julia beginnt eine gefährliche Spurensuche, an deren Ende sie durch ihre Beharrlichkeit die berührende Geschichte von Nu Nu (der Stimme in ihrem Kopf), ihrem Mann Maung Sein und den gemeinsamen Söhnen Ko Gyi und Thar Thar kennt. Vor allem aber weiß sie, was im Leben wirklich zählt.

„Herzenstimmen“ ist ein tief-bewegender Roman über die Geschichte Burmas und darüber, dass das Leben oft vielschichtiger ist, als es auf den ersten Blick scheint. Es lohnt sich, diese Vielschichtigkeit aus der Sicht von Jan-Philipp Sendker zu erforschen.

Jan-Philipp Sendker, Herzenstimmen. Karl Blessing Verlag (2012).

Buchrezis 2014

 

Yasmina Khadra, Die Lämmer des Herrn

Rezensent: Manuel Niemann

Vorangestellt diesem Roman von Yasmina Khadra ist ein Nietzsche-Zitat, das das Gedächtnis als den einzigen Mitwisser ausweist, welcher von einigen mitunter getrübt und misshandelt werde, um zumindest an diesem Rache zu nehmen. Damit ist hier nicht bloß jener nachträgliche nostalgisch-verklärende Blick auf die eigene Vergangenheit gemeint, sondern das Zurechtrücken der eigenen Biografie, welches die selbst begangenen Grausamkeiten schlicht nicht mehr sehen oder erinnern will.

Yasmina Khadra sind die beiden Vornamen der Ehefrau des algerisch-stämmigen Autors Mohammed Moulessehoul. Der 1955 geborene Moulessehoul war, bis er im Jahr 2000 den hochrangigen Dienst quittierte, Offizier in der algerischen Armee. Er kämpfte unter anderem gegen die islamistische Gewalt in seinem Land. Nach immerhin 36 Jahren der Zugehörigkeit, seit er als Neunjähriger von seinem Vater in die Obhut einer Militärakademie gegeben worden war, verließ er das Militär und emigrierte nach Frankreich. Zuvor zwang ihn ein Erlass, der es Angehörigen der Armee auferlegte, Publikationen einer Zensurbehörde vorzulegen, seine Bücher unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Zunächst unter dem Namen des Protagonisten seiner Kriminalromane „Commissaire Llob“, dann unter den beiden Namen seiner Frau. Erst im September 1999 deutete er in einem Interview mit „Le Monde“ an, das sich dahinter keine Frau verberge, bevor er sich im Exil vollends zu erkennen gab.

Yasmina Khadra, „grüner Jasmin“, konterkariert dabei sehr gut, was sich in den Ohren einer westlichen Rezeptionserwartung nur zu gut ausnehmen würde. Doch statt einer verängstigten oder gar unterdrückten Frau verbarg sich hinter diesem, wie es der „Guardian“ formulierte, eben ein „soldier-novelist“ oder auch „a man of war“. Und dieser beschreibt in „Die Lämmer des Herrn“ diese seine Wirklichkeit, die er als Soldat aktiv begleitet hat – die eines andauernden Kriegszustands. Genauer, des Bürgerkriegs, dem Algerien anheim fiel, als nach der Befreiung von der französischen Kolonialherrschaft und dem Fall des Monopols der „Nationalen Befreiungsfront“ (NFL) der wirtschaftliche Niedergang des Landes eine erste Phase der Demokratisierung zunehmend erstickte.

Als ein möglicher Wahlsieg islamistischer Kräfte 1991/92 zu einem Wahlabbruch und zur Anordnung zur Auflösung der „Islamischen Heilsfront“ (FIS) führten, rief diese zum bewaffneten Kampf gegen die intervenierende algerische Armee auf. Exemplarisch schildert Moulessehoul dies hier an der Gemeinschaft des Dorfes Ghachimat, das zunächst noch unberührt von den ersten, sich 1988 ausbreitenden Unruhen in Algier bleibt. Im Zentrum rückt dabei das Werben dreier junger Männer um dieselbe Frau, die unterschiedlicher nicht sein könnten, zunächst aber freundschaftlich verbunden sind: Allal, der Polizist ist, Kada, der Lehrer, und der in den Tag hinein lebende Jafer. Als sich die Tochter des Bürgermeisters jedoch nicht für Kada entscheidet, radikalisiert sich dieser und lässt sich als Mudjaheddin nach Afghanistan entsenden.

Moulessehoul entlarvt hier symptomatisch, wie enttäuschte Träume, auch die an eine „Dämonkratie“ (sic!), zu religiös motivierter Gewalt führen. Und wie sich unter deren Deckmantel Opportunismus und Kriminalität entfalten können. Er kleidet dies in eine klare, beinahe schlichte Sprache, unter der ab und an kurze Naturbeschreibungen und Landschaftsskizzen luzide hervorstechen. Dies ist bewusst gesetzter Kontrast zu der geschilderten drastischen Gewalt in der menschlichen Gemeinschaft während der Schreckensherrschaft der jungen Islamisten. Obwohl sich Moulessehoul redlich bemüht, auch über die drei Freunde hinaus ein differenziertes Bild der Dorfgemeinschaft mit je wechselnden Perspektiven und Motiven zu liefern, ist es offenkund, wem dort seine Sympathien gelten und wem nicht.

„Die Lämmer des Herrn“ ist Tendenzliteratur im besten Sinne: Ein schnörkelloser und schonungsloser Bericht aus der Misere Nordafrikas. Mord, Vergewaltigungen oder Bombenanschläge – der Terror – als islamistische Antwort auf nicht fruchtende Demokratiebestrebungen und den Bruch mit der sich auflösenden traditionellen Dorfgemeinschaft. Und dies noch aus einer Zeit lange vor dem sogenannten „Arabischen Frühling“.

Yasmina Khadra: Die Lämmer des Herrn Aufbau Verlag, Berlin 2011. Übersetzung von Les agneaux du Seigneur, Paris 1998.

 

Atle Næss, Die Riemannsche Vermutung. Oder: Eine Wurzelbehandlung der Liebe.

Rezensent: Harald Wurst, www.ph1.de

Vorab: Im norwegischen Original heißt dieser Roman „Wurzel aus minus eins“. Womit ich jetzt einfach mal eine kurze seitliche Arabeske aufs mathematische Terrain einleite – denn ein paar Grundlagen in Bezug auf die Gedankenwelt von Riemann und Konsorten helfen womöglich beim Verifizieren der kritischen Betrachtung dieses Buches.

Voilà: Im Raum der reellen Zahlen ist eine negative Wurzel nicht definiert; denn Minus mal Minus ergibt immer Plus. Anders aber bei der Erweiterung hin zu den komplexen Zahlen. Und da wird dann die Wurzel aus (-1) ‚i‘ genannt. Damit ist, unter anderem nach Ansicht des Autors Atle Næss, die Welt ins Metaphysische hinein eröffnet. Und damit konnte Bernhard Riemann 1859 auch seine berühmte Vermutung aufstellen. In prosaischen Worten lautet diese: Man kann bei der Verteilung von Primzahlen im unendlichen Meer der natürlichen Zahlen gewisse versteckte Muster bei deren Auftauchen entschlüsseln. Auf diesem Fundament bastelt Næss nun seine Geschichte, die uns als Tagebuchaufzeichnungen des Mathematikdozenten Terje Huuse serviert wird.

Der primäre Plot selbst ist schnell erzählt: Mathematiker Huuse hat Frau und zwei Kinder im „schwierigen“ Teenageralter, natürlich ist er in der Midlife-Krise, sexuell läuft im Hause Huuse schon länger nichts mehr. Da lernt er im Rahmen seines Projekts einer geplanten Riemann Biografie bei einem Schreib-Workshop eine gleichaltrige Frau kennen, verliebt sich in diese, muss alles ganz geheim halten, fährt mit ihr sogar nach Berlin und Göttingen zu Recherchen in Sachen Riemann – und muss nach einer häuslichen Katastrophe schnell wieder heim nach Oslo.

Uff! Dass der Erzählstrang dieser Liebesgeschichte die etwas platte Anmutung einer ZDF-Schmonzette aufweist, trübt das Lesevergnügen, wird aber überraschenderweise dann aber – auch mit Bezug auf die offensichtlichen formalen Schwächen – am Ende des Buches aufgelöst. Das ist zwar in gewisser Weise clever vom Autor. Allerdings: beim Lesen der ersten 180 Seiten hilft das freilich nicht. Das Ganze ist leidlich ordentlich erzählt. Der subjektive Einblick in das sozial-emotionale Trauerspiel eines saturierten Mittelständlers jedoch recht ausufernd und nicht besonders originell geschildert. Daneben rauscht der Erzählfluss zur fragmentarisch sich entwickelnden Riemann Biographie. Und die Philosophie von einsamen Zahlenwerten und sich findenden Menschen wabert durch den Subtext. Aber wie gesagt, am Ende wird’s dann – auch durch plötzlichen Perspektivenwechsel – wenigstens in der Rückschau ein Stück weit geistreich.

Fazit in Summe: Primzahlen verstanden. Prima geht aber anders.

 

Michail Schischkin, Venushaar

Rezensent: Miguel Peromingo

Michail Schischkin wird auf dem Buchrücken von „Venushaar“ als der neue Tolstoi bezeichnet. Das ist vor dem Hintergrund des literarischen Schubladendenkens verständlich, wird dem zeitgenössischen Erfindungsreichtum und kompositorischen Mut dieses Werkes aber nicht gerecht.

Es gibt gleichwohl eine Vielzahl klassischer Elemente, die der Leser der 500seitigen Geschichte des russischen Exilschriftstellers erwarten kann. Die Handlung ist monumental. Sie spielt in drei verschiedenen Hauptsträngen: Der imaginären Antike Xenophons, dem glamourösen Sankt Petersburg des ersten Weltkriegs und der heutigen Schweiz. Dort übersetzt der Dolmetscher eines Asylantenheims im Rahmen von Antragsgesuchen die Lebensgeschichten der Flüchtlinge. Es werden Papirossi geraucht, und die weißen Nächte entstehen vor dem Auge des Lesers. Immer wieder senkt sich die Schwere der russischen Seele herab, etwa wenn die berühmte Sängerin Isabella im vorrevolutionären Russland die Briefe ihres geliebten Soldaten Aljoscha in das gemeinsame Tagebuch legt.

Schischkins Stil verdient Anerkennung, aber nicht weil er sich in der Tradition der russischen Meister bewegt, sondern weil „Venushaar“ etwas furios Neues besitzt. Es schert sich wenig um heutige Normen, wie dem show don’t tell oder der jederzeit nachvollziehbaren Verortung von Charakteren und Handlung. Die Figuren in den Episoden des Dolmetschers sind austauschbar, ihre Dialoge sind in „Frage“ und „Antwort“ unterteilt. Es sind ihre Geschichten und die Not, die sie zu Asylsuchenden machten und das grausame Alleinstellungsmerkmal setzen.

Die Tagebucheinträge Isabellas sind beschreibend und monologisierend, trotzdem sind diese Stellen außergewöhnlich intensiv. Die Einfachheit ihrer Sprache, ganz ohne angestrengte Suche nach neuen Metaphern, wirkt erfrischend. Wir durchleiden Liebeskummer, Verlust, verbotene Begierde und die Schattenseiten des Ruhms mit Isabella, um dann auf Seite 500 eine einfache Lebensformel angeboten zu bekommen:

„Das ist wie mit dem Glück. Alle können unmöglich glücklich sein – wer also kann, sollte seine Chance nutzen.“

Das Buch jongliert frech mit historischen Details und Elementen des magischen Realismus, wechselt dann wieder in die nüchterne Terminologie von behördlichen Prozessen. An einer Stelle fordert uns der Autor sogar auf, Stellen zu überblättern, falls es uns zu langweilig wird.

„Venushaar“ ist keine einfache Lektüre. Es fordert den Leser emotional und intellektuell. Die kapitellosen Wechsel zwischen den Erzählebenen benötigen, einem schwer beladenen Schiff gleich, ihre Zeit, bis sie volle Fahrt ins Leseverständnis aufnehmen können. Doch dann segelt es sich mit Leidenschaft und am Ende geht man traurig von Bord.

Der Buchrücken sollte lauten: „Wir brauchen keinen neuen Tolstoi. Wir haben Schischkin.“

Michail Schischkin, Venushaar Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. btb Verlag München, 2013.

Der Autor Miguel Peromingo ist als Sohn spanischer Migranten in Deutschland aufgewachsen und arbeitet als Berater für internationale Organisationen in Brüssel. Dort hat er auch die mehrsprachige Schreibgemeinschaft writingbrussels.com gegründet. 2014 ist sein erster Roman „Fastenzeit“ um den zynischen Antihelden Jorge und seiner ‚Coming of Age Story’ erschienen.

 

Arne Dahl, Neid

Rezensent: Moritz Müller, Leipzig

Der Kapitalismus ernährt uns. Und zugleich verzehrt er uns. Fasziniert und empört in einem Atemzuge sind wir. Die soziale Verantwortung des Unternehmens und der Unternehmer besteht darin, den Wert ihrer Firma zu steigern, am besten zu maximieren. So lehrt es die ultrakonservative Schule, etwa der Ökonom Milton Friedman. Dass freier Markt und Kapitalismus ein zu forderndes Maß an Menschlichkeit, Sittlichkeit und Recht nicht aus sich selbst heraus zu garantieren vermögen, zeigt Arne Dahls neuer Roman „Neid“.

Ermittler aus mehreren EU-Staaten sind auf der Spur eines europäisierten Verbrechens, dessen Monstrosität und Virulenz dem Leser allmählich in eindrücklicher erzählerischer Meisterschaft enthüllt wird. Europa, das wir als Schauplatz des Triumphs von Frieden, Recht und Verständigung kennen, ist bei Dahl Schauplatz des Bösen, Abgründigen, des sittlich-moralischen Niedergangs. Menschenhandel, eine bedrohte EU-Kommissarin und allenthalben die bedrohlich wachsenden Möglichkeiten und Verlockungen der Technik, die den Hütern des Rechts wie seinen Feinden gleichermaßen zu Gebote stehen …

Eine Vielzahl an Handlungssträngen und Dahls virtuose Erzähltechnik, die mit der Virtuosität und Verwickeltheit des Bösen korrespondiert, machen die Lektüre zu einem Erlebnis. Das Neid als Gefühl aber auch gut sein kann, Antriebsfeder sein kann für Aktionen und das Erreichen hochgesteckter Ziele, dass Neid letztlich auch das gemeine Wohl befördern kann, nicht zwingend in Unrecht und Verbrechen umschlagen und entarten muss, vermisst man bei Dahl. Es gilt immer, auch in dunkelster Nacht, die Selbstbeschreibung des Mephistopheles: „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Buchrezis 2014

 

Stefan Müller, 111 Gründe Bücher zu lieben. Oder: Ein Lese(r)buch.

Rezensent: Harald Wurst

Der Magdeburger Stefan Müller ist wohl das, was man im bildungssprachlichen Milieu gern als „Homme de lettres“ etikettiert. Geboren 1980, stellte er bereits als 17-jähriger seinen ersten Roman „Vertraute Fremde“ vor. Es folgten ein Studium der Germanistik und Anglistik, parallel dazu Engagements in den Redaktionen von Magdeburger General-Anzeiger bzw. Elbe Kurier und die Berufung zum Internetredakteur beim Landtag von Sachsen-Anhalt.

2013 erschien dann im Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf der Jugendroman „Tibor und ich“ vom mittlerweile promovierten Literaturwissenschaftler. Ach ja: als Sänger ist Stefan Müller auch unterwegs. Und nun stimmt er – ebenfalls bei Schwarzkopf & Schwarzkopf verlegt – ein vielseitiges Loblied aufs Lesen an. „Oha!“, denkt da womöglich mancher sofort: Schon wieder so ein subjektiver Kanon der empfehlenswerten Literatur.

Ja… teilweise durchaus. Aber „111 Gründe Bücher zu lieben“ ist weit mehr als eine Lese-Liste für mehr oder weniger bewanderte Literaturfreunde. Stefan Müller führt seine Leser hier in mehrfacher Hinsicht „listig“ ans Thema ran. Wie und wo kann die Liebe zu Büchern entstehen? Was sagt uns ein Gedankenstrich bei Kleist? Ist Anna Karenina ein Buch zum Film? Macht Büchersortieren eigentlich kreativ? Ist Hans Henny Jahnn ein sexuell getriebener Revoluzzer? In diesem Spektrum behandelt Müller seinen Themenkreis. Und in 111 Aspekten wird so bei dieser Hommage ans Lesen das Leben mit Büchern betrachtet, beschrieben und auch hinterfragt. Den Doktor der Literaturwissenschaft lässt Stefan Müller dabei eher selten aus dem Text herausdozieren. Erfreulicherweise. Denn der vorherrschende Stil in diesem Buch ist zwar von profundem Wissen geprägt – aber immer mit einer freundlichen Leichtigkeit präsentiert. Wobei mir persönlich manche Ausführungen fast etwas zu leise, zu betulich oder zu zutraulich hinsichtlich der beim Humor nach oben offenen Richterskala präsentiert werden.

Insbesondere werden vor allem „Hardcore-Leser“ hier kaum auf bislang ungeahnte Literaturempfehlungen stoßen. Das dürfte allerdings auch nicht die Absicht von Stefan Müller beim Schreiben dieses Buches für die 111-Reihe des Verlags gewesen sein. Wer aber einfach mal eine feine Bestätigung für den sinnstiftenden Gehalt seiner Liebhaberei für Bücher und das Lesen an sich möchte oder an ein Geschenk für hoffnungsvolle Nachwuchsleseratten denkt, bekommt mit „111 Gründe“ von Stefan Müller schon reichlich gute Argumente an die Hand. Und hat womöglich – neben unterhaltsamer Nachttischlektüre – damit auch ein linguistisches Update für so manchen Smalltalk unter Gleichgesinnten genossen.

Stefan Müller, 111 Gründe Bücher zu lieben. Schwarzkopf & Schwarzkopf, März 2014.

 

Milena Agus, Die Gräfin der Lüfte. Warmherzig, aber wenig Inhalt,

Rezensentin: Steffi Wagner

„Die Gräfin der Lüfte“ ist der erste Roman, den ich von Milena Agus gelesen habe. Der Roman bekommt von mir 2,5 von fünf Sternen, da die Geschichte zwar sehr schön beschrieben und geschrieben ist, mich aber der Inhalt nicht so sehr berührt hat.

Mich hat das Büchlein eher an eine Plauderei unter Freunden erinnert, die über den Alltag von drei eher ungewöhnlichen Schwestern erzählt. Meistens geht es dabei um nichts Essentielles. Die Geschichte ist unterhaltsam und warmherzig erzählt, aber leider ohne besondere Höhepunkte und spannende Situationen. Die Handlung spielt auf Sardinien, wo drei Schwestern in einem ererbten ehemaligen Adelspalast leben. Sie sind verarmte Gräfinnen mit vielen Wünschen und Träumen ganz normaler Frauen. Die eine möchte ein Kind, die andere hat eines, das etwas zurückgeblieben und kaum zu bändigen ist, und die dritte sucht nach einem Mann. Gleichzeitig würden sie gerne die Teile des Palazzos zurückkaufen, die sie einst verkaufen mussten.

Für mich ging diese Geschichte zu wenig in die Tiefe und leider waren mir auch die Figuren nicht sonderlich sympathisch. Trotzdem hat mir der Schreibstil durch die tollen erzählerischen und beschreibenden Elemente gut gefallen. Dennoch konnte ich nach der Lektüre nicht genau sagen, worum es in der Geschichte wirklich geht.

Milena Agus: „Die Gräfin der Lüfte“ Deutscher Taschenbuch Verlag, 2011.

 

Ulrike Sosnitza, Ein Klick zu viel

Rezensentin: Petra Gugel

„Die letzte Hausfrau des neuen Jahrtausends“, so wird Emmy genannt. Dabei wäre sie doch viel lieber erfolgreich und berühmt. Emmy möchte einen Roman schreiben, um endlich zu beweisen, dass sie mehr kann als kochen und Kinder hüten. Allerdings fehlen ihr Talent und Ausdauer, um ein ordentliches Manuskript zu Papier zu bringen.

Eher zufällig als geplant kopiert sie einen Text aus dem Internet und gibt ihn als ihren eigenen aus. Eigentlich wollte sie damit nur eine Bekannte beeindrucken. Als das Manuskript jedoch einem Verleger in die Hände fällt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Das Buch wird ein großer Erfolg und sogar für einen Literaturpreis nominiert. Als die wahre Autorin Mere dahinterkommt, nimmt sie den Kampf nach ihren eigenen Regeln auf.

Der Klappentext verspricht eine bitterböse Komödie, in der nicht alles ernst gemeint ist, was in rasantem Tempo geschildert wird. Leider ist der Anfang des Buches nicht unbedingt rasant. Nur allmählich entwickelt sich die Story um die Protagonistinnen Emmy und Mere, die ich zudem beide nicht besonders sympathisch fand – wobei Mere in ihrer Kompromisslosigkeit immerhin ein interessanter Typ ist. Obwohl sie nach der Trennung von ihrem Mann obdachlos ist, schreibt sie ein hervorragendes Manuskript. Emmy lebt dagegen in ihrem Villenhaushalt und wird schlimmstenfalls von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt.

Dass ich das Buch dennoch nicht weglegen konnte, lag am Thema. Das Buch widmet sich einer aktuellen Problematik, auf die mich eine befreundete Autorin aufmerksam machte. Viele unbekannte Schriftsteller veröffentlichen ihre Texte auf Internetplattformen, um Verlage darauf aufmerksam zu machen. Einige von ihnen mussten jedoch feststellen, dass jemand ihren Text kopiert, geringfügig verändert und dann als eigenes E-Book zum Download angeboten hat.

Fazit: Wer die dahinplätschernden ersten zehn Kapitel (insgesamt sind es 47) durchgehalten hat, wird mit einer spannenden Story belohnt. Die Autorin findet zu einem flotteren Schreibstil und die Geschichte nimmt richtig Fahrt auf. Im letzten Teil des Buches überschlagen sich die Ereignisse und das Tempo wird tatsächlich so rasant wie im Klappentext versprochen. Der Roman überrascht mit einigen unerwarteten Wendungen und hinterlässt eine interessante Frage: Wie weit würde ich selbst gehen, um ein Ziel zu erreichen?

Ulrike Sosnitza, Ein Klick zu viel. Verlag Königshausen und Neumann, 2013.

 

Roy Jacobsen, Die Farbe der Reue

Rezensentin: Sarah Czerwa

„Die Farbe der Reue“ ist ein Roman des norwegischen Autors Roy Jacobsen aus dem Jahr 2011. Gabriele Haefs übersetzte das Buch ins Deutsche, 2012 erschien es im Berliner Osburg Verlag.

Das Buch erzählt die Geschichte des 72 jährigen Hans Larsen, der nach einer langen Haftstrafe vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird. Er war, ist und bleibt ein Eigenbrötler. Es war es immer am liebsten, wenn er unsichtbar und unerkannt leben konnte.

Die zweite Hauptperson des Buches ist Hans Larsens Tochter Marianne. Sie ist alleinerziehende Mutter der kleinen Greta, arbeitet im Waschsalon, ist ständig knapp bei Kasse und wirkt auch psychisch labil. Jeden Tag stellt sie To Do- Listen für sämtliche zu erledigende Kleinigkeiten des Alltags auf, und jeden Abend wird der Tag kurz in ihrem Tagebuch analysiert und mit Plus- und Minuszeichen versehen. Zu ihrem Vater hat sie seit Jahren keinerlei Kontakt.

Hans arbeitet nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis schwarz bei seinem ehemaligen Chef im Hafen als Tagelöhner. Nach einem Unfall lernt er im Krankenhaus seinen wohlhabenden Bettnachbarn Arthur Almlie und dessen Frau Agnes besser kennen und tritt trotz seines hohen Alters bei ihnen eine Stelle als Gärtner und Hausmeister an. Seine Beziehung zu Agnes Almlie wird bald inniger und intimer. Agnes recherchiert ohne sein Wissen in Hans‘ Vergangenheit. Sie versucht auf eigene Faust mehr über Marianne und die kleine Greta herauszufinden und tut ihnen auch unbemerkt Gutes.

Ich fand es sehr schwierig, mich in das Buch hineinzufinden. Der Autor lässt sehr lange offen, warum das Verhältnis zwischen Vater und Tochter so zerrüttet ist. Es gibt immer wieder Hinweise auf die Kindheit von Marianne, aber was genau zwischen beiden geschah, erfährt der Leser erst gegen Ende des Textes. Vieles scheint mir einfach nur Füllmaterial zu sein ohne Bedeutung für den Fortgang der Handlung. Erst im letzten Drittel des Romans zeigt sich dann wieder eine einigermassen nachvollziehbare Handlung, die allerdings den zähen und langweiligen ersten Teil nicht mehr aufwerten kann.

Ich hätte das Buch am liebsten zur Seite gelegt und es nicht weiter gelesen. Die Geschichte wird lange nicht wirklich spannend und fesselt mich nicht. Der Autor selbst ist einer der meistgelesenen Schriftsteller Norwegens. „Die Farbe der Reue“ ist nicht sein herausragendster Roman. Von mir gibt es keine Empfehlung für dieses Buch.

Roy Jacobsen, Die Farbe der Reue. Osburg Verlag, 1. Auflage 2012.

 

Carlos Ruiz Zafón, Der Schatten des Windes

Rezensentin: Petra Gugel

„Bücher sind Spiegel: Man sieht in ihnen nur, was man schon in sich hat.“

Dieses Zitat aus „Der Schatten des Windes“ beschreibt am besten, was man von diesem Roman erwarten kann. Viele Rezensionen wurden darüber bereits geschrieben, und fast alle sind gleichlautend mit meiner Meinung: Es ist eine Geschichte voller Romantik, Tragik und Mystik, geschrieben in poetischer Sprache und bevölkert von einem Sammelsurium liebevoller Protagonisten. Joschka Fischer schwärmte nach der Lektüre: „Anderthalb Tage – Sie werden die Nacht durchlesen. Sie können es nicht weglegen, bevor Sie nicht am Ende sind.“ Einige Leser fanden das Buch etwas düster und den Anfang zu langatmig, was ich jedoch nicht nachvollziehen kann. Ich habe das Buch inzwischen fünfmal gelesen und schmökere auch zwischendrin immer wieder in meinen Lieblingsstellen.

Der Autor Carlos Ruiz Zafón versetzt den Leser in ein bedrückendes Barcelona zur Zeit der Franco-Diktatur. Als der junge Daniel Sempere zum ersten Mal den geheimnisvollen Friedhof der vergessenen Bücher betritt, darf er gemäß der Tradition ein Buch aus dem Bestand mitnehmen. Daniel entscheidet sich für den Roman „Der Schatten des Windes“, geschrieben von einem unbekannten Schriftsteller namens Julián Carax. Daniel möchte mehr von diesem Carax lesen und macht sich auf die Suche nach weiteren Romanen. Doch der Autor ist verschwunden, und seine Bücher scheinen allesamt von einer unheimlichen Person vernichtet worden zu sein.

Während Daniel älter wird, kommt er dem Geheimnis von Carax allmählich näher. Bei seinen Nachforschungen begleiten Daniel zwei Personen: Bea, der Schwester eines Freundes, und Fermín Romero de Torres, dem Zafón Dialoge voll sprühenden Wortwitzes in den Mund legt. Mit der Zeit entdeckt Daniel eine unheilvolle Verstrickung von Liebe, Gewalt und Politik, deren Auswirkung bis in die Gegenwart reicht. Gleichzeitig entspinnt sich zwischen ihm und Bea eine zarte Liebesgeschichte, die der verhängnisvollen Romanze zwischen Carax und dessen Jugendliebe gleicht. In einer verlassenen Villa trifft Daniel dann auf die Geister der Vergangenheit. Die Ereignisse spitzen sich zu, und Carax‘ unseliges Schicksal scheint sich bei Daniel zu wiederholen. Wobei die Betonung auf „scheint“ liegt, denn das Ende möchte ich natürlich nicht verraten.

„Der Schatten des Windes“ ist der Auftakt einer bisher dreibändigen Barcelona-Reihe, ein viertes Buch soll noch folgen. Die Geschichten der beiden Folgebände „Das Spiel des Engels“ und „Der Gefangene des Himmels“ spielen teils vor und teils nach den Ereignissen des ersten Teils. Zwar können die Fortsetzungen mit ihrem Vorgänger nicht ganz mithalten, sie sind aber dennoch ebenso lesenswert.

Carlos Ruiz Zafón, Der Schatten des Windes. Suhrkamp Verlag, 2005.

Buchrezis 2014

 

Christian Schwetz, mails & love – ein wienerisch-verwirrendes Lesevergnügen

Rezensent: Harry Sochor

Auf ein spannendes Abenteuer hat sich der österreichische Autor Christian Schwetz, der sich nach einigen literarischen Ausflügen in den 1980er Jahren für den Beruf des Steuerberaters entschieden hat und erst seit 2008 publiziert, mit seinem Roman „mails & love“ eingelassen: Er setzt mit seinem E-Mail-Roman die Tradition des Briefromans mit modernen Mitteln fort. Dabei entführt er den Leser in die chaotisch-verwirrende Gedankenwelt des frisch getrennten Protagonisten F.

F. steckt nach seiner Scheidung in der schwierigen Phase der Neuorientierung, weil ihn Broterwerb, die Halbzeitvaterschaft und seine ersten literarischen Erfolge nicht wirklich erfüllen. Er verliebt sich in schneller Folge, teilweise sogar gleichzeitig, in verschiedene Frauen, bis er die eine trifft, die scheinbar zu ihm passen könnte. Allerdings sucht F. nicht wirklich nach einer neuen Beziehung, sondern genießt vielmehr das rasch wiederkehrende Gefühl des Verliebtseins, welches schnell wieder abflaut.

Christian Schwetz erzählt die Geschichte in Form von E-Mails, die er an eine zunächst mysteriöse M. schickt. Wer hinter dieser Abkürzung steckt, erfährt der Leser erst im Verlauf des Romans. Ergänzt wird der E-Mail-Verkehr durch Gedankensplitter, Ereignisse, die F. widerfahren, und Lyrik. Die einzelnen Textpassagen sind kurz und oft nicht zusammenhängend, was den Leser förmlich dazu aufruft, das Buch nach dem fortlaufenden Durchgang erneut in die Hand zu nehmen und einzelne Passagen mehrfach oder nur Teile dieses kaleidoskopartigen Romans zu lesen.

Experiment geglückt?

Weil die Handlung nicht fortlaufend, sondern nur facettenhaft erzählt wird, verlangt Christian Schwetz ein hohes Maß an Konzentration vom Leser. Insofern hat er mit seinem dritten Werk nach dem Kurzgeschichtenband „Zwischen Brot und Spiel“ sowie dem Roman „Traanbecks Ausnahmezustand“ eine interessante Herausforderung geschaffen.

Allerdings, und das ist der Wermutstropfen im Lesevergnügen, grenzt Schwetz, der eine gelungene Wortakrobatik betreibt, die Leserschaft im deutschsprachigen Raum sehr stark ein. Dass die lyrischen Elemente in „mails & love“ auf Wienerisch geschrieben sind, mag der Leser außerhalb des österreichisch-bayerischen Sprachraums noch verzeihen. Allerdings verwendet Schwetz ohne nähere Erklärung Wiener Lokalkolorit, der so manchen Leser verschrecken könnte. Beispielsweise spricht er von einer Lesung in der VHS Favoriten und meint damit die Bildungseinrichtung im zehnten Wiener Stadtbezirk. Dieses Hintergrundwissen kann Schwetz jedoch von einem Nicht-Wiener nicht erwarten – erst recht nicht von einem Nicht-Österreicher.

Christian Schwetz, mails & love. AROVELL Verlag, 1. Auflage Januar 2014.

 

Diagnose Mord – fürwahr ein mörderisches Vergnügen

Rezensent: Harry Sochor

Pünktlich zur jüngsten Leipziger Buchmesse hat der Zwickauer Buchvolk-Verlag seinen neuesten Streich auf den Markt gebracht: Für „Diagnose Mord“ haben die beiden Herausgeberinnen Nessa Altura und Dr. med. Ulrike Blatter eine Reihe hochkarätiger Autoren aus dem deutschsprachigen Raum um sich geschart, die sich in ihren Kurzgeschichten der dunklen Seite der Medizin widmen.

Von Jack the Ripper bis zur Klontechnik

Die Autoren, darunter Trägerinnen und Träger renommierter Auszeichnungen, beleuchten die Themen Kriminalität und Medizin aus den verschiedensten Blickwinkeln. Die Bandbreite der Motive reicht von Racheaktionen für tatsächlich oder vermeintlich verpfuschte Operationen bis hin zu reiner Neugierde oder der perversen Lust am Töten. Besonders eindrucksvoll bleibt beim Lesen Wolfgang Schülers „Der Aufschlitzer“ im Gedächtnis haften. Der Autor greift das Thema Jack the Ripper, jenes legendären Prostituiertenmörders im viktorianischen England, auf. Es gelingt ihm, die Geschichte – obwohl schon vielfach erzählt – kurzweilig zu präsentieren und in die Storyline gleich mehrere überraschende Wendungen einzubauen.

Genau diese überraschenden Wendungen sind das absolute Markenzeichen der 18 Autoren. Denn in jeder Geschichte gibt es eine davon – sei es bezüglich des Täters oder seines Motivs –, die das Gelesene in einem komplett neuen Licht erscheinen lässt. Teilweise sorgen die Storys für Gänsehaut, teilweise zaubern sie ein Schmunzeln auf das Gesicht des Lesers. Dieses gefriert jedoch schnell, sobald das Essay von Dr. med. Ulrike Blatter, welches jede Geschichte begleitet, erreicht ist. Die Co-Herausgeberin streut darin Informationen aus dem Medizinbetrieb sowie der Kriminalistik ein oder beleuchtet das Thema der Geschichte aus einem anderen Blickwinkel. Dabei wird dem Leser klar: Selbst wenn die Geschichte den hintersten Winkeln der Fantasie entsprungen ist, bewegt sich der Autor näher an der Realität als dem Leser lieb sein kann.

Eine gut servierte Geschmackssache

Inhaltlich sind die einzelnen Geschichten sicher reine Geschmackssache, was angesichts der thematischen und stilistischen Vielfalt nicht ausbleibt. Doch die Figuren, vom perversen Professor, der mit menschlichen Klonen experimentiert, bis hin zur Giftmörderin, die ihre Liebhaber vergiftet, ausstopft und konserviert, entführen den Leser in ihre Welt und ihr Denken und bergen allemal spannenden Stoff zur Unterhaltung. Gut erzählt und handwerklich gut geschrieben sind sowohl die Storys als auch die Essays.

Fazit:

Mit „Diagnose Mord“ hat der Buchvolk-Verlag eine ganz besondere Perle der Kriminalliteratur in seinem Programm. Die Herausgeber und Autoren beweisen: Der Krimi lebt und bleibt spannend – erst recht abseits der ausgetretenen Pfade von Tatort, Agatha Christie oder Sir Arthur Conan Doyle. Den Vergleich mit den Größen des Genres braucht jedenfalls keiner der an „Diagnose Mord“ beteiligten Autoren zu scheuen.

Nessa Altura / Ulrike Blatter (Hrsg.), Diagnose Mord Buchvolk-Verlag Zwickau, 1. Auflage 2014.

 

Akif Pirinçci, Deutschland von Sinnen – ein deutscher Hassprediger oder ein deutscher Patriot?

Rezensent: Detlef M. Plaisier

Sehen Sie sich doch mal an, wer heute einen Kinderwagen durch die Stadt schiebt. Die billigsten Klamotten, abgekaute Fingernägel, eine Zigarette nach der anderen und ein Deutsch, das man nicht mehr als eigene Sprache erkennt – denen steht Hartz IV doch förmlich ins Gesicht geschrieben. Da wird einem Angst und Bange um Deutschlands Zukunft.

Stimmen Sie zu? Dann ist Akif Pirinçcis Buch die richtige Lektüre für Sie. Hätte er diese Sätze so geschrieben, wären sie noch eines der harmlosen Kaliber. Mit seinem ersten Sachbuch nach liebenswerten Katzenkrimis zündelt Pirincci an Deutschlands demokratischem Konsens. Konstantin Wecker notierte zutreffend, im Vergleich zu Sarrazin sei Pirincci gar ein „feinsinniger Intellektueller“ mit „Stürmer-Deutsch“ in Anspielung auf das antisemitische Hetzblatt der Nazis. Pirinccis Verlag sieht die Provokation, schwächt sie ab als einen „furiosen, aufrüttelnden und brachialen Wutausbruch, ein mutiges Unikat“. Und selbst FOCUS Online identifiziert Pirincci als das „außerparlamentarische Sprachrohr der Frust- und Normaldeutschen, die sich marginalisiert, düpiert, ausgeplündert sehen.“

Ich habe das Buch nicht komplett gelesen. Ich konnte es nicht ertragen. Sie wollen wissen, was darin steht? Eine Reihung himmelschreiender Dummheit, dumpfer Parolen, Sexismus und persönlicher Beleidigungen. Mehr nicht? Mehr nicht. Es gibt wenige Vorschläge, wie etwa den Steuersatz auf fünf Prozent vom Einkommen zu reduzieren. Weil Pirinçci schnoddrige, ordinäre, ja vulgäre Passagen zum durchgängigen Stilmittel erhebt, reißen Ansätze von Argumentationslinien ab. So verschenkt der Autor die Chance, wie Sarrazin über Provokation eine Diskussion zu entfachen.

Es ist meine Angewohnheit, erst ein Kapitel komplett zu lesen, um in ein Buch hereinzufinden. Bei Sarrazin war es der Fokus Bildung, bei Pirincci jetzt der Abschnitt „Über die Frauen“. Es ist schlicht widerlich. Pirinccis Idealbild der Frau ist mittelalterlich: ohne Besitz, entrechtet und dem Herrn immer zu Willen, wenn er es wünscht. Zu den jungen Frauen von heute weiß Pirincci zu bemerken, dass die Klitoris während des Geschlechtsverkehrs „nicht zur Gänze stimuliert wird“ und außerdem so tief in der Mulde verborgen sei… Noch ein Blick zu den Homosexuellen: Die gleichgeschlechtliche Ehe ist „ein einziger Witz und peinlich“, denn schließlich sei die Ehe ein Instrument „des Kindermachens in geordneten Verhältnissen.“ Genug. Es reicht.

Mich tröstet: Unsere Gesellschaft erträgt auch frei herumlaufende Geistesgestörte. Um einem „deutschen Intellektuellen die deutsche Wirklichkeit vor Augen zu führen“, empfiehlt Pirincci „eine Eisenstange auf den Kopf mit Schmackes“. Begäbe ich mich auf dieses Niveau, könnte ich mich dieser Tat schuldig machen. Ich bin vorsichtig, Menschen als Nazi oder Neonazi zu klassifizieren. Sarrazin und die AfD sind im Vergleich zu Pirinçci jedoch harmlose Kindergärtner.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Den ersparten Kaufpreis werde ich der Ahmadiyya-Gemeinde in Leipzig für den Bau ihrer Moschee spenden.

Akif Pirinçci, Deutschland von Sinnen. Lichtschlag in der Edition Sonderwege, März 2014.

 

Kéthévane Davrichewy, Am Schwarzen Meer

Rezensentin: Sarah Czerwa

Das Buch erschien 2010 unter dem französischen Titel „La mer noire“ und 2011 in deutscher Sprache im S. Fischer Verlag. Übersetzt wurde es von Claudia Kalscheuer, die unter anderem schon Werke von Jules Verne übersetzt hat. Die Autorin wurde 1965 in Paris geboren und ist selbst georgischer Herkunft. Das Buch erzählt die Geschichte ihrer Großeltern und wurde in Frankreich bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet.

Tamuna feiert ihren 90. Geburtstag mit all ihren Lieben und blickt auf ein langes, ereignisreiches Leben zurück. Geboren in Georgien, wuchs sie gemeinsam mit ihrer Schwester Thea als Tochter eines Politikers auf. Als Tamuna 15 Jahre alt ist, muss die Familie wegen politischer Unruhen und der Stellung des Vaters schnell das Land verlassen, was dem pubertierenden Mädchen natürlich nicht gefällt. Sie will weder die geliebten Großeltern noch ihre Cousins und Cousinen verlassen – und erst recht nicht ihre erste große Liebe Tamas. So gelangen Tamuna und ihre Schwester Thea mit den Eltern in einen Vorort von Paris, an dem sich bereits andere georgische Flüchtlinge niedergelassen haben.

Am Anfang ist Tamuna sehr enttäuscht über das neue Leben. Sie hatte sich Paris anders vorgestellt und fühlt sich auch ihr ganzes Leben lang immer als Georgierin, die nur in Paris lebt, weil sie wegen der Unruhen nicht zurück in ihre Heimat gehen kann. Tamuna wird erwachsen, heiratet mehr aus Vernunft denn aus Liebe einen anderen georgischen Mann und bekommt zwei Kinder mit ihm. An jedem Tag ihres Lebens denkt Tamuna an ihre große Liebe Tamas, schreibt ihm Briefe, die sie nie abschickt, und sie malt sich aus, was wohl mit ihm passiert ist und wie es ihm geht. Die beiden haben über die Jahre hinweg mehrere Begegnungen, aber es ist nie der richtige Moment für das große gemeinsame Glück. Trotzdem liebt Tamuna ihren Tamas ihr ganzes Leben lang, und genau diese Liebe gibt ihr die Kraft, alle Schicksalsschläge zu überwinden und nie aufzugeben.

Kéthévane Davrichewy erzählt die Lebensgeschichte ihrer Großmutter aus verschiedenen Perspektiven, zwischen denen sie wechselt. Der ständige Wechsel macht es hin und wieder kompliziert, sich tief in die Geschichte einzufinden, und ich hatte auch meine Probleme mit den vielen Personen mit georgischen Vornamen, die von Zeit zu Zeit dazukommen. Wenn man nicht wirklich dem Buch seine volle Aufmerksamkeit schenkt und es nicht in einem Rutsch liest, ist es schwer, sofort zu verstehen, welche Person in welchem Verhältnis zu der Hauptperson Tamuna steht. Es erschließt sich natürlich nach und nach, aber ich fand es nicht ideal.

Zusammenfassend kann ich das Buch trotzdem empfehlen. Es ist die mitreißende Geschichte eines bewegten Lebens und einer großen Liebe in den Wirren des Krieges. Ich habe viel über die Geschichte Georgiens, über den Zweiten Weltkrieg und über das Leben als Flüchtling erfahren.

Es gibt sie also noch – die große Liebe! Und sie ist stärker als alles andere und währt ein Leben lang.

Kéthévane Davrichewy, Am Schwarzen Meer. S. Fischer 2011. 

Buchrezis 2012

 

Ursula und Katrin Busch, Zurück nach Ägypten – ein enttäuschender Tatsachenbericht

Rezensentin: Michaela Marx, Kairo

Selbst in Ägypten lebend, war ich mehr als enttäuscht von „Zurück nach Ägypten“ von Ursula und Katrin Busch.

Die „wahre Geschichte“, so der Untertitel, handelt von einer Mutter und ihrer Tochter. Sie betreiben im ägyptischen Hurghada ein Hotel. Die Tochter wird von einem Ägypter ausgenutzt. Eine typische Bezness¹-Geschichte, möchte man fast unterstellen. Auf der anderen Seite beteuert die Mutter im Buch, Ägypten zu lieben, stellt die Menschen aber ständig als Nichtsnutze, Lügner und Betrüger dar. Man spürt genau, dass sie keinerlei Sympathie zu Religion, Kultur, Menschen und Land aufbringt. Sie wirkt sehr überheblich, das Buch wirkt oberflächlich. Ihre ständigen Pauschal-Urteile machen „Zurück nach Ägypten“ sehr langweilig.

Selbst kurze Abschnitte zur Schönheit von Land, Pyramiden, den Tempeln und dem Nil können nicht darüber hinwegtrösten. Es wirkt einfach nicht ehrlich. Vielmehr hat man das Gefühl, dass sie mit einem persönlichen Rachefeldzug gegen einen mutmaßlich betrügerischen Ägypter Geld verdienen möchte. Interessanter wäre die Geschichte aus Sicht der betroffenen Tochter. Sie war zum Zeitpunkt der Geschichte 40 Jahre alt. Man bekommt aber den Eindruck, es handle sich um ein naives Mädchen, welches von der Mutter geschützt werden muss.

Aber nicht nur inhaltlich überzeugt dieses Buch nicht. Es ist voll von Grammatik- und Rechtschreibfehlern. Es wird nur versucht, ein sehr negatives Bild von Ägypten zu zeichnen. Deswegen ist „Zurück nach Ägypten“ auf keinen Fall empfehlenswert.

¹ Bezness ist ein Kunstwort, hergeleitet vom englischen Wort „business“. Es beschreibt das Geschäft mit den Gefühlen von Frauen, meist europäischen Frauen. Bezness ist das Vorspielen von Gefühlen zum Zwecke der eigenen Vorteilsnahme, finanzieller oder materieller Art. Bezness geht einher mit der Vorspiegelung einer festen Beziehung und allzu oft mit der Vision einer gemeinsamen Zukunft. Bezness kommt überall dort verstärkt vor, wo „reicher“ Tourist auf ärmere Einheimische trifft. Sind z.B. in Thailand, Brasilien, Dominikanische Republik oder Kuba vorwiegend die männlichen Touristen Ziel der Begierde einheimischer Frauen, sind europäische Frauen eher in Ländern wie Ägypten, Tunesien, Kenia und der Türkei Ziel der einheimischen Männer. (Quelle: http://www.reiseinfo-tuerkei.de/Tuerkei/bezness.htm)

Ursula und Katrin Busch, Zurück nach Ägypten: Eine wahre Geschichte. Verlag Kern Bayreuth, 1. Auflage 2010.

 

Kressmann Taylor, Adressat unbekannt. Es gibt auch heute noch diesen Keim.

Rezensent: Holger Micklitza Graf von Andechs

Adressat unbekannt – so der Titel – der sichtbar, auf dem unscheinbaren Bild, mit einem Brief an eine deutsche Adresse gerichtet ist. Der Brief verrät durch seinen Stempel, dass sein Schreiber aus San Francisco kommt und dass der Brief schon sehr alt ist. 12. November 1932. 1932? Ein, zwei Gedanken weiter… also ein Buch über Antisemitismus. Ich fange an zu lesen.

Nach kurzer Orientierung stelle ich fest, dass hier ein sich wiederholender Schriftwechsel abgedruckt ist. Ist das spannend? Ich kenne weder die Leute noch habe ich von diesen je etwas gehört. Ich bin aber trotzdem neugierig und will die Briefe lesen, sind sie doch so voll Zuneigung zwischen zwei Menschen. Die ersten Briefe geben Orientierung. Ich weiß nun, wer was macht und wo wer wohnt. Jetzt könnte aber was passieren und in der Tat, der Tonfall ändert sich von jetzt auf gleich in den Briefen. Plötzlich stößt er durch die Erde, der Keim, von dem wir alle wissen, dass er zu einem Monster, ja zu einer Fratze des Bösen herangewachsen ist. Eine Fratze, die bis heute noch Leute in ihren Bann zieht, welche den Holocaust leugnen und damit wieder Mitläufer aus allen Gesellschaftsschichten findet. Dieser Keim scheint vor Kraft nur zu strotzen und er scheint auf nahrhaftem Boden zu stehen.

Jeder Brief wird schärfer. Wo ist die Zuneigung der Briefeschreiber geblieben? Sie waren doch Freunde, Geschäftspartner, die sich blind vertrauten. Nicht mal Belege über Buchungen wollte man voneinander sehen. Die Geldeingänge stimmen schon… und plötzlich will man keinen Kontakt mehr? Nicht nur, weil die Gefahr droht, entdeckt zu werden, wenn man mit einem Juden etwas zu tun hat, nein – aus Überzeugung! Welch ein Wandel, den der Leser hier über sich ergehen lassen muss und gegen den er nichts unternehmen kann. Ich selbst bin gefesselt, will aufschreien, warnen und meine Entrüstung öffentlich bekannt geben und kann und muss einfach das Buch doch einfach nur zu Ende lesen. Bis das Ende eingeleitet wird – Adressat unbekannt – ein Brief kommt zurück. Und doch wird es hier genau noch einmal spannend. Denn es wird noch ein weiterer Brief mit dem Stempel „Adressat unbekannt“ zurück gesendet in das freie Amerika. Der Brief, der an Martin gerichtet war, die Person, die mit einem Juden sehr gut und eng befreundet war und gute Geschäfte machte und dann nicht mehr liberal auftrat, sondern die NS-Zeit gelebt hat und voller Überzeugung war.

Zu viele haben damals weg geschaut. Doch hätte ich meine Stimme zu dieser Zeit damals erhoben? Wäre ich mutig genug gewesen? Es gibt auch heute noch diesen Keim, der in der Erde schlummert und nur auf etwas Wasser wartet, um dann empor zu sprießen. Darum: Wehret den Anfängen und tauscht den Samen aus! Denn nur wer Liebe sät, wird diese mit Gerechtigkeit gekreuzt ernten.

 

Kressmann Taylor, Adressat unbekannt. Dieses Buch sollte Pflichtlektüre werden.

Rezensentin: Susann Heinze-Wallmeyer

In dem Buch geht es um die Freundschaft des Deutschen Martin und des Juden Max. Diese haben in den USA gemeinsam einen florierenden Handel von Kunstwerken aufgebaut. Anfang der 1930er Jahre geht Martin zurück nach Deutschland. Während er erst dem neuen System sehr misstrauisch gegenübertritt, ändert sich dies innerhalb weniger Monate. Er wird zu einem glühenden Verfechter der Naziideologie und lässt dies auch seinen jüdischen Freund spüren. So bittet er diesen, die Geschäftspost nicht mehr zu ihm nach Hause, sondern direkt an die Firma zu senden. Als die Schwester von Max bei Martin Zuflucht sucht und ihr diese verwehrt wird, beschließt Max, sich an seinem früheren Freund auf ganz raffinierte Weise zu rächen. Wie die Geschichte ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten, denn Sie sollen das Buch ja schließlich selbst lesen.

Während andere bekannte Bücher über die Nazizeit, beispielsweise „Die Blechtrommel“ oder „Die Welle“, erst Jahrzehnte später geschrieben wurden, verfasste Katherine Kressmann Taylor dieses Buch bereits im gleichen Jahrzehnt, genauer gesagt im Jahr 1938. Sie konnte dabei auf reelle Briefe zurückgreifen. Das Buch „Adressat unbekannt“ wurde in den USA zu einem absoluten Kassenschlager. Sicher haben sich auch einige Leser dieses Buch zu Herzen genommen und sich ebenfalls an so manchem deutschen Nazimitläufer gerächt. Verübeln könnte man es ihnen nicht.

Da das Buch gerade einmal 62 Seiten hat, eignet es sich hervorragend als Lektüre für den Schulunterricht. Auch „lesefaule“ Schüler, die nicht gerne dicke Wälzer lesen, sollten mit der Lektüre dieses Buches nicht überfordert sein. Absolut lesenswert ist auch das Nachwort von Elke Heidenreich. Sie bringt den Inhalt des Buches noch einmal kurz und prägnant auf den Punkt.

Mein Mann arbeitet als Lehrer bei der Bundeswehr. Irgendwann kam dort das Gespräch auf die Umerziehung von Menschen. Viele seiner Schüler konnten es sich nicht vorstellen, wie sich das Gedankengut eines einzelnen Menschen binnen weniger Monate so grundlegend wandeln kann. Bis sie dann dieses Buch gelesen haben...

 

Kressmann Taylor, Adressat unbekannt. Geschichte darf sich nicht wiederholen.

Rezensentin: Birge Tramontin

Eines der bekanntesten Werke, die an die Zeit des Zweiten Weltkrieges erinnern, ist zweifelsohne “Das Tagebuch der Anne Frank”. Ein erschütterndes Werk, welches in 55 Sprachen übersetzt wurde und heute eine Auflage von sagenhaften 20 Millionen Exemplaren erreicht hat.

Es ist nicht nur ein Mahnmal an die Gräueltaten des Holocaust, den propagierten Antisemitismus und den Völkermord an mindestens 5,6 bis 6,3 Millionen Juden – darüber hinaus ist es auch über 60 Jahre später noch ein Zeichen gegen das Vergessen.

Dass gerade die Erinnerung so wichtig ist, dokumentieren immer wiederkehrende sowie bestehende rechtsextremistische Strömungen, aber auch die Unwissenheit heutiger Jugendlicher und die damit verbundene Gleichgültigkeit. Aber auch das Unverständnis, wie es dazu kommen konnte, wirft viele Fragen auf. Antworten darauf gibt es im Werk von Kressmann Taylor “Adressat unbekannt”. In dem fast unscheinbaren, kleinen Buch wird auf nur 62 Seiten der Briefwechsel zwischen dem amerikanischen Juden Max Eisenstein und dem Deutschen Martin Schulse in der Zeit von 1932 bis 1934 beschrieben. Ohne näher auf geschichtliche Fakten einzugehen, wird von Brief zu Brief mit einer eindrucksvollen Dynamik die veränderte Beziehung bis hin zum Ende der einstigen Freundschaft geschildert.

Auf der einen Seite ist Max Eisenstein, der mit wachsender Sorge die politischen Veränderungen in Deutschland beobachtet. Auf der anderen Seite steht Martin Schulse, welcher nach seiner Rückkehr schnell in den Einfluss von Hitlers Politik gerät und dadurch nicht nur zum Mitläufer, sondern auch zum Verfechter antisemitischen Gedankengutes wird.

Auf die Frage, wer eigentlich Adolf Hitler ist, antwortet der deutsche Geschäftsmann: “Um die Wahrheit zu sagen, Max, glaube ich, dass Hitler in einiger Hinsicht gut für Deutschland ist, aber sicher bin ich nicht.” Er beschreibt ihn als elektrischen Schock, anfangs noch mit verhaltenen Zweifeln an der Entwicklung und der Leitidee. Doch bereits der nächste Brief entlarvt ihn als treuen Mitläufer, der völlig eingenommen von der Ideologie des Nationalsozialismus ist und die Juden als Schandfleck tituliert. Martin ist keine Einzelperson dieser Zeit – für den Leser steht er als Symbol für Millionen Deutscher.

Obgleich die Freundschaft längst zerbrochen ist und der Kontakt nur noch auf geschäftlicher Ebene basiert, appelliert der einstige Freund Max aus dem fernen Amerika im November 1933 voller Angst an Martin, sich um seine Schwester Griselle zu kümmern. Diese trat in einem Berliner Theaterstück auf, wurde als Jüdin enttarnt und war seither auf der Flucht.

Die Antwort von Martin beginnt nicht nur mit “Heil Hitler” – in einer schockierenden Gleichgültigkeit, aber auch Schonungslosigkeit berichtet er in wenigen Sätzen fern jeder Anteilnahme vom Tod Griselles. Diese hatte Zuflucht bei ihm, dem einstigen Freund sowie Geliebten gesucht und wurde gleich im Anschluss an sein Wegschicken durch dessen Mitschuld von der SA ermordet. Der Brief an sie kehrt mit dem Vermerk “Adressat unbekannt” an den Bruder zurück, an diesem Punkt dringt das Motiv erstmals durch.

Obwohl ich nur einen kurzen Blick in das Buch werfen wollte, habe ich es seit dem Zeitpunkt nicht mehr aus den Händen gelassen. Nach einer kontinuierlich ansteigenden Dramaturgie erreicht es einen neuen Höhepunkt. Denn Max rächt sich auf sehr subtile Weise: Die weiteren Briefe adressiert er entgegen Martins Weisung an dessen Privatadresse und versieht sie mit geschickten Zahlen sowie verschwörerischen Aussagen. Sehr wohl wissend, dass er damit die Aufmerksamkeit der Zensur erregt.

Es mutet schon unerträglich an, als Martin voller panischer Angst daraufhin an die alte Freundschaft appelliert und um Verständnis für sein Handeln bettelt. Vergebens – schon der zweite Brief danach wird mit dem Vermerk “Adressat unbekannt” zurückgesandt.

62 Seiten, die bewegen und zum Nachdenken anregen.

62 Seiten, die eindrucksvoll vermitteln, wie Millionen Deutsche als Mitläufer oder indem sie die Augen verschlossen ebenfalls zu Tätern wurden.

62 Seiten mit einer Botschaft: Die Geschichte darf sich nicht wiederholen!

Buchrezis 2012

 

Kressmann Taylor, Adressat unbekannt. Die Freundschaft war nur ein Trugschluss.

Rezensentin: Eva Rakel

Am Anfang der Geschichte schreiben sich die beiden Freunde Max und Martin sehr liebevolle Briefe, die den Leser auf eine innige Freundschaft zwischen den beiden Männern schließen lassen. Doch am Ende der Geschichte haben sie sich und ihre Freundschaft verraten. Wie konnte es dazu kommen?

Zu einfach wäre es, ausschließlich die äußeren Umstände dafür verantwortlich zu machen. Vielmehr wirft die Entwicklung von einer liebevollen Freundschaft zu einem feindseligen Umgang miteinander die Frage auf, ob es sich wohl jemals um echte Freundschaft zwischen Max und Martin gehandelt hat. Denn für sowohl Max als auch Martin war ihre Freundschaft von gegenseitigem Nutzen geprägt. Max, der ansonsten vielleicht eher einsam war, fühlte sich bei Martins Familie heimisch. Martin hatte eine Affäre mit der Schwester von Max, und schließlich waren die zwei erfolgreiche Geschäftspartner.

Vordergründig fühlte sich die Verbindung zwischen Max und Martin vielleicht an wie eine Freundschaft, doch in Wahrheit war sie nur ein Trugschluss. Nach dem Umzug Martins aus den USA nach Deutschland hebt sich der Nutzen der Freundschaft zwischen den beiden Männern auf. Die scheinbar intimen Briefe sind nur noch ein schönes Nachgeplänkel ohne Substanz. Denn als es darauf ankommt, sind sie nicht füreinander da.

 

Kressmann Taylor, Adressat unbekannt. Ein Buch, das mich in den Bann zieht.

Rezensentin: Yvonne Giebels

Als ich das Buch „Adressat unbekannt“ in den Händen hielt, war mein erster Gedanke: „Och nee, nicht schon wieder ein Holocaust-Buch“. Doch dann habe ich angefangen zu lesen und dieser Gedanke war schnell verflogen. Das Buch zog mich in seinen Bann, obwohl es nur knapp 55 Seiten lang ist.

Anfang der 1930er Jahre kehrt ein Deutscher aus den USA nach Deutschland zurück und tauscht mit seinem jüdischen Geschäftsfreund, ebenfalls ein Deutscher, der in den USA geblieben ist, um die gemeinsame Galerie weiterzuführen, Briefe aus. Briefe, die von einer tiefen Freundschaft und Vertrautheit erzählen. Auch die Veränderungen in Deutschland kommen in den Briefen nach und nach zur Sprache und werden von dem Rückkehrer zunächst sehr skeptisch beurteilt. Doch dann lässt er sich in die braune Gedankenwelt hineinziehen, bis er sich ihr schließlich mit großer Begeisterung anschließt. Die Freundschaft zu seinem ehemaligen Geschäftspartner verleugnet er. Er beschimpft ihn und verbietet ihm sogar, weiter Briefe zu schreiben. Nichts bleibt mehr von der heiteren und sorglosen Freundschaft. Ein Wandel, den der Leser in erschreckender Weise miterlebt. Als die Schwester des jüdischen Geschäftspartners in Deutschland auf der Flucht vor der SA Hilfe braucht, verweigert der Rückkehrer diese, rechtfertigt sich mit selbstgerechten Sprüchen und hat die Stirn zu behaupten, sie sei als Jüdin schließlich selbst schuld an ihrem Schicksal. Spätestens an dieser Stelle ist man versucht, durch die Seiten in das Buch zu springen und ein paar kräftige Ohrfeigen auszuteilen.

Nun könnte man glauben, dass die Geschichte so ausgeht, wie man es von Büchern mit diesem Thema gewohnt ist, doch weit gefehlt. Der jüdische Geschäftspartner in den USA verzeiht seinem ehemaligen Freund diesen ultimativen Verrat nicht und rächt sich. Er fängt an, seinem ehemaligen Geschäftspartner Briefe und Telegramme mit wirrem Inhalt zu schreiben, die darauf hinzudeuten scheinen, dass der deutsche Rückkehrer in eine Verschwörung verstrickt ist. Die Briefe werden von der Zensur abgefangen, und es kommt, wie es kommen muss. Der neue Nazi verliert den Rückhalt seiner neuen Freunde und verliert alles. Jetzt aber erinnert er sich plötzlich an die alte Freundschaft und appelliert an den ehemaligen Freund, ihn zu verschonen. Der denkt jedoch gar nicht daran. Der letzte Brief aus den USA kann schließlich nicht mehr zugestellt werden, weil der „Adressat unbekannt“, also vermutlich verhaftet ist.

Obwohl es so kurz ist, geht dieses Buch weit mehr unter die Haut als dickere Bücher und kluge Abhandlungen, denn „Adressat unbekannt“ erzählt die bekannte Geschichte sehr verdichtet. Gleichzeitig wird auf diese Weise deutlich, was die braune Ideologie alles zerstört hat. Und trotzdem ist man als Leser am Ende des Buches zufrieden, weil wenigstens einer der Mitläufer für seine Taten büßen musste und seine gerechte Strafe bekommen hat. 

 

Niccolò Ammaniti, Du und Ich

Rezensent: Detlef M. Plaisier

Lorenzo muss sich verstellen, um einigermaßen unbeschadet durchs Leben zu kommen. In Wirklichkeit will Lorenzo nur mit seiner Mutter, seinem Vater und seiner Großmutter „Nonna Laura“ zusammen sein und sich ansonsten in seiner Welt aus Playstation, Träumen und Stephen King-Romanen vergraben. Aber so funktioniert Leben nicht! Lorenzo hat zu lernen, sich unter anderen Menschen zu bewegen, im Kindergarten, in der Schule, in der Freizeit. Dabei will Lorenzo nur allein sein und in seiner Welt leben dürfen. Wenn jemand sein Distanzbedürfnis nicht einhält und ihm zu nahe tritt, verliert er die Kontrolle, sieht rot und schlägt um sich. Nachdem er so einen Klassenkameraden verletzt hat, muss er zum Psychologen.

Aber Lorenzo ist nicht dumm. In einem langwierigen Lernprozess eignet er sich die gewünschten Verhaltensweisen an, indem er seine Umgebung kopiert. Er erlernt eine Art sozialer Mimikry, mit der er sich in der Menge verstecken kann, ohne sich wirklich am Zusammenleben zu beteiligen.

Skiausflug nach Cortina Um ihr eine Freude zu machen, erzählt Lorenzo seiner Mutter, eine Klassenkameradin habe ihn zum Skifahren eingeladen. Eine Woche werde er mit Freunden in Cortina verbringen – was natürlich nicht stimmt.

Die Freude seiner Mutter über diese positive Entwicklung ist so riesig, dass er beschließt, den Skiurlaub vorzutäuschen und die Woche im Keller des Hauses zu verbringen. Das klappt auch, bis ihn dort seine Stiefschwester Olivia findet. Sie hat keine Bleibe und ist drogenabhängig. Sie muss Lorenzo erst erpressen, damit er sie in seinem Kellerdomizil aufnimmt. Es beginnt ein schwieriges Zusammenleben, nachdem Lorenzo endlich Olivias Drogenabhängigkeit erkannt hat. Als Olivia auf eigene Faust einen Entzug versucht, übernimmt Lorenzo Verantwortung für seine Schwester und lernt so, dass es auch Wichtiges außerhalb des eigenen Ich gibt.

Zwangsgemeinschaft im Keller als Lorenzos Sprungbrett ins Leben

Nicht nur die übernommene Verantwortung, auch die Zuwendung seiner Schwester machen Lorenzo klar, dass er nicht auf ewig in sein eigenes Ich eingesperrt bleiben kann und das auch nicht will. Der Kelleraufenthalt ist Lorenzos Schnellkurs in sozialer Kompetenz.

Konsequent aus Lorenzos Ich-Perspektive geschrieben, fesselt „Du und Ich“ durch eine Schnörkellosigkeit in der Sprache und mit treffsicheren Bildern. Ein Kompliment an dieser Stelle auch dem Übersetzer Ulrich Hartmann.

Auch „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ von Junot Díaz oder „Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn“ von André Kubiczek handeln vom Erwachsenwerden, begleiten aber eine ganze Lebensentwicklung. Ammaniti hat sich auf diese eine Episode in Lorenzos Leben beschränkt und damit ein Werk von fast novellistischer Zuspitzung geliefert. Er beschreibt einen Wendepunkt, der Lorenzo den Start in ein anderes Leben ermöglicht. Ein Buch, das trotz einer fast grausamen Rahmenhandlung deutlich in die Kategorie „unbedingt lesen“ gehört.

Niccolò Ammaniti: Du und Ich. Piper Verlag, 2012.

 

Kay Schönewerk, Das Weiße ohne das Gelbe

Rezensent: Detlef M. Plaisier

Zugegeben: Ganz objektiv bin ich als Rezensent nicht. Ich kenne den Autor Kay Schönewerk aus seiner Leipziger Kommunikationsagentur 4iMEDIA, deren Geschicke er leitet. Bei unseren Begegnungen hat er sein Ernährungscredo nie vor sich her getragen und auch nie missioniert. Mit der Publikation des Buches im Eigenverlag der Agentur hat sich Kay Schönewerk einen Traum erfüllt. Also mal eben ein Buch raushauen, schließlich ist man ja in der Kreativenbranche? Mitnichten: Der Anlass ist in Bildern auf dem Cover zu sehen, und der ist wahrhaftig pfundig.

Minus 50 Kilo in neun Monaten erscheint wie Hexenwerk. Dabei ist der Königsweg zum dauerhaften Erfolg nichts anderes als die Umsetzung der Erkenntnis: Wer dem Körper mehr Kalorien zuführt, als er am Tag verbraucht, wird auf Dauer dick. Und wer zu Radikalkuren greift, legt am Ende sogar noch mehr zu. Das verstehen Bürohocker, Leistungssportler und Schwerarbeiter. Kay Schönewerk greift zu einem kleinen Kniff: Mit dem Untertitel des Buches „Wie ich mit dem richtigen Frühstück 50 Kilo abgenommen habe“ suggeriert er, schon eine Veränderung der ersten Mahlzeit des Tages verhelfe zum Wunschgewicht. Das allerdings wäre Hexenwerk. Zu drei kleinen Frühstückchen vor dem Mittag kommt nach dem Tagwerk noch eine gehörige Portion Sport, die das Abnehmkonzept stützt. Da ist der innere Schweinehund besonders gefordert. Und auch für die restlichen Mahlzeiten des Tages gibt es Rezepte, die auf einer Low Carb-Ernährung basieren.

Kay Schönewerk hat sich nicht nur schlank gegessen, er hat sich vielmehr schlank gerechnet. Dafür bedarf es nicht einmal höherer Mathematik und Alchimie. Seine Beispiele sind für jeden nachvollziehbar: Ein Ei hat 95 Kilokalorien, davon allein das Eigelb 73. Also gibt’s das morgendliche Rührei mit vier Eiweiß und einem Vollei für den Geschmack, dazu mageren Kochschinken und frische Champignons. Kaffee mit Milch? Gestrichen, trotz der exquisiten Maschine in der Agentur. Allein der „Schuss Milch“ in den Kaffee macht bis zu 200 Kalorien am Tag aus. Diese Beispiele lassen sich fortführen, und jeder Leser fühlt sich dabei ertappt. [Für mich als Ostfriesen ist der Tee ohne Sahne allerdings undenkbar …]

Kay Schönewerk entwickelt ein Szenario, das den Belastungen des Alltags standhält und zu einem dauerhaften Abnehmerfolg führt. Die kurzen Buchkapitel, für jedes verlorene Kilo eines, beleuchten verschiedene Aspekte der Low Carb-Ernährung mit praktischen Tipps und Mutmachern, falls die Waage doch mal in die falsche Richtung ausschlägt. Dem Autor gelingt es, den Leser so auf eine Reise mitzunehmen, als hätte er die Route selbst bestimmt. Hier wird nicht wissenschaftlich doziert, sondern praktisch geholfen.

50 Kilo weniger sind eine enorme Leistung, insbesondere für jemanden, der als Selbständiger im Arbeitsleben steht und Verantwortung für Betrieb und Mitarbeiter trägt. Eine unabdingbare Regel im Arbeitsleben gilt auch für das Ziel, Kilos dauerhaft abzuspecken, seien es fünfzig oder nur fünf: Ohne Disziplin gelingt nichts. Dies ist die mahnende und erprobte Botschaft des Autors hinter dem unterhaltsamen Plauderton.

Kay Schönewerk, Das Weiße ohne das Gelbe. Selbstverlag des Autors.